
Russlands Rohstoff-Wirtschaft läuft wie frisch geölt und gut geschmiert: Von der Eurokrise im Westen Europas bekommen die Menschen im größten Flächenstaat der Welt kaum etwas mit, die Inflation sinkt, die Löhne steigen. Zunehmende Konsumfreude stärkt die Binnenwirtschaft zusätzlich zu den konstant hohen Öl- und Gaspreisen – unterm Strich wird Russland zum Jahresende wohl einen Zuwachs des Bruttoinlandsproduktes (BIP) um mehr als vier Prozent verbuchen können.
Dass die konjunkturelle Lage kurzfristig so rosig ausschaut, beschert den Russen auf lange Sicht trübe makroökonomischen Perspektiven: Gerade weil das herrschende Wirtschaftsmodell offenkundig funktioniert und mächtig Einnahmen in die einst klammen Kassen des Kämmerers spült, fehlt der Druck auf die politische Elite, die Wirtschaftsstruktur durch einen scharfen Liberalisierungs- und Modernisierungskurs jenseits des Rohstoffsektors wettbewerbsfähiger zu machen.
Bruchlandung in der Weltfinanzkrise
Die Abkehr vom rohstofflastigen Entwicklungsmodell ist für die meisten Ökonomen die einzige Möglichkeit, wie sich Russland vor externen Schocks wie der Weltfinanzkrise der Jahre 2008/09 schützen kann. Nach einem BIP-Plus in Höhe von 8,5 Prozent im Jahr 2007 krachte die Wirtschaft damals derart ein, dass die Wirtschaftskraft in 2009 um 7,8 Prozent schrumpfte – eine Bruchlandung, von der sich Russland bis heute nicht erholt hat.

Doch langfristiges Denken ist keine russische Stärke. Premierminister Wladimir Putin, der im Mai nächsten Jahres wohl mit seinem Präsidenten Dmitri Medwedew das Amt tauschen wird, steht für den Erhalt des Status Quo – die wohlfahrtsstaatliche Umverteilung der Rohstoffmilliarden an die Bevölkerung und an marode Industrieunternehmen. Ergebnisse jener Modernisierung, die beide Spitzenpolitiker mit unterschiedlicher Deutlichkeit versprechen, sind bislang nicht zu sehen.













