Roland Tichy über Paranoia, Finanzkrise und Konjunktur: Zwei Wahrheiten

Roland Tichy über Paranoia, Finanzkrise und Konjunktur: Zwei Wahrheiten

Muss ich mir jetzt Schnapsflaschen als Tauschwährung für den Schwarzmarkt ins Kellerregal legen, Lebensmittelkonserven als Notreserve bunkern und Gold horten – Cash für den Crash, die große Weltwirtschaftskrise, in der Geld auf seinen Altpapierwert schrumpft und Brot nicht mehr beim Bäcker, sondern nur noch auf dem Schwarzmarkt erhältlich ist?

Das klingt ziemlich spinnert, bisweilen paranoid – und doch haben viele Leser der WirtschaftsWoche solche Fragen gestellt. Bei Banken häufen sich Anfragen danach, wie sicher denn die Spareinlagen wirklich, wirklich sind. Offensichtlich löst die Finanzkrise bei vielen jene Urängste aus, die zuletzt während der Koreakrise in den frühen Fünfzigerjahren die leidgeprüfte Kriegsgeneration veranlasste, Notvorräte einzulagern. Sind wir schon wieder so weit? Oder reden wir den Aufschwung kaputt — unfähig, das Positive wahrzunehmen?

Bislang ist Deutschland ganz gut davongekommen. Zwar werden sich, allen Prognosen zufolge, die stolzen Wachstumsraten des vergangenen Jahres heuer halbieren. Aber die Wirtschaft hat Schwung. Nicht einmal der schwache Dollar, früher immer die gefürchtete Bremse für die Ausfuhren, konnte die Exporterfolge der deutschen Industrie stoppen: Sie lagen im Januar mit einer Zunahme von neun Prozent sogar noch über dem Rekordwert des Vorjahres. Neue Arbeitsplätze entstehen; in der Metallindustrie steigen die Löhne um 4,1 Prozent, in der Stahlindustrie um 5,2 Prozent. Damit werden die Arbeitnehmer in den exportorientierten Branchen zu Globalisierungsgewinnern. Offensichtlich wird Deutschland mit vielen High-Tech-Produkten zur Werkstatt für die Industrialisierung der großen, neuen Wachstumsstaaten in Asien und Südamerika.

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Auch andere Branchen wie Handwerk, Bauwirtschaft und Zulieferer profitieren davon, dass die Exportindustrien jetzt investieren und ihre Kapazitäten ausweiten, um weiter liefern zu können. Auch wenn bei Siemens, Henkel, BMW oder Nokia Tausende von Jobs wegfallen: Die Arbeitslosigkeit sinkt, und die Zahl der Beschäftigten bewegt sich um die 40 Millionen – ein Rekordwert in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Zahlen sprechen eine eindeutige Sprache. Es sieht so aus, als ob wir noch einmal davonkommen und die deutsche Industrie sich von den irren Finanzmärkten abkoppeln könnte, die unserer Wachstumskurve allenfalls eine Delle versetzen, aber keine Richtungsänderung auslösen können.

Zwar misstrauen die Banken einander und leihen sich gegenseitig kein Geld – aber die Industrie leidet noch nicht unter eine Verknappung und Verteuerung der Kredite, die sie für ihr Wachstum braucht. Auch die Lage in den USA ist so hoffnungslos nicht: Zwar sinken die Hauspreise immer weiter – in manchen Städten wie Phoenix und San Diego um fast 20 Prozent – und verschärfen damit die Immobilienkrise.

Doch US-Regierung und Notenbank versuchen mit allen Mitteln, den Preisverfall zu stoppen und die Finanzkrise einzudämmen. Früher oder später werden sie damit Erfolg haben, auch wenn die Banken jetzt ihre Verluste sozialisieren, was die Steuerzahler teuer zu stehen kommen wird. Weltweit setzt sich die Einsicht durch, dass Bankgeschäfte zu wichtig sind, um sie den Banken zu überlassen. Gerade auch das Versagen der deutschen Landesbanken und anderer staatsnaher Banken zeigt, dass die Bankenaufsicht verschärft gehört und dem Einflussbereich der Politik entzogen.

Es gibt leider zwei Wahrheiten: Die eine wird vom Aufschwung der Realwirtschaft geprägt, die andere von der intellektuellen Bankrotterklärung des Finanzsystems. Übrigens: Einer der wichtigsten Frankfurter Fondsmanager kauft privat statt der eigenen Derivate ganz archaisch Krügerrand und Goldbarren – der Mann weiß, was er tut. Weil er weiß, was von den Risikomodellen seines Hauses zu halten ist.

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