Serie Frühindikatoren (III): Einkaufsmanagerindex: Monatlicher Flash

Serie Frühindikatoren (III): Einkaufsmanagerindex: Monatlicher Flash

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Die Serie Frühindikatoren nimmt die wichtigsten Konjunkturbarometer unter die Lupe

von Bert Losse

Der deutsche Einkaufsmanagerindex EMI kommt aus Großbritannien – und findet seit der Finanzkrise noch mehr Beachtung als früher.

Henley-on-Thames ist eine idyllische englische Kleinstadt in der Grafschaft Oxfordshire und deutschen Ruderfreunden wegen ihrer berühmten Regatta ein Begriff. Einmal im Monat aber bekommt das Städtchen auch für die deutsche Wirtschaft eine besondere Bedeutung: Hier nämlich wird vom Finanz- und Datendienstleister Markit ein wichtiger konjunktureller Frühindikator erstellt – der Einkaufsmanagerindex EMI.

So kommt es, dass Angela Grobler oft an die deutsche Konjunktur denkt, wenn der 12. Tag des Monats naht, an dem sie Fragebögen an rund 500 Industrie- und 500 Dienstleistungsbetriebe in Deutschland verschickt. Grobler ist seit rund 20 Jahren als Leiterin eines dreiköpfigen deutschen Teams in Henley-on-Thames für die Erhebung der Daten zuständig. „Der deutsche EMI ist mein Baby“, sagt die ausgebildete Architektin, die in der DDR aufwuchs und mit dem Trainer der britischen Olympia-Ruderer verheiratet ist.

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Der Fragebogen geht per Fax, Mail oder Web-Link an Einkaufsleiter oder Geschäftsführer, die nach einem geografischen, branchen- und umsatzmäßigen Schlüssel ausgesucht werden. Bei der Rekrutierung der Teilnehmer aus der Industrie hilft mittlerweile ein deutscher Kooperationspartner, der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME).

Der Index, der sich methodisch am fast 80 Jahre alten Einkaufsmanagerindex der USA orientiert, startete Mitte der Neunzigerjahre, damals initiiert von der kleinen Firma NTC Economics. 2008 übernahm Markit das Unternehmen. Einige Umfrageteilnehmer aus der Anfangszeit, darunter ein deutscher Spielzeughersteller, sind aber immer noch dabei: „Da macht man Höhen und Tiefen mit, die standen mal kurz vor der Insolvenz“, so Grobler.

Der EMI-Fragebogen enthält für das produzierende Gewerbe zwölf, für die Dienstleister sechs Fragen. Es geht um Auftragseingänge und Auftragsbestand, um Exporte und Lieferzeiten, um Einkaufsmengen, Lagerhaltung, Beschäftigung, Verkaufs- und Einkaufspreise – und stets um den Vergleich zum Vormonat: Ist das Niveau höher, niedriger oder unverändert?

Für den Dienstleistungs-EMI hat Markit den Fragebogen modifiziert: „Lagerbestände abzufragen wäre ja Unsinn“, sagt Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. Er betont, dass der EMI nicht auf Stimmungen aufbaue, sondern auf betrieblichen Fakten. Erst am Schluss der Umfrage kommt der – subjektive – Punkt: „Wie schätzen Sie Ihre Geschäftslage binnen Jahresfrist ein? “

Aus allen Teilindizes bilden die Markit-Experten am Ende einen Gesamtindex. Ein Wert über 50 signalisiert Wachstum, Werte darunter deuten auf einen Abschwung hin. Aktuell liegt der EMI für die Industrie bei 52,4 Zählern.

Die Rücklaufquote erreicht laut Grobler bis zu 85 Prozent. Eine Bezahlung erhalten die Teilnehmer nicht – wohl aber den kostenlosen Zugang zu den Datensätzen, auch zu Ergebnissen und Analysen aus anderen Ländern. In Deutschland vermarktet der BME den EMI (zwölf Ausgaben kosten 190,40 Euro für Mitglieder und 357 Euro für externe Abonnenten). Der Vorteil des EMI: Er ist früh verfügbar und gut vergleichbar mit anderen internationalen Einkaufsmanagerindizes. Markit befragt jeden Monat mehr als 20.000 Unternehmen in über 30 Ländern. Die Ergebnisse werden auch beim IWF und vielen Zentralbanken aufmerksam verfolgt – und abonniert.

Trend nach oben: Einkaufsmanagerindex Deutschland (in Punkten)

Trend nach oben: Einkaufsmanagerindex Deutschland (in Punkten)

„Der Einkaufsmanagerindex ist besonders wichtig an konjunkturellen Wendepunkten, also am Beginn einer Rezession oder eines Aufschwungs“, sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank. Der EMI habe etwa das Rezessionsende nach der Lehman-Pleite frühzeitig angezeigt. Für den Chefvolkswirt der Berenberg Bank, Holger Schmieding, bilden „Einkaufsmanagerindizes im Regelfall das aktuelle Wirtschaftsgeschehen besser ab als nahezu alle anderen Indikatoren“. Ihr Wert bestehe darin, dass „die Umfragen gut zwei Monate vor den amtlichen Zahlen für die Industrieproduktion veröffentlicht werden. Zudem geben sie Hinweise auf den Trend im wichtigen Dienstleistungsgewerbe, für das es nur relativ wenige Daten gibt.“

Kritiker wenden ein, dass die Anzahl der Befragten nicht übermäßig groß ist. Für Elga Bartsch, Chefvolkswirtin für Europa bei Morgan Stanley, sind für eine tiefere Konjunkturanalyse „die viel breitere ifo-Umfrage und die harten Daten immer noch wichtiger“. Gleichwohl habe zumindest aus Sicht der Finanzmärkte die Aussagekraft der EMI zugenommen – vor allem, weil Markit eine erste Schätzung veröffentlicht, bevor der viel beachtete ifo-Geschäftsklimaindex herauskommt.

Serie Frühindikatoren Alle Ausgaben der Serie im Überblick

Wie aussagekräftig sind Frühindikatoren wirklich? Wie entstehen sie - und welche bewegen die Märkte am meisten? Eine neue Serie der WirtschaftsWoche stellt die wichtigsten Konjunkturbarometer vor.

WirtschafsWoche-Serie: Frühindikatoren

Gut eine Woche vor dem offiziellen Ergebnis gibt es den „Flash“. Diese Zahl wird von den Finanznachrichtendiensten Reuters und Bloomberg per Eilmeldung veröffentlicht und unterliegt zuvor strenger Geheimhaltung. „Alle Informationen sind verschlüsselt und können nicht auf mobilen Trägern gespeichert werden“, sagt Williamson. Analysen für die Zentralbanken sind dort nur von registrierten Nutzern abrufbar. Die Markit-Mitarbeiter müssen sich sogar schriftlich zum Schweigen verpflichten. Williamson: „Das ist, als arbeite man für den Geheimdienst.“

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