Tauchsieder: Piketty ist nicht widerlegbar

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Die Piketty-Debatte geht weiter

Kolumne von Dieter Schnaas

Sie geben sich alle Mühe, den "linken Ökonomen" vom Sockel zu stürzen - und scheitern grandios. Warum die "neoliberalen" Zweifel am Zuwachs der Ungleichheit nur noch peinlich sind.

Der klassische Liberalismus, verstanden als politische Stilrichtung, zeichnet sich bekanntlich durch seine Ideologiefreiheit aus. Der Konservativismus schöpft aus einem Reservoir an Traditionen und Herkünften und kuschelt seine Anhänger in eine hübsch ausgestattete Vergangenheit ein. Die Sozialdemokratie gräbt ständig neue Hoffnungen und Utopien aus und verwöhnt ihre Fans mit einer reich eingerichteten Zukunft. Allein der klassische Liberalismus hat nichts dergleichen anzubieten, schaut kalt und unbeteiligt auf das Leben des Menschen im Hier und Jetzt und gibt ihnen ein "Mach was draus" mit auf den Weg - allenfalls. 

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Weil den Liberalen das allerdings auf die Dauer ein bisschen wenig schien und die Menschen sich noch dazu partout nicht bloß als gegenwartsverliebte Ichlinge ohne geteilte Bräuche und gemeinsame Sehnsüchte entpuppen wollten, verfiel der Liberalismus auf die grandiose Idee, den Verzicht auf eine politische Richtung zu einem politischen Gral zu verheiligen - und den Markt als Ort von ich-interessierten Tauschoperationen mit dem Odeur einer Religion zu umfloren. Und tatsächlich, die nächsten zwei Jahrhunderte haben gezeigt, dass der schiere Glaube Berge versetzen kann: Die rationale Entzauberung der Welt und die Diabolisierung des "guten Lebens" gelang so gründlich, dass Zweifel am segensreichen Wirken der "unsichtbaren Hand" des Marktgottes unter Blasphemie-Verdacht stehen. Ist es eine Tragödie? Ist es eine Komödie? Der Liberalismus, ursprünglich eine Idee der politischen Totalneutralität, ist in die Hände von politischen Sektierern geraten, die mit savonarolischem Furor die Reinheit eines Marktideals verhimmeln, das es - historisch nachweisbar - nie gegeben hat.  

Nun lassen sich Sektierer und Eiferer bekanntlich nicht beirren von einer sie bedrängenden Wirklichkeit: Passen Wunsch und Realität nicht zusammen, kann mit der Realität was nicht stimmen... Womit wir bei Thomas Piketty wären, dem französischen Ökonomen, der vor ziemlich genau einem Jahr Furore machte mit seinem Buch "Das Kapital im 21. Jahrhundert". Bekanntlich hat Piketty darin die materialreich belegte These aufgestellt, dass im Kapitalismus das Gesetz der zunehmenden Ungleichheit gilt, weil die Rendite aus Kapital und Vermögen größer sei als das Wirtschaftswachstum - ein Satz, der nicht nur für "die gesamte Menschheitsgeschichte", sondern umso mehr in entwickelten, schwach wachsenden Industrieländern gelte. Der Abstand zwischen Vermögenden und Arbeitenden, so Pikettys Schlussfolgerung, wachse nicht nur in den USA und Europa, sondern sei auch prinzipiell uneinholbar.

Tauchsieder Thomas Pikettys strittige Kapitalismus-Formel

Der Ökonom Thomas Piketty hat ein Buch geschrieben, das die Branche elektrisiert und politischen Sprengstoff birgt: Ist das Gesetz der zunehmenden Ungleichheit, eine Revolution oder nur kalter Kaffee?

Thomas Pikettys Buch wirft die Frage auf, ob Kapitalismus und Demokratie gemeinsam funktionieren können. Quelle: dpa/Montage

Leider sind Thomas Piketty bei seiner bravourösen Arbeit drei branchenübliche Fehler unterlaufen, die ich schon damals kritisiert habe. Erstens: Piketty stellt ein weiteres ökonomisches "Gesetz" auf, komprimiert seine Forschungen zu einer ewig gültigen Formel - und dichtet ihnen damit dummerweise den Status einer zeitlosen "Wahrheit" an. Damit verbleibt Piketty methodisch im Reich der liberalen Wirtschaftsreligion, aus dem er sich argumentativ hinaus bewegen will. Zweitens: Piketty erspart sich das philosophisch-politische Nachdenken über seine Befunde, auch dies ein typischer Ökonomen-Fehler: Keine Diskussion nirgends über die positiven oder negativen Folgen der einen oder anderen Ungleichheit, kein Abwägen der Frage, in wessen Händen konzentrierter Reichtum produktiv sein könnte (Bill Gates Foundation?) und in wessen Händen eher nicht (arabische Staatsfonds?). Drittens schließlich zieht Piketty sehr handfeste politische Schlussfolgerungen aus seinen Forschungsergebnissen (etwa: Vermögenssteuern) - und handelt sich eben dadurch den Vorwurf ein, es mit der wissenschaftlichen Wertneutralität nicht gar so genau zu nehmen. Anders gesagt: Piketty will die Welt, wie so viele Ökonomen, nicht nur beschreiben, sondern auch verändern - und droht damit in die gleiche Falle zu laufen wie vor ihm zum Beispiel Friedrich August von Hayek oder Milton Friedman (eine kritische Rezension des Buches siehe oben).

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