Serie Frühindikatoren (I): ZEW: Prognosen im Club

Serie Frühindikatoren (I): ZEW: Prognosen im Club

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Die Serie Frühindikatoren nimmt die wichtigsten Konjunkturbarometer unter die Lupe

von Bert Losse

Für seinen Index der Konjunkturerwartungen befragt das Mannheimer ZEW jeden Monat führende Finanzanalysten. Der Indikator hat Treffsicherheit bewiesen – doch seit der Finanzkrise sinkt die Prognosekraft.

In diesen Tagen macht sich auf der zweiten Etage des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim eine gewisse Hektik breit – wie immer zur Monatsmitte. Ökonom Frieder Mokinski sitzt schon früh morgens an seinem Schreibtisch und tippt Antworten aus Fragebögen in ein Datenprogramm. Zwischenergebnisse übermittelt er ausschließlich per USB-Stick an einen ausgewählten Kollegenkreis. Es herrscht strikte Geheimhaltungspflicht; per E-Mail verschickt, könnten die Daten an die Öffentlichkeit dringen, Spekulanten würden aus dem Wissensvorsprung Vorteile ziehen. In Mokinskis Büro sind deshalb Computer und Drucker vom Server abgeschnitten. Nur ein kleiner Kreis von etwa sechs Mitarbeitern weiß vor der offiziellen Bekanntgabe Bescheid, welche Richtung das hauseigene Konjunkturbarometer einschlägt.

Offiziell nennen sie den Frühindikator „Index der Konjunkturerwartungen“. Er gibt an, wie sich die deutsche Wirtschaft nach Ansicht von Finanzmarktprofis in den kommenden sechs Monaten entwickelt. Alle vier Wochen befragen die ZEW-Ökonomen dazu rund 340 Experten aus den volkswirtschaftlichen Abteilungen von Banken, Versicherungen und Industrie. Parallel dazu geben die Umfrageteilnehmer eine Einschätzung der aktuellen Lage ab. Die Umfrage existiert bereits seit 1991, doch erst 1998 hatten ZEW-Ökonomen die Idee, mit den Daten ein Konjunkturbarometer zu basteln. Mittlerweile ist der Index zu einem wichtigen Frühindikator in Deutschland geworden, der in die Analysen von Investoren einfließt.

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Mokinski hat den Umfragebogen auf seinem Schreibtisch liegen. Er tippt auf die entscheidende Frage: „Die gesamtwirtschaftliche Situation in Deutschland wird sich mittelfristig…?“, steht dort geschrieben. An dieser Stelle sollen die Experten ihr Kreuzchen machen. Die Antworten „verbessern“, „nicht verändern“, „verschlechtern“, „keine Angabe“ stehen zur Auswahl. Anschließen berechnet ein Computerprogramm aus allen positiven und negativen Einschätzungen den Saldo, also die Differenz der positiven und negativen Erwartungen. Glauben etwa 30 Prozent der Teilnehmer, dass sich die Lage verbessert und 40 Prozent sind der gegenteiligen Ansicht, liegt der Saldo für die Konjunkturerwartungen bei minus zehn. Im Mai erreichte der Index 33,1 Zähler; der historische Mittelwert liegt bei 24,7 Punkten.

Auf dem Fragebogen stehen aber noch weitere Fragen, zum Euro, zum Dax, zur Inflation und der Konjunktur in anderen Industriestaaten. Diese Antworten nutzen die Wissenschaftler für andere Forschungsarbeiten; teilweise verkaufen sie die Daten auch an andere Institute.

Viele der befragten Finanzmarktexperten sind dem Index seit 1991 treu. Einige füllen den Fragebogen noch per Hand aus, die meisten Teilnehmer loggen sich aber inzwischen von ihrem Arbeitsplatz aus in das Programm ein und füllen den Bogen am PC aus. Die Fragen werden mit einer Vorlaufzeit von zwei Wochen verschickt. Die Rücklaufquote sei meist recht hoch, sagt Michael Schröder, Leiter des ZEW-Forschungsbereiches Internationale Finanzmärkte und Finanzmanagement. Zwischen 250 und 300 Antworten sind es in der Regel.

Geld gibt es für die Teilnehmer nicht, laut Schröder schätzen die Teilnehmer aber den „Club-Charakter“ der Umfrage: „Wenn die Teilnehmer in der Tagesschau etwas über den ZEW-Index hören, freuen sie sich, mitgemacht zu haben.“

Trend nach unten: Index der Konjunkturerwartungen

Trend nach unten: Index der Konjunkturerwartungen

Die Prognosequalität des Index ist gleichwohl nicht unumstritten. Das Barometer hat in der Vergangenheit durchaus Treffsicherheit bewiesen, doch seit der Finanzkrise 2008 sehen Analysten seine Aussagekraft kritischer. Für Ralph Solveen, stellvertretender Leiter der Abteilung Economic Research der Commerzbank, hat die Prognosequalität in den vergangenen Jahren deutlich abgenommen. Der Index habe einige Trendwenden vorhergesagt, ohne dass sich die Konjunktur tatsächlich gedreht hätte. Solveen: „Der ZEW-Index wird beachtet, aber sein Einfluss auf die Märkte ist derzeit eher begrenzt.“

Serie Frühindikatoren Alle Ausgaben der Serie im Überblick

Wie aussagekräftig sind Frühindikatoren wirklich? Wie entstehen sie - und welche bewegen die Märkte am meisten? Eine neue Serie der WirtschaftsWoche stellt die wichtigsten Konjunkturbarometer vor.

WirtschafsWoche-Serie: Frühindikatoren

Das Problem: Der ZEW-Index spiegelt nicht die Stimmung der gesamten Wirtschaft wider, sondern konzentriert sich auf Finanzanalysten. Dadurch wird er stark vom Geschehen am Finanzmarkt beeinflusst, was zu Verzerrungen führen kann und die Volatilität erhöht. „Seit Beginn der Finanzkrise spiegelte der ZEW-Index eher die Stimmung an den Finanzmärkten als die realwirtschaftliche Situation wider“, sagt Solveen. Wobei dies bisweilen auch von Vorteil sein kann – wenn etwa Analysten wegen einer Änderung der Geldpolitik eine Trendwende vorhersehen, die bei den Unternehmen noch nicht angekommen ist (da sie vor allem auf ihre Auftragsbücher schauen). Dann reagiert der ZEW-Index früher als etwa der ifo-Index.

Frieder Mokinski hat mittlerweile alle Fragebögen erfasst. Nun folgt der letzte Schritt: die Interpretation der Ergebnisse. „Oft gehen die Werte in eine andere Richtung als vermutet. Darauf müssen wir uns dann einen Reim machen.“

Wie der Reim diesmal klingt, wird sich am Dienstag zeigen: Dann kommentiert ZEW-Präsident Clemens Fuest den Index für den Monat Juni.

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