Tauchsieder: Thomas Pikettys strittige Kapitalismus-Formel

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kolumneTauchsieder: Thomas Pikettys strittige Kapitalismus-Formel

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Thomas Pikettys Buch wirft die Frage auf, ob Kapitalismus und Demokratie gemeinsam funktionieren können.

Kolumne von Dieter Schnaas

Der Ökonom Thomas Piketty hat ein Buch geschrieben, das die Branche elektrisiert und politischen Sprengstoff birgt: Das Gesetz der zunehmenden Ungleichheit, jubeln Linksliberale, sei eine Revolution. Oder doch nur kalter Kaffee?

Vor sechs Wochen war Thomas Piketty ein französischer Wirtschaftswissenschaftler, der an der Pariser School of Economics und der École des Hautes Études en Sciences Sociales lehrte und im August 2013 ein fast 1000 Seiten dickes Buch mit einem anmaßenden Titel geschrieben hatte: "Le capitale au XXI siècle" - "Das Kapital im 21. Jahrhundert". Heute ist Thomas Piketty der neue Leitstern der Zunft, der angeblich die Weltformel des Kapitalismus entdeckt hat: "r > g" lautet sie: der return on capital ist größer als das economic growth, zu deutsch: die Einkommen aus Kapital übertreffen das Wirtschaftswachstum - mit der Folge, dass sich die Schere der Ungleichheit zwischen den Vielen, die für kleines Geld arbeiten müssen und den Wenigen, die großes Geld für sich "arbeiten" lassen können, immer weiter öffnet.

In Frankreich verkaufte sich Pikettys Sachbuchschinken ordentlich; die Kritik bescheinigte dem Autor, nicht nur enormen empirischen Aufwand betrieben, sondern den gewaltigen Stoff auch zu einer leicht verständlichen, "großen Erzählung" verarbeitet zu haben. In den Vereinigten Staaten aber war das Vorweg-Echo über Pikettys "Entdeckung" so groß, dass der Verlag sich kurzerhand entschloss, die Veröffentlichung der Übersetzung von April auf Mitte März vorzuziehen. Seither fällt Lob und Preis wie Manna vom Himmel, gerade so, als handle es sich bei Thomas Piketty um ein Kaliber wie Adam Smith, Karl Marx oder Joseph Schumpeter.

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Der Grund dafür ist leicht ersichtlich. Piketty wird von der (linksliberalen) Intellektualität wie ein Heilsbringer gefeiert, weil seine Formel das Zeug hat zur politischen Kraftentfaltung. Sie soll helfen, das ("neoliberale") Mentalitätsregime - Deregulierung und Niedrigsteuern - aus den Angeln zu haben, in dessen Bann Amerika seit drei Jahrzehnten stehe, mindestens aber den von Ronald Reagan und Milton Friedman geprägten amerikanischen Volksglauben erschüttern, Kapitalismus, Marktfreiheit und Demokratie verhielten sich komplementär zueinander.

Kapitalismus schadet der Demokratie

Pikettys These dagegen lautet genau andersherum: Der Kapitalismus schädige die Demokratie. Und der "Markt" erzeuge Ungleichheiten, die westliche Gesellschaften geradewegs zurück in eine neofeudale Zukunft führten, genauer: in ein viktorianisches 21. Jahrhundert, in dem die Erben von Manager-Milliardären als Groß(grund)besitzer ihren leistungslosen Reichtum genießen (und permanent ausbauen), während die arbeitende Bevölkerung mit einem kleiner werdenden Kuchen aus Arbeitseinkommen abgespeist wird.

Entsprechend grenzenlos ist der Jubel über Pikettys Buch. Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman lobt das "große, mitreißende Nachdenken über die Ungleichheit" und preist Pikettys Werk als "Revolution". Branko Milanovic, einer der führenden Köpfe der Armuts- und Ungleichheitsforschung, ist sich sicher, dass Piketty "das ökonomische Denken verändern" wird. In zahlreichen Zeitschriften und Internet-Blogs ist übereinstimmend vom "wichtigsten Wirtschaftsbuch des Jahres, vielleicht sogar des Jahrzehnts" die Rede. Die Besprechungen in New York Times, New Yorker oder von Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow in New Republic sind von eindrucksvoller Ausführlichkeit und künden von tiefem Respekt.

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