Soziologe Wolfgang Streeck: "Das kann nicht gutgehen mit dem Kapitalismus"

InterviewSoziologe Wolfgang Streeck: "Das kann nicht gutgehen mit dem Kapitalismus"

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Der Soziologe Wolfgang Streeck war bis 2014 Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung.

von Ferdinand Knauß

Kein Wachstum, dafür gigantische Schulden. Keine soziale Ordnung, stattdessen Zynismus und Rette-sich-wer-kann. Der Soziologe Wolfgang Streeck glaubt, dass die kapitalistische Gesellschaft vor dem Ende steht.

WirtschaftsWoche: Herr Streeck, Sie kündigen das nahende Ende des Kapitalismus an. Wie kann ein Gesellschaftssystem enden, das den meisten Menschen auf der Welt alternativlos scheint und das kaum jemand abschaffen will?

Wolfgang Streeck: Zunächst habe ich einfach darauf aufmerksam gemacht, dass auch der Kapitalismus ein historisches Phänomen ist. Als Gesellschaftsordnung ist er nicht älter als rund zwei Jahrhunderte. Was einen Anfang hat, hat auch ein Ende. Allerdings müssen wir uns frei machen von dem Fortschrittsglauben, der noch aus dem 19. Jahrhundert stammt. Dieser besagt, dass eine Gesellschaft nur enden kann, wenn sie von einer besseren abgelöst wird.

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Zur Person

  • Wolfgang Streeck

    Wolfgang Streeck war bis 2014 Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Zuletzt veröffentlichte er: „Gekaufte Zeit. Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus“, Suhrkamp 2013.

Ich glaube, dass es gute Gründe dafür gibt, anzunehmen, dass der Kapitalismus nicht durch eine Revolution abgeschafft oder überwunden wird, sondern von selbst verendet. Es gibt viele Symptome des Niedergangs, aber am wichtigsten sind drei langfristige Trends in den hochentwickelten, kapitalistischen Ländern.

Und zwar?

Zuerst der anhaltende Rückgang der Wachstumsraten, verschärft seit 2008. Verbunden damit die extreme Zunahme der Verschuldung, sowohl der Staaten als auch der Privathaushalte und Unternehmen. Drittens die Zunahme der ökonomischen Ungleichheit in diesen Gesellschaften. Mein Bild vom Ende des Kapitalismus, das meiner Ansicht nach schon begonnen hat, ist das eines dauernd reparaturbedürftigen sozialen Systems.

Was die Menschen vom Kapitalismus halten

  • Deutschland

    Kapitalismus funktioniert gut und würde durch Regulation nur geschwächt: 16 Prozent

    Kapitalismus hat Probleme, die mit mehr Regulation behoben werden könnten: 75 Prozent

    Kapitalismus ist am Ende, ein neues Wirtschaftssystem muss her: 8 Prozent

    Quelle: GlobeScan/Statista

  • Frankreich

    Kapitalismus funktioniert gut und würde durch Regulation nur geschwächt: 6 Prozent

    Kapitalismus hat Probleme, die mit mehr Regulation behoben werden könnten: 47 Prozent

    Kapitalismus ist am Ende, ein neues Wirtschaftssystem muss her: 43 Prozent

  • Italien

    Kapitalismus funktioniert gut und würde durch Regulation nur geschwächt: 5 Prozent

    Kapitalismus hat Probleme, die mit mehr Regulation behoben werden könnten: 59 Prozent

    Kapitalismus ist am Ende, ein neues Wirtschaftssystem muss her: 29 Prozent

  • Spanien

    Kapitalismus funktioniert gut und würde durch Regulation nur geschwächt: 5 Prozent

    Kapitalismus hat Probleme, die mit mehr Regulation behoben werden könnten: 56 Prozent

    Kapitalismus ist am Ende, ein neues Wirtschaftssystem muss her: 29 Prozent

  • Großbritannien

    Kapitalismus funktioniert gut und würde durch Regulation nur geschwächt: 13 Prozent

    Kapitalismus hat Probleme, die mit mehr Regulation behoben werden könnten: 57 Prozent

    Kapitalismus ist am Ende, ein neues Wirtschaftssystem muss her: 19 Prozent

  • USA

    Kapitalismus funktioniert gut und würde durch Regulation nur geschwächt: 25 Prozent

    Kapitalismus hat Probleme, die mit mehr Regulation behoben werden könnten: 53 Prozent

    Kapitalismus ist am Ende, ein neues Wirtschaftssystem muss her: 13 Prozent

  • China

    Kapitalismus funktioniert gut und würde durch Regulation nur geschwächt: 11 Prozent

    Kapitalismus hat Probleme, die mit mehr Regulation behoben werden könnten: 58 Prozent

    Kapitalismus ist am Ende, ein neues Wirtschaftssystem muss her: 18 Prozent

  • Russland

    Kapitalismus funktioniert gut und würde durch Regulation nur geschwächt: 12 Prozent

    Kapitalismus hat Probleme, die mit mehr Regulation behoben werden könnten: 44 Prozent

    Kapitalismus ist am Ende, ein neues Wirtschaftssystem muss her: 23 Prozent

Die Krise begann für Sie also nicht erst 2008.

Ich habe in meinem Buch „Gekaufte Zeit“ gezeigt, wie die Spannungen innerhalb des Systems des demokratischen Kapitalismus seit den 1970er Jahren zu dreieinhalb Phasen krisenhafter, immer globalerer Entwicklung führten. Die Lösungen, die das Wachstum ankurbeln und die Verteilungsprobleme beschwichtigen sollten, waren Inflation, Staatsverschuldung, Aufblähen des Finanzsektors. Die dreieinhalbte, aktuelle Phase ist das Aufblähen der Bilanzsummen der Zentralbanken. Alle diese Lösungen sind hochgefährlich! Denn es sind nur Zwischenlösungen, die sich in Probleme verwandelten und daher unter erheblichen Schwierigkeiten abgelöst werden mussten durch neue Zwischenlösungen.

Die Akteure in Politik und Wirtschaft sehen das anders. Da scheint keiner das Ende des Kapitalismus zu befürchten.

Bei den politischen Entscheidungsträgern herrschte immer wieder Alarmzustand. Als in den Siebzigerjahren die Konjunktur einbrach und die Arbeitslosigkeit stieg, hatten Helmut Schmidt und die anderen damaligen Regierungschefs ständig das Schreckensbild der großen Krise von 1929 vor Augen. Und sie wussten, dass die Heilung dieser großen Krise des Kapitalismus nicht durch Politik stattgefunden hatte. Auch nicht durch Roosevelts New Deal, sondern durch den Zweiten Weltkrieg. Auch heute ist man sich in den Zentralen des Kapitalismus der Dramatik der Lage sehr bewusst. Larry Summers, der unter Clinton die Finanzmärkte deregulierte, spricht von „säkularer Stagnation“. Und der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman fordert, man solle lieber Crashs riskieren und gefährliche Kredite vergeben, als gar keine. Da herrscht doch die schiere Panik. Warum bringt das viele billige Geld kein Wachstum? Brauchen wir staatliche Konjunkturprogramme? Ist die Deflation die große Gefahr, oder doch die Inflation? Man ist ratlos, was zu tun ist.

Der Kapitalismus hat schon viele Krisen und Untergangspropheten überlebt.

Dass der Kapitalismus die Krisen der Vergangenheit überlebt hat, bedeutet nicht, dass das auch in Zukunft so bleibt. Nur die heutigen Standard-Ökonomen mit ihrem mechanistischen Weltbild blenden aus, dass der Kapitalismus historisch, also endlich ist. In Gründungstheorien der modernen Ökonomie war der Untergang des Kapitalismus immer ein Thema, nicht nur bei Marx. David Ricardo war überzeugt, dass der Kapitalismus nicht lange dauern könne. Werner Sombart und Max Weber ebenso. Auch Keynes schrieb bekanntlich, dass seine Enkel, also wir, nicht mehr in einer kapitalistischen Gesellschaft leben würden. Schumpeter hatte eine gute und eine schlechte Vision vom Ende des Kapitalismus. Als er noch jung war, dachte er, dass dieses unmenschliche, auf Wettbewerb und Erwerb fokussierte System den Menschen irgendwann so auf die Nerven gehen würde, dass sie es abschaffen. Der ältere Schumpeter erwartete, dass die Sozialdemokraten das kapitalistische Unternehmertum ersticken würden, aus ähnlichen Gründen: zu unsicher, zu anstrengend.

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41 Kommentare zu Soziologe Wolfgang Streeck: "Das kann nicht gutgehen mit dem Kapitalismus"

  • Unsinn!
    Der Kapitalismus wird nicht untergehen.
    Er wird REINIGENDE Krisen durchlaufen.
    Immer wieder.
    Notwendigerweise gewissen "Wildwuchs", gewisse Ineffizienzen beseitigen
    Und dieses Mal wurde (kommende) Krise von ahnungslosen EU- und D-Politikern
    massgeblich mit INDUZIERT.
    Krisen sind NOTWENDIGER realer Bestandteil jeder Natur, jedes Menschen, jeder Wirtschaft.
    So wie der Traum von ewigem Frieden und ewiger Glückseligkeit NUR ein Traum ist.
    Der Traum DERJENIGEN Utopisten die von Stalin über Mao bis zu den Roten Khmer ....
    Millionen und Abermillionen von Toten Menschen "eingebracht" hat. - Keinerlei "Glückseligkeit". -

  • Er hat aber auch so gar keine Ahnung, allerdings ist das kein Alleinstellungsmerkmal. Sollte mal Xenphon lesen, Kyropädia, oder die Bibel oder so was -da könnte man sehen: der Kapitalismus ist so alt wie die Welt. Unsere Gesellschaft ist allerdings nur noch zum Teil kapitalistisch. U.a. die Revolution der Manager (auch schon vor 70 Jahren beschrieben) hat dafür gesorgt, dass die Kapitalgeber nicht mehr die Entscheidungsträger sind. Kann man gut in "Bellen am falschen Baum" nachlesen.

  • Soziologengedöns. Meines Erachtens ist der Kapitalismus die einzige funktionsfähige Wirtschaftsform, und folgerichtig die am weitesten verbreitete, seit es Wirtschaft, also Menschen, gibt. Abgesehen davon lebt auch der Kommunismus vom Kapital - da ist es dann eben Staatskapitalismus.
    Die Krisen des Kapitalismus rühren ganz einfach daher, dass er schlampig und ohne Beachtung ordentlicher kaufmännischer Prinzipien durchgeführt wird. Übermäßige Verschuldung, ineffiziente Verwaltung, falsche Strukturen und Investitionen des Staates.

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