Tauchsieder: Leute, lest Karl Marx!

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kolumneTauchsieder: Leute, lest Karl Marx!

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Büste von Karl Marx in seiner Geburtsstadt Trier

Kolumne von Dieter Schnaas

Als Prophet ein Versager, als Soziologe ein Riese - vor 150 Jahren hat Karl Marx den ersten Band von „Das Kapital“ veröffentlicht. Ein Hommage an den Trierer Volksfreund.

Wie wichtig ist Karl Marx? Wie eminent seine Bedeutung? Der Stadtrat von Trier hat auf diese Fragen eine denkwürdige Antwort gegeben: Wenn sich am 5. Mai 2018 zum 200. Mal der Geburtstag von Marx jährt, soll ein 6,30 Meter großes Marx-Monument, ein Geschenk der Volksrepublik China, enthüllt werden. Zu viel der Ehre für den bärtigen Gelehrten - für einen Kommunisten, in dessen Namen Lenin, Stalin, Mao, Ulbricht und Honecker ganze Länder in den Ruin führten und Millionen von Andersdenkenden einsperrten, verfolgten, ermordeten? 

Es spricht für den Stadtrat von Trier, dass sich an dieser Frage nicht mal mehr Streit entzündete: Wer heute noch den Rang von Marx als Soziologe, Publizist und Ökonom in Zweifel zieht, ist kein gesinnungsfester Verteidiger der freien Welt, sondern ein Ignorant. Nein, verschiedener Meinung ist man in Trier allein, was den Spender betrifft: Wer ein Geschenk annimmt, ehrt den Schenkenden, also China - kann man das wirklich wollen? Wahrscheinlich hätte nicht mal Marx seine Freude daran. Seine Heimat ist zu geizig, ihm ihre Referenz zu erweisen - und lässt sich ausgerechnet von China dotieren, von einem Land, das den Manchesterkapitalismus des 21. Jahrhunderts repräsentiert?

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Quelle: Fotolia

Wer Karl Marx vor seiner politischen Vereinnahmung schützen will, ist daher gut beraten, sich an ein anderes Jubiläum zu halten: an den 14. September 1867, an den Tag vor 150 Jahren, an dem der Trierer Volksfreund den ersten Band von „Das Kapital“ veröffentlichte, Untertitel: „Kritik der politischen Ökonomie“. Marx, der unaufhörlich Material sammelte, kompilierte, sich verzettelte, nie ein Ende fand, hat die Herausgabe des Werkes damals persönlich begleitet, war eigens aus London nach Hamburg zu seinem Verleger gereist, um letzte Korrekturen anzufertigen. Und heute? Was bleibt von Marx? Warum muss man ihn lesen? 

Zunächst einmal: Weil nichts mehr dagegen spricht. Der Mauerfall hat Marx ideologisch entlastet und als originellen Denker rehabilitiert. Der 9. November 1989 mag für den Sozialismus eine Art Karfreitag gewesen sein - für den Schöpfer des „Kapitals“ war es, als fielen Wiederauferstehung und Himmelfahrt auf einen Tag. Endlich konnte man Marx in Studentenparlamenten kritisieren, ohne Gefahr zu laufen, sich als "Propagandist des Kapitals" unmöglich zu machen. Endlich konnte man in kleinstädtischen Buchhandlungen das "Kommunistische Manifest" ordern, ohne von tuschelnden Kunden unter Ideologieverdacht gestellt zu werden.

Anders gesagt: Der Fall der Mauer hat Marx vom Marxismus gereinigt. Den überragenden Theoretiker des Industriekapitalismus vom Propheten kollektivistischer Erlösungspläne emanzipiert. Das schwere Kreuz der Ideologie fiel damals von Marx' Schultern, die ganze kommunistische Theologie von der "massenhaften Veränderung der Menschen", die Gräuel des Stalinismus, all die Zynismen der Planwirtschaft, die in seinem Namen stattgefunden hatten. Seither kann man Marx lesen, unverschämt und unverbrämt, ganz so wie Hegel, Nietzsche, Kierkegaard, als Klassiker des 19. Jahrhunderts.

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