Streikjahr 2008: Auf ökonomischer Geisterfahrt

Streikjahr 2008: Auf ökonomischer Geisterfahrt

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Mehr Lust auf Streik

2008 droht zu einem Jahr ausufernder Arbeitskämpfe zu werden. Streiken die Gewerkschaften den Aufschwung kaputt?

Dies ist kein Druckfehler: Deutschland ist ein streikarmes Land. Ungeachtet ihres Klassenkampfgeklingels haben die Gewerkschaften in den vergangenen Jahrzehnten weit seltener zum Arbeitskampf geblasen als ihre Kollegen in unseren Nachbarstaaten. Zwischen 1996 und 2005 fielen hierzulande im Schnitt 2,4 Arbeitstage pro 1000 Beschäftigte aus – in Frankreich waren es 71,5, in Italien 86,8, in Spanien sogar fast 145. Der soziale Frieden, das gestehen selbst gewerkschaftsferne Ökonomen zu, war stets ein gewichtiger Standortvorteil in Deutschland.

Doch nun sind die Gewerkschaften drauf und dran, diesen Vorteil zu verspielen. In der vergangenen Woche streikten Busfahrer, Müllmänner, Schleusenwärter, Flughafenarbeiter, Feuerwehrleute, Kindergärtnerinnen und Bodensee-Schiffer. In der Textilindustrie legten rund 13 000 Beschäftigte zeitweise die Arbeit nieder. Am kommenden Donnerstag wollen vielerorts die Krankenhausärzte folgen. Bei den Lokführern gehört die Streikdrohung mittlerweile zum Tagesgeschäft. In der Eisen- und Stahlindustrie reichten massive Warnstreiks aus, um den Arbeitgebern einen fetten Abschluss von 5,2 Prozent abzutrotzen. Und dass die IG Metall in der im Herbst beginnenden Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie besonders zahm auftritt, erwarten nicht einmal die größten Optimisten im Arbeitgeberlager.

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Sicher: Noch befinden wir uns im Stadium zeitlich befristeter und örtlich begrenzter Warnstreiks. Es ist zu hoffen, dass dies Teil jener Tariffolklore ist, die die Gewerkschaften seit jeher zur Mobilisierung ihrer Mitglieder brauchen – und die von den Arbeitgebern bei ihrer oft merkwürdig passiven Verhandlungsstrategie billigend (und mit Fatalismus) in Kauf genommen wird. Flächenstreiks aber wären, zumal in einer konjunkturellen Schwächephase, eine ökonomische Geisterfahrt: In einer eng vernetzten Volkswirtschaft können schon punktuelle Streiks an Schlüsselstellen maximale Destruktionskraft entfalten. Nicht von ungefähr haben Verdi, GDL & Co. gerade die Logistik ( Zugverkehr, Flughäfen) ins Visier genommen.

Deutschland braucht kein Streikchaos. Deutschland braucht faire und ökonomisch sinnvolle Tarifabschlüsse. Dieser Verantwortung müssen sich die Arbeitgeber und Gewerkschaften stellen – 2008 mehr denn je.

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