Tauchsieder: Schulden sind keine Verpflichtung mehr

kolumneTauchsieder: Schulden sind keine Verpflichtung mehr

Kolumne von Dieter Schnaas

Anno 1600 dramatisiert William Shakespeare ein Grundgesetz der Marktgesellschaft: Schulden sind eine Verpflichtung, eine Bürde. Seit den Geldschöpfungsorgien der Zentralbanken ist es damit vorbei.

Shylock ist ein Ekel, keine Frage, und ja: William Shakespeare (1564–1616) räumt seinem Tugendensemble im „Kaufmann von Venedig“ viel Platz ein, um die „schurkische Seele“ des Zinsjuden anzuklagen. Gleich zu Beginn stellt er Shylocks „wölfisches, blutrünstiges“ Wesen aus, von Geld besessen und Habgier getrieben. Aber Shakespeare wäre nicht Shakespeare, wenn Shylock bloß empty from any dram of mercy wäre, ein Mann von eindimensionaler Bösartigkeit, der Antonio 3.000 Dukaten verleiht und ihm ein Pfund Fleisch aus den Rippen zu schneiden droht, sollte er das Geld nicht binnen drei Monaten zurückzahlen. Nein, Shylock ist zugleich ein Verstoßener, der auf Rache sinnt für all die Erniedrigungen, die er als buckliger Geldverleiher auf dem Rialto erleidet, ein Outlaw, der nur das Vorurteil der Charakterlosigkeit bestätigt, das von der scheinmoralisch „guten“ Gesellschaft Venedigs gegen ihn erhoben wird.

Der Text ist ein - leicht veränderter und stark gekürzter - Auszug aus einem Essay für den Sammelband "Bonds. Schuld, Schulden und andere Verbindlichkeiten", herausgegeben vom Berliner Kulturwissenschaftler Thomas Macho. Das Buch versammelt Beiträge u.a. von Jochen Hörisch, Maria-Sybilla Lotter und Thomas Sedlacek. Es ist im Wilhelm Fink Verlag erschienen und kostet 49,90 Euro. Quelle: Presse

Der Text ist ein - leicht veränderter und stark gekürzter - Auszug aus einem Essay für den Sammelband "Bonds. Schuld, Schulden und andere Verbindlichkeiten", herausgegeben vom Berliner Kulturwissenschaftler Thomas Macho. Das Buch versammelt Beiträge u.a. von Jochen Hörisch, Maria-Sybilla Lotter und Thomas Sedlacek. Es ist im Wilhelm Fink Verlag erschienen und kostet 49,90 Euro.

Bild: Presse

Von Schuld zu sprechen ist im „Kaufmann“ schier unmöglich. Nicht nur, weil Shakespeare sie keiner seiner Figuren unzweideutig zuweist. Sondern vor allem, weil er die kulturelle Basisinnovation der heraufdämmernden Marktgesellschaft auf die dramatische Spitze treibt: die Umformatierung von persönlicher Schuld in finanzielle Schulden. Eine Verbindlichkeit ist im Kapitalismus keine zwischenmenschliche Ehrensache mehr, sondern juristisch obligatorisch. Sie lässt sich nicht mehr vormodern, wie von Antonio, mit Lauterkeit verrechnen, sondern wird mit Geld aus der Welt geschafft. Shakespeare spürt, dass am Ende des 16. Jahrhunderts nicht mehr Gottes Wort und Königs Wille zählen. Sein Shylock personifiziert eine Ordnung, in der das Geld zum Maß aller Dinge aufsteigt, weil es selbst das schlechthin Unverfügbare (Antonios Leib und Leben) auf seinen verbindlichen Nenner zu bringen versteht. Shylocks Geld erklärt das (falsche) Edle und Wahre der Herrschaftsmoral zur baren Ware. Es richtet eine Welt ein, in der ein Vertrag mehr zählt als Reputation – und im Zweifelsfall Recht vor Gnade ergeht.

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Für das Verständnis von modernen Staatsschuldenkrisen ist der Ökonom William Shakespeare daher ein besserer Ausgangspunkt als der Ökonom Adam Smith. Im Unterschied zur wirtschaftswissenschaftlichen Klassik, die das Geld knapp 200 Jahre später zum Zahlungsmittel freisinniger Marktteilnehmer verharmlosen wird, versteht er Geld als Schuldurkunde. Dahinter steht der aristotelische Gedanke, dass die Zahlung von Geld den direkten Austausch von Gütern gewissermaßen unterbricht – und dass das Geld eine Schuld speichert, die erst dann beglichen ist, wenn der Empfänger einer Zahlung seinerseits eine Zahlung leistet: Das Geld ist für einen späteren Austausch gleichsam Bürge. Was mit seiner rechtlichen Natur gemeint ist, wird sofort klar, wenn das Geld selbst, wie bei Shylock, zu einer Ware wird: Der Empfänger ist zu ihrer Rückgabe verpflichtet und hat für ihre Nutzung eine Leihgebühr – den Preis des Geldes: den Zins – zu zahlen. Shylock hält die Erhebung einer solchen Gebühr für die selbstverständlichste Sache der Welt, ja: Es geht ihm gleich zweimal darum, Antonio als fool that lent out money gratis eine ökonomische Lehre zu erteilen.

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Quelle: Getty Images

Das englische Wort bond spielt dabei eine entscheidende Rolle. Anders als im heutigen Zentralbank-Deutsch, in dem es einen Kredit bezeichnet, der Schuldner zu nichts verpflichtet, weil dieser Kredit aus dem Nichts geschaffen, niemals zurückgezahlt und ad infinitum gestückelt und verbrieft, kurz: „refinanziert“ wird, ist ein bond für Shakespeare unbedingt verbindlich. Mehr noch: Der bloße Anspruch auf Rückzahlung bietet dem Geldhändler Shylock mehr Sicherheit als dem Kaufmann Antonio der Besitz realer Waren. Für Shylock mögen Antonios Schiffe auf den Weltmeeren mit lauter Reichtümern beladen sein – eine Sicherheit für sein Geld, eine Garantie auf Rückzahlung gar, gewähren sie ihm nicht. Schiffe sind „nur Bretter“, so Shylock, den peril of waters, winds, and rocks ausgeliefert. Für ihn ist materieller Besitz etwas, das sich jederzeit in Luft auflösen kann – und das Immaterielle eines Kredits etwas, womit man unbedingt zu rechnen hat.

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