Tauchsieder: Vergesst die Nationalökonomie!

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kolumneTauchsieder: Vergesst die Nationalökonomie!

Kolumne von Dieter Schnaas

Karl Polanyi hat vor 70 Jahren die Zunft der Volkswirte beschämt. Jetzt sind neue, alte Aufsätze erschienen. Begegnung mit einem Denker, der einem den Atem raubt.

Es ist dieser eine ungeheuerliche Satz, der sich sofort ins Gedächtnis gräbt, den man nie mehr los wird, der einem schier den Atem raubt, auch noch nach Jahren, beim Wiederlesen, bei der zweiten und dritten Lektüre - und dieser Satz geht so: "Wenn wir den deutschen Faschismus verstehen wollen, müssen wir uns dem England (David) Ricardos zuwenden." Karl Polanyi (1886 - 1964) hat ihn geschrieben, der ungarisch-österreichische Wirtschaftsjournalist, englisch-amerikanische Professor für Politische Ökonomie und kanadische Kulturanthropologe. Nachzulesen ist er in Polanyis Hauptwerk The Great Transformation, am Ende des ersten Teiles, in dem der Autor einen Blick voraus wirft auf das, was folgen wird, auf den 250 Seiten langen Beweis seiner mächtig verstörenden These: Die Ursprünge des Weltzusammenbruchs 1929/45 lagen im "religiösen Eifer des Wirtschaftsliberalismus zur Errichtung eines selbstregulierenden Marktsystems".

Ratschläge an die Politik Wie unabhängig sind Deutschlands Top-Ökonomen?

Euro-Krise, Energiewende, Mindestlohn – kaum ein Thema, zu dem sich Deutschlands Top-Ökonomen nicht zu Wort melden. Wer die führenden Köpfe in der Debatte sind und wie sie zu ihren Thesen kommen.

Quelle: Christof Mattes für WirtschaftsWoche

Fast alles, was klassisch denkenden Ökonomen bis auf den heutigen Tag anbeten, hat Polanyi damals als "economistic prejudice" angezweifelt und als verdorbene Frucht eines "kruden Utilitarismus" gemaßregelt: Die Vorstellung von einem harmonischen Markt, auf dem Individuen ihren Spezialinteressen frönen und damit dem Gemeinwohl dienen, Montesquieus Doux-Commerce-These von einem pazifizierenden Welthandel, das Paradigma einer kühl berechnenden Vernunft ("homo oeconomicus") - und vor allem: die nicht auszurottende Phrase, dass das Markt- und Wettbewerbsdenken eine natürliche Eigenschaft des Menschen, eine zeit- und kulturen-übergreifende, anthropologische Konstante - und kein kulturelles Produkt der Moderne - sei.

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Denkfabrik Schluss mit der Regulierungsorgie

Mit der umfassenden Überwachung der Banken und Finanzmärkte wollen die Zentralbanken und Aufsichtsbehörden künftige Risiken für die Finanzstabilität abwehren. Doch daraus droht eine Regulierungsorgie zu werden.

Quelle: dpa

Kein Wunder also, dass Polanyi bis heute keinen Einfluss auf die überwältigende Mehrheit der neoklassischen Ökonomen hat - und dass er sich unter Soziologen seit Ausbruch der Finanzkrise (wieder) umso größerer Beliebtheit erfreut. Das ist gleich doppelt schade, weil es sich bei Polanyi um einen wundervollen Autor handelt, der weder Ignoranz noch übertriebene Inanspruchnahme verdient hat. Mehr noch: The Great Transformation ist geradezu das Paradebeispiel für ein Buch, das einerseits zur Pflichtlektüre für alle angehenden Volkswirtschaftler erhoben werden sollte - und das sich andererseits überhaupt nicht eignet als Zitatenschatz von passionierten Kapitalismuskritikern mit erkennbar gegenwartspolitischen Absichten.

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