Thomas Böhle zu Kita-Zoff: "Neue Streiks sind möglich"

Thomas Böhle zu Kita-Zoff: "Neue Streiks sind möglich"

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Thomas Böhle ist Verhandlungsführer der Kommunen in den Tarifrunde für den Erziehungs- und Sozialdienst. Im Hauptberuf ist der gelernte Jurist und gebürtige Freiburger Personalchef der Stadt München.

von Bert Losse

Kindertagesstätten könnten im Oktober wieder geschlossen bleiben. Der Verhandlungsführer der Arbeitgeber, Thomas Böhle, will in der Tarifrunde im Sozial- und Erziehungsdienst kein neues Angebot vorlegen und attackiert die Gewerkschaften.

WirtschaftsWoche: Herr Böhle, in der Tarifrunde im Sozial- und Erziehungsdienst haben die Gewerkschaften den Schlichterspruch abgelehnt...

Thomas Böhle: ...ein äußerst ungewöhnlicher Vorgang ...

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...und auch die jüngste Verhandlungsrunde vergangene Woche blieb ergebnislos. Droht in den Kitas nun ein quälender Dauerstreit wie zuletzt bei der Bahn?

Damit wäre niemandem gedient. Der Gesprächsfaden ist noch nicht abgerissen. Wir haben mit den Gewerkschaften vereinbart, dass wir uns Anfang Oktober wieder zusammensetzen.

Um dann ein neues Angebot der Arbeitgeber zu besprechen?

Nein. Mit einem neuen Angebot ist bis Oktober mit Sicherheit nicht zu rechnen. Wir sind bereit, über Details des Schlichterspruchs zu reden, aber es gibt finanziell  keine Luft nach oben.  Die Umsetzung des Schlichterspruchs kostet die Kommunen ja immerhin 400 bis 500 Millionen Euro, da haben viele nur zähneknirschend zugestimmt. Sie dürfen auch nicht vergessen, dass Anfang nächsten Jahres die große Tarifrunde im öffentlichen Dienst los geht, da kommen auf die Kommunen bereits die nächsten Belastungen zu.

Fragen und Antworten zum Kita-Streik

  • Worum geht es bei der Tarifauseinandersetzung?

    Gewerkschaften und kommunale Arbeitgeber verhandeln nicht über eine prozentuale Tariferhöhung. Es geht darum, wie die Arbeit von Erzieherinnen und Sozialarbeitern bewertet und bezahlt wird. Die Gewerkschaften wollen durchsetzen, dass die Beschäftigten im Sozial- und Erziehungsdienst mehrere Tarifstufen höher eingruppiert werden. Nach ihren Angaben hätte dies im Durchschnitt eine Gehaltserhöhung um zehn Prozent zur Folge.

  • Für wen wird verhandelt?

    Die Verhandlungen laufen nur für die bei den Kommunen beschäftigten Erzieher. Das ist laut Verdi etwa ein Drittel - zwei Drittel arbeiten für freie Träger wie Kirchen oder die Arbeiterwohlfahrt. Bei den freien Trägern orientieren sich die Arbeitgeber der Gewerkschaft zufolge am Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst, allerdings häufig mit Eingruppierungen unterhalb des Niveaus bei den Kommunen.

  • Wie begründen die Gewerkschaften ihre Forderung?

    Mit dem Ausbau der frühkindlichen Bildung seien die Anforderungen an die Erzieherinnen stark gestiegen, betont Verdi. Eine entsprechende Bezahlung sei aber ausgeblieben. Auch die Bertelsmann Stiftung streicht die gewachsenen Ansprüche an Erzieherinnen heraus. „Das Anforderungsprofil entspricht dem von Grundschullehrern“, sagt Anette Stein, die bei der Stiftung Direktorin des Programms Bildungsinvestitionen ist. Die Bezahlung bleibe aber „deutlich“ hinter der von Grundschullehrern zurück.

  • Wie werden Erzieherinnen bezahlt?

    Die Einstufung im Tarifsystem erfolgt nach Tätigkeit und Berufserfahrung. Eine Kinderpflegerin erhält als Anfangsgehalt 2043 Euro brutto im Monat, die Leiterin einer Kita kann, bei besonders großen Einrichtungen, bis zu 4749 Euro im Monat verdienen. Eine Erzieherin mit achtjähriger Tätigkeit bekommt nach Angaben von Verdi derzeit 2946 Euro im Monat, nach den Vorstellungen der Gewerkschaft soll sie künftig 3387 Euro erhalten.

  • Was sagen die Arbeitgeber?

    Die meisten Erzieherinnen seien bereits jetzt in die höchste Erfahrungsstufe eingruppiert und hätten damit ein Monatsgehalt von 3289 Euro. Die kommunalen Arbeitgeber vergleichen die Bezahlung der Erzieherinnen mit der von Handwerkern im öffentlichen Dienst oder Brandmeistern bei der Feuerwehr. Das Einkommen des Ausbildungsberufs Erzieherin liege oberhalb dieser Gruppen.

  • Und die Erzieherinnen?

    Viele Kita-Beschäftigte haben in einer aktuellen Befragung eine schlechte Bezahlung und fehlende Wertschätzung beklagt. Das Vorurteil „wir spielen, basteln und betreuen die Kinder nur“ sei noch weit verbreitet. In einer beim Kitaleiter-Kongress am Mittwoch in Dortmund vorgestellten repräsentativen Umfrage gaben fast 88 Prozent der Befragten an, ihre Bezahlung entspreche nicht den gestiegenen Anforderungen an ihre Arbeit.

Aber müssen Sie den Gewerkschaften nicht irgendwo entgegenkommen? Verdi-Chef Bsirske ist so weit vorgeprescht, dass er nicht mit leeren Händen vor seine Basis treten kann. Dadurch droht eine weitere Eskalation der Tarifrunde.

Ich halte, anders als die Gewerkschaften, nichts davon, Erwartungen zu wecken, die wir nicht erfüllen können. In der Schlichterempfehlung haben wir einen gut austarierten Kompromiss. Ich bitte um Verständnis, dass ich mögliche Alternativen im Rahmen dieses Kompromisses nicht öffentlich diskutiere. Übrigens haben die Gewerkschaften in der jüngsten Verhandlungsrunde  gar keine konkreten Änderungswünsche am Schlichterspruch benannt, die waren lediglich der Presse zu entnehmen.

Wäre es nicht der einfachste Weg, die lange Laufzeit von fünf Jahren zu verkürzen?

Nein. Es geht hier ja nicht um einen normalen Lohntarifvertrag, sondern um ein komplett neues Eingruppierungssystem. Das ist eine sehr komplexe Sache. Da sind fünf Jahre keine übermäßig lange Laufzeit. Dabei sollte es  bleiben.

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