Rechtshistoriker Daniel Damler: Der Krake Kapitalismus

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InterviewRechtshistoriker Daniel Damler: Der Krake Kapitalismus

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„The Monster Monopoly“: Cartoon von 1884 über den Öl-Konzern Standard Oil.

von Dieter Schnaas und Christopher Schwarz

Der Historiker Daniel Damler hat die Rolle von Konzernen für die Bildsprache der Moderne untersucht. Ein Gespräch über Monster-Metaphern, verlorene Verantwortung und das Reinheitsgebot der Ordoliberalen.

WirtschaftsWoche: Herr Damler, die kapitalistische Wirtschaftsordnung wird, nicht nur von ihren Kritikern, oft als undurchsichtiges, anonymes, auch bedrohliches System wahrgenommen. Der frühere Bundespräsident Horst Köhler etwa sprach von den Finanzmärkten als Monstern, der SPD-Politiker Franz Müntefering prägte das Bild der Heuschrecke. Sind das zulässige Bilder?
Daniel Damler: Jedenfalls sind sie unvermeidlich, schon deshalb, weil es ein Bedürfnis gibt, abstrakte Zusammenhänge greifbar, sinnlich fassbar zu machen. Das gilt für die politische Öffentlichkeit, aber auch für den wissenschaftlichen Diskurs. Das Denken in Bildern gehört zu unserer kognitiven Ausstattung. Wir brauchen Metaphern, um die Welt zu verstehen. Die Frage ist allerdings, ob man die richtigen Metaphern wählt und ob man sich bewusst ist, welche Implikationen sie haben. Wenn Bilder einmal in die Öffentlichkeit gelangt sind, ist es schwer, sie zu beherrschen.

Zur Person

  • Daniel Damler

    Daniel Damler, 41, ist Privatdozent an der Universität Tübingen, assoziierter Wissenschaftler am Max-Planck-Institut für europäische Rechtsgeschichte in Frankfurt am Main und Rechtsanwalt in der Sozietät Schilling, Zutt & Anschütz.

Weil sie sich verselbstständigen?
Sie entwickeln ein Eigenleben, unter Umständen auch gegen die Interessen ihres Schöpfers. Bestimmte Aspekte können dann eine Bedeutung bekommen, die er vielleicht gar nicht im Sinn hatte. Etwa die diffuse Angst, der namenlose Schrecken, der von Monstern ausgeht, ihre Riesenhaftigkeit und Unbeherrschbarkeit. Das Problem ist die Suggestivkraft von Bildern. Sie sind zulässig, oft hilfreich, aber auch gefährlich.

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Die moderne Konzernwirtschaft wird mit Bildern des Bösen assoziiert. Der „Raubtierkapitalismus“ ist sprichwörtlich geworden. Gibt es einen Fundus von Bildern, der von Kritikern mobilisiert werden kann und der die undurchsichtigen Machtstrukturen der Konzerne besonders gut erfasst?
Ja, aber dazu gehören nicht nur Tiere, wie etwa die Spinne, die über die Fäden des Netzes ihre Beute gefangen hält. Es genügt, dass es sich um Phänomene handelt, die in einer bestimmten Epoche als gefährlich wahrgenommen werden und eine Strukturähnlichkeit haben mit dem, was man kritisieren will. Ein Beispiel ist die moderne Stadt, der Moloch, mit seinen staatsfreien Räumen, seinen Ganovenvierteln und Migrantenghettos, vor allem: mit seiner Anonymität. Bindungslosigkeit und Anonymität sind besonders populäre Formeln der Großstadt- und Kapitalismuskritik. So wie sich der vereinzelte Stadtmensch in den riesenhaften Steinwüsten New Yorks oder Berlins bewegt, entwurzelt und unerkannt, so agiert der egoistische Kapitalist in der Deckung eines eng verwobenen Netzes aus Kapitalgesellschaften. Die Kapitalismuskritik zu Beginn des 20. Jahrhunderts zielte immer auf die Beseitigung des „anonymen Kapitals“. Solche antiurbanistischen Denkfiguren prägen bis heute das Verständnis des korporativen Kapitalismus.

Rechtshistoriker Daniel Damler im Interview mit WirtschaftsWoche. Quelle: Presse

Rechtshistoriker Daniel Damler im Interview mit WirtschaftsWoche.

Bild: Presse

Die Zeitgenossen brauchen zum Verständnis der als „irgendwie“ gefährlich wahrgenommenen unternehmerischen Großkomplexe starke Bilder, suchen visuelle Analogien?
Ja, und das funktioniert auch umgekehrt, mit positiv belegten Zuschreibungen: Dann wird das Unternehmen etwa als Familie dargestellt, im Sinne eines harmonischen Gegenmodells zum Moloch. Immer geht es darum, ein abstraktes juristisches Gebilde – den Konzern – sinnlich zu erden. Spätestens seit den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts gibt es dafür hoch spezialisierte PR-Abteilungen. Sie sind ausschließlich damit befasst, ein positives, freundlich in die Öffentlichkeit strahlendes Bild des Unternehmens zu schaffen.

Worin besteht die abstrakte Qualität von Kapitalgesellschaften, die nach visueller Verständlichkeit verlangt?
In der Fiktionalisierung der Rechtsträgerschaft. Der „normale“ Rechtsträger ist ein konkreter Mensch, ein Wesen aus Fleisch und Blut. Aber die Briefkastenfirmen zum Beispiel, über die heute so viel gesprochen wird, sind Gebilde, die gar nicht als sinnliche Erscheinung auftreten. In dem Moment, in dem man Kapitalgesellschaften, wie in den USA im ausgehenden 19. Jahrhundert, gestattet, Anteile an anderen Kapitalgesellschaften zu erwerben, kommt es zu einer Art Denaturierung des Personenbegriffs – mit Rückwirkungen auch auf den Status der natürlichen Person.

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