Schuldenkrise: „Die Angst vor einer Inflation ist Nonsens“

Schuldenkrise: „Die Angst vor einer Inflation ist Nonsens“

, aktualisiert 03. Dezember 2011, 12:27 Uhr
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US-Ökonom James Galbraith glaubt nicht an einen Anstieg der Inflation im Falle eines umfangreicheren Eingreifens der EZB.

Quelle:Handelsblatt Online

An der Krise in Europa sind vor allem die Banken schuld, sagt US-Ökonom James Galbraith im Interview. Sie haben zu leichtfertig Kredite vergeben. Jetzt muss die EZB Europa retten.

Italien zahlt knapp sieben Prozent am Kapitalmarkt, um neue Kredite aufzunehmen. Frankreich fürchtet den Verlust seiner Spitzenbonität. Stehen wir unmittelbar vor dem Zusammenbruch des Euros?

Galbraith: Die Aussichten sind tatsächlich ziemlich düster. Es wäre allerdings unklug, über ein Ende des Euro zu spekulieren. Die Folgen für die Weltwirtschaft wären dramatisch, in der Euro-Zone käme es zu einem Sturm auf die Banken.

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Wie kann Europa den Teufelskreis aus steigenden Zinsen und wachsender Unsicherheit durchbrechen?

Mit dem notwendigen politischen Willen wäre das schnell möglich. Die Europäische Zentralbank (EZB) verfügt über genügend Instrumente, mit denen die Krise sofort zu lindern ist.

Sie soll noch mehr Staatsanleihen kaufen?

Ja. Die amerikanische Notenbank hat das in der Finanzkrise 2008 erfolgreich vorexerziert. Die EZB kann die Zinsen für Staatsanleihen drücken und so den Krisenstaaten Zeit erkaufen. Das würde die Panik am Markt beenden, die Europas Politik selbst ausgelöst hat.

Die Politik hat die Panik ausgelöst?

Die Banken wurden vor die Wahl gestellt, entweder ihr Kapital zu erhöhen oder eben Vermögen abzustoßen. Und raten Sie mal, was die Banken gemacht haben: Sie verkaufen die Staatsanleihen der verschuldeten Länder. Es gibt schließlich keine neuen und schlechteren Erkenntnisse über Italien. In der jetzigen Lage befindet sich das Land schon lange. Die italienische Schuldenquote war überall bekannt.

Was hat die Krise aus Ihrer Sicht verursacht, wenn es nicht die hohen Schulden waren?

Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers 2008 und den gewaltigen Verlusten auch der europäischen Banken durch faule US-Hypothekenpapiere haben die Geldinstitute Staatsanleihen der südeuropäischen Länder abgestoßen und dafür die stabileren Anleihen aus Nordeuropa gekauft, um ihre Risiko zu mindern. Das hat die Zinsen für die betroffenen Länder in die Höhe getrieben und damit die Schulden für einige europäische Länder untragbar gemacht.

Die Banken haben nicht auf einmal entdeckt, dass Griechenland ein Haushaltsproblem hat, es in Spanien eine gewaltige Immobilienblase gibt oder Portugals Industrie nicht wettbewerbsfähig ist. Die Zeit der billigen Kredite war einfach vorbei.

In Wahrheit handelt es sich also um eine Bankenkrise und keine Staatsschuldenkrise?

Ja. Die gesamten Hilfsgelder der EU gehen direkt oder über Umwege an die Banken und nicht an die betroffenen Länder.

War der Schuldenerlass um 60 Prozent für Griechenland etwa auch falsch?

Der Schuldenschnitt macht letztlich weniger aus als immer behauptet. Denn gerechnet auf das griechische Bruttoinlandsprodukt sinken die Schulden nur von 160 auf 140 Prozent. Für die griechische Bevölkerung ist das keine Entlastung, zumal die Bezahlung der laufenden Schulden wieder über neue Schulden finanziert werden muss.

Das Argument von Kanzlerin Merkel gegen eine Geldschwemme lautet: Kauft die EZB die Schulden der Euro-Länder auf, sinkt dort der Druck zum Sparen.

Hier muss man die Argumentation umdrehen: Im vergangenen Jahrzehnt haben Banken aus Deutschland massiv Geld etwa an Griechenland zu einem extrem niedrigen Zinssatz verliehen. Da hat auch die deutsche Bankenaufsicht nicht so genau hingeschaut. Die Banken waren schließlich nicht dazu gezwungen, den Ländern Geld zu leihen. Sie taten es, um ihren Gewinn zu steigern. Banken sagen doch immer, wenn sie in Schwierigkeiten sind: Schuld sind die Kunden. Das Gleiche haben die US-Banken in den neunziger Jahren über die Schuldenkrise in Lateinamerika gesagt: Wie hätten wir das wissen können!


„Sparen und Wachstum gleichzeitig geht nicht“

Steigt durch die Politik der EZB nicht das Inflationsrisiko?

Das ist Unsinn. Die Japaner machen das seit mehr als zehn Jahren, und die Inflationsrate ist nicht wirklich gestiegen. In den USA geschieht es seit drei Jahren, und auch hier ist die Inflationsrate kaum angewachsen.

Warum?

Es gibt keine Abnehmer für Kredite, keine Kunden, die verstärkt nach Geld fragen würden, um große Investitionen zu tätigen, Häuser zu bauen oder Autos zu kaufen. Woher soll eine Inflation dann kommen? Die Angst vor einer Inflation ist Nonsens. Das Problem ist eher, dass die Maßnahmen der EZB das Wachstum in der Euro-Zone nicht vorantreiben würden, genauso wie ähnliche Maßnahmen der US-Notenbank das Wachstum in den USA nicht befördert haben.

Übrig bleibt das größte Problem: Wie wollen wir das Wirtschaftswachstum in der Euro-Zone fördern, wenn doch überall hart gespart werden muss?

Für diesen Widerspruch gibt es tatsächlich keine Lösung. Man kann entweder sparen oder Wachstum befördern, beides gleichzeitig geht nicht.

Der deutschen Kanzlerin kommt eine Schlüsselrolle in der Krise zu. Trauen Sie ihr zu, die Krise zu beheben?

Ich habe großen Respekt vor Angela Merkel. Sie ist eine sehr talentierte Politikerin, die in einem sehr schwierigen Umfeld agiert. Aber die Frage ist, ob sie den Weitblick, den Mut und die Fähigkeit besitzt, die Risiken einzugehen, die nun notwendig sind. Aber das ist nicht allein eine Frage der Persönlichkeit. Auch andere deutsche Regierungen würden ähnlich handeln.

Wie soll es also weitergehen?

Die Verantwortlichen in Europa müssen begreifen, dass die bisherigen Lösungsansätze falsch sind, nicht funktionieren. Bislang wurde entlang dreier Prioritäten gehandelt: die Banken zu schützen, an der Macht zu bleiben und den Euro am Leben zu erhalten. Was fehlt, ist ein ernsthaftes Bekenntnis zur Förderung des Wirtschaftswachstums in der Euro-Zone. Stattdessen werden die Krisenstaaten mit harten Sparauflagen bestraft.

Quelle:  Handelsblatt Online
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