Tauchsieder: Der Staat ist der bessere Unternehmer

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kolumneTauchsieder: Der Staat ist der bessere Unternehmer

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Das Buch von Mariana Mazzucato The Entrepeneurial State: Debunking Public vs. Private Myths ist als E-Book für 10,93 Euro im Handel erhältlich.

Kolumne von Dieter Schnaas

Die Ökonomin Mariana Mazzucato hat ein provozierendes Buch geschrieben. Sie entzaubert den Mythos vom innovativen Markt – und kommt zu dem Schluss: Ohne Staat ist alles nichts.

Es gibt einen Satz des Chicagoer Ökonomen Milton Friedman aus dem Jahre 1962, der Epoche gemacht hat, und dieser Satz geht so: „The great advances of civilization, whether in architecture or painting, in science or literature, in industry or agriculture have never come from centralized government.”

Es ist ein Satz, der den ganzen libertären Individual-Solipsismus der vergangenen fünf Jahrzehnte vorwegnimmt. Er weist voraus auf die Selbstgefangenschaft einer ökonomischen Theorie, die sich eine Welt rationaler, interessegeleiteter Akteure herbei fantasiert und kündigt die Herrschaft einer Ideologie an, die mit Margaret Thatcher „keine Gesellschaft, nur Individuen“ zur Kenntnis nehmen wird. Der Staat ist in diesem Weltbild vor allem ein Feind des Bürgers, der Wirtschaft und des Wohlstands: als Steuerstaat ein Räuber, als regelsetzender Rechtsstaat ein bürokratisches Monster und als Sozialstaat ein Feind der Freiheit und des Marktes.

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Die wichtigsten Argumente von Mazzucato im Überblick

  • 1. Öffentliches Risikokapital ist risikobereiter als privates Venture-Kapital

    Während jenes bereit sei, Geduld aufzubringen und auch das vollkommen Ungewisse zu kapitalisieren, engagiere sich dieses nur (und erst), wenn es hinreichend Indizien dafür gibt, dass eine Investition sich kurz- oder mittelfristig rentiert. Ganz gleich, ob Raumfahrt, Computer, Internet, Nanotechnologie, Atomkraft oder grüne Energien: In allen Fällen sei es der Staat gewesen, der es zunächst gewagt habe, against all odds das Unmögliche zu denken, der zuerst ins Risiko ging und eine Netzwerk der Forschung etablierte – bevor privates Kapital – 15 bis 20 Jahre danach  - die Kommerzialisierung von Produkten finanzierte. Kurzum, so Mazzuccato provozierend: Es fehlt Venture-Kapitalisten nicht an Geld, sondern an Mut und Geduld, um an der Spitze von technischen Entwicklungen zu stehen. Während Unternehmen in den USA 67 Prozent  aller Ausgaben für „Forschung und Entwicklung“ stellten, finanzieren Staat, staatsnahe Forschungsinstitute und Universitäten 80 Prozent der Grundlagenforschung.

  • 2. Der Staat sollte sich daher nicht nur als Katalysator von Informationen verstehen

    Sondern als  Innovator eigenen Rechts. Die Geschichte des Silicon Valley und der Biotech-Industrie sei nicht (allein) als Geschichte von genialen Technologie-Gurus wie Steve Jobs (Apple) und Mark Zuckerberg (Facebook) zu erzählen, sondern nur von ihren jeweiligen Anfängen her verstehbar. Das Fundament des Erfolges von Google (der Algorithmus) sei genauso von öffentlichen Forschungseinrichtungen gelegt worden wie das von Apple (der Touchscreen), so Mazzucato, die ihre These am Beispiel von Apple in einem eigenen, besonders eindrücklichen Kapitel, detailliert zu belegen weiß.

  • 3 .Der Staat soll sich mit Steuergeschenken und bei der Verteilung von Forschungsgeldern in Zurückhaltung üben

    Der Staat soll sich daher mit Steuergeschenken und bei der Verteilung von Forschungsgeldern in großer Zurückhaltung üben, argumentiert Mazzucato. Denn erstens steckten private Unternehmen, ganz gleich ob klein oder groß, einen Großteil ihrer F&E-Budgets in die (Weiter-)Entwicklung ihrer marktgängigen, nicht in die (Er-)Forschung neuer Produkte. Zweitens würden Konzerne wie Apple und  Google heute deutlich mehr Geld in den Rückkauf von Aktien (in die Steigerung des Unternehmenswertes) investieren als in Innovationen. Das Geschäftsmodell einiger Hightech-Unternehmen erinnere sie insofern schon an das Geschäftsmodell von Investmentbanken, so Mazzucato trocken: „Socialization of risk, privatization of rewards.“ Ihre naheliegende Empfehlung: Unternehmen verdienen nicht für die Anzahl ihrer Patente oder die Höhe ihrer „E“-Budgets honoriert zu werden also für die Verteidigung, Verfeinerung und Kapitalisierung ihrer fertigen Produkte, sondern für die Anzahl ihrer echten „F“-Mitarbeiter.

Es ist erstaunlich (und vielsagend), dass sich ein solch primitives Weltbild vor allem in Ländern verbreiten konnte, die von sich annehmen, Zentren von Wissensarbeitern zu sein. Muss man wirklich noch an die entscheidende Rolle erinnern, die Päpste, Kardinäle, Könige und Fürsten gespielt haben, damit Caravaggio seinen „Amor“ malen und Mozart seine „Zauberflöte“ komponieren konnten? Und hat nicht Karl Polanyi in „The Great Transformation“ bereits 1944, also fast zwei Jahrzehnte vor Friedman, den Mythos vom Markt als einem sich selbst regulierenden System „freier Individuen“ entzaubert, indem er den wirtschaftshistorischen Nachweis erbrachte, dass der Staat bei Geburt und Pflege des „freien Marktes“ jederzeit Pate stand? Seit Polanyi müsste eigentlich die Tatsache, dass der Markt eingebettet ist in staatliche, rechtliche, kulturelle und gesellschaftliche Voraussetzungen, eine Binsenweisheit sein:  „The road to the free market was opened an kept open by an enormous increase in continous, centrally organized and controlled interventionism.“

Doch Vorurteile sind bequem, nicht zuletzt, weil sie sich von Journalisten, ganz ohne Nachdenken, schnell und leicht hinschreiben lassen. Dass der Staat sklerotisch und mutlos sei, die Politik phlegmatisch und der Beamte fantasiearm, die Wirtschaft hingegen risikofreudig, der Unternehmer dynamisch und der Entrepeneur visionär – das alles sind Sätze, die in Wirtschaftsredaktionen das Zeug haben, auch schon mal völlig begründungslos durchgewunken zu werden.„Governments have always been lousy at picking winners“, schreibt beispielsweise der Economist 2012, und im Internet-Zeitalter der Nerd-Tüftelei gelte diese Milton-Friedman-Wahrheit gar umso mehr: „As the revolution rages, governments should stick to the basics: better schools for a skilled workforce, clear rules and a level playing field for enterprises of all kinds. Leave the rest to the revolutionaries.”

Tauchsieder Thomas Pikettys strittige Kapitalismus-Formel

Der Ökonom Thomas Piketty hat ein Buch geschrieben, das die Branche elektrisiert und politischen Sprengstoff birgt: Ist das Gesetz der zunehmenden Ungleichheit, eine Revolution oder nur kalter Kaffee?

Thomas Pikettys Buch wirft die Frage auf, ob Kapitalismus und Demokratie gemeinsam funktionieren können. Quelle: dpa/Montage

Es ist Mariana Mazzucato, die diese Sätze in revisionistischer (und genüsslicher) Absicht zitiert. Die italienisch-amerikanische Ökonomin an der südenglischen University of Sussex will zeigen, wie falsch und wirkmächtig zugleich die doppelte Annahme einer kreativen Wirtschaftswelt und eines innovationsunfähigen Staates ist – und man muss sagen, dass ihr dabei ein wundervoll bezwingendes Buch gelungen ist: „The Entrepeneurial State“ dekonstruiert einerseits den Mythos von den genialen Garagen-Entrepeneuren und findigen Venture-Kapitalisten - ohne dabei die enorme Bedeutung privater Initiativen und Investitionen zu relativieren. Und es würdigt andererseits die Fantasiefähigkeit der Politik und die Kraftentfaltung von staatlich induzierten Visionen – ohne dabei die Bedeutung öffentlicher Forschungsprogramme und der Grundlagenarbeit an Universitäten bei der Marktdurchsetzung innovativer Produkte zu überschätzen.

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