US-Ökonom Jagdish Bhagwati im Interview: "Zerstörerische Kreativität"

US-Ökonom Jagdish Bhagwati im Interview: "Zerstörerische Kreativität"

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Jagdish Bhagwati, Professor an der New Yorker Columbia University und weltweit führender Handelstheoretiker.

US-Ökonom Jagdish Bhagwati über die Reform der Finanzmärkte, den Wall-Street-Korporatismus– und seinen Obama-Button.

WirtschaftsWoche: Herr Bhagwati, nimmt die Globalisierung durch die Finanzkrise Schaden?

Bhagwati: Ich glaube, es gibt ein politisch-psychologisches Problem. Die Menschen neigen dazu, die verschiedenen Elemente und Effekte der Globalisierung miteinander zu vermengen. Da wird der Welthandel in einen Topf geworfen mit dem freien Kapitalverkehr, der Migration, der Armut und dem internationalen Terrorismus. Und die begriffliche Verwirrung könnte sich durch die Finanzkrise verschärfen.

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Wie kommen Sie darauf?

Denken Sie an die Neunzigerjahre und das Beispiel Ostasien. Der internationale Handel stand damals im Zentrum der regionalen Wachstumserfolge. Aber als die asiatischen Volkswirtschaften unter dem entschiedenen Druck der Wall Street und des US-Finanzministeriums anfingen, ihre Finanzmärkte zu öffnen, waren sie damit weder gut beraten noch institutionell darauf vorbereitet. Indien und China entkamen damals der Krise, weil sie sich dem Ruf nach Beseitigung von Kapitalkontrollen verweigerten und sich nicht den Interessen der Wall Street auslieferten. Beide Länder wussten klug zu unterscheiden zwischen den positiven Effekten eines freien Welthandels und den gefährlichen Aspekten einer hastigen finanziellen Liberalisierung.

Und Sie fürchten, dass diese Unterscheidung so manchem Globalisierungskritiker schwerfällt? Dass mit dem freien Kapitalverkehr auch die Idee des Freihandels in Verruf gerät?

Der Fehler wurde damals schon gemacht – und er könnte sich jedenfalls wiederholen. Vieles wird davon abhängen, wie schnell die Krise vorüberzieht. Dass die Probleme gelöst werden, daran habe ich keinen Zweifel. Warum? Weil die USA letztlich nur eine Ideologie kennen, nämlich die, keiner zu folgen. Entsprechend pragmatisch haben die Amerikaner reagiert.

Sie glauben, die 700-Milliarden-Dollar-Spritze der US-Regierung für den amerikanischen Finanzsektor wird ihre Wirkung nicht verfehlen?

Warum sollte sie? Die Banken müssen fit gehalten werden, damit die Wirtschaft nicht mehr als nötig geschwächt wird. Die Amerikaner haben das getan – und ich glaube: mit Erfolg. Es hat keine Panik gegeben, keinen Bankensturm, die Leute haben ihre Ersparnisse nicht abgehoben und unters Kopfkissen gelegt.

Sie schließen eine große Depression aus?

Die Amerikaner haben aus der Geschichte gelernt und die Fehler von 1929 nicht wiederholt. Damals hat es keine fiskalpolitische Antwort auf den Crash gegeben – und erst nachdem sich der Crash zur Depression ausgewachsen hatte, wurden makroökonomische Überlegungen angestellt. Heute machen die USA von fiskalpolitischen Werkzeugen Gebrauch. Damals wurde die Geldmenge reduziert, heute steuert Amerika in Richtung monetärer Expansion. Natürlich ist das gegenwärtig nicht sonderlich effektiv, aber es geht zumindest nicht in die falsche Richtung. Schließlich die Handelspolitik: Damals erlebten wir einen Schub von Zollerhöhungen, eine Welle des Protektionismus. Heute gibt es bisher keinen einzigen Staatsmann, der durchblicken ließe, er wolle mit nationaler Abschottung auf die Finanzkrise reagieren.

Wenn man Ihnen zuhört, könnte man meinen, es gebe gar keine Krise.

Ich bin aus den genannten Gründen – und auch weil die Idee des modernen Freihandels gewissermaßen aus der großen Depression heraus entstanden ist – optimistisch. Die institutionellen und intellektuellen Rahmenbedingungen sind heute so, dass es zwar genügend Anlass zum Handeln gibt, aber absolut keinen Anlass zu glauben, es handle sich um eine substanzielle Krise.

Wohl aber eine Glaubwürdigkeitskrise des Kapitalismus? Es ist chic zurzeit, auf Amerika zu zeigen und zu sagen: „Seht her: Im Musterland des Kapitalismus haut der Staat die Banken raus...“

Herr Sarkozy, Frankreichs Staatspräsident, kann ruhig spotten und die Amerikaner zeihen, sie würden sozialistisch – soll er doch. Den Amerikanern ist das egal. Die lösen ihre Probleme und reden hinterher über die Gründe. Das heißt natürlich nicht, dass es nicht auch in Amerika eine moralische Diskussion über die Gier der Bankmanager gäbe – und einen Willen, die Banken bluten zu sehen. Aber solche Gedanken sind ja nicht neu. Denken Sie an die Manager, die sich mit Aktienoptionen versorgen ließen, bevor ihre Unternehmen Konkurs anmeldeten: Alles Kapitäne, die nicht mit ihrem Schiff untergingen, die sich ins Rettungsboot flüchteten und die Besatzung untergehen ließen.

Und die Amerikaner finden nichts dabei?

Natürlich finden Sie was dabei. Aber das hat nichts mit sozialer Gerechtigkeit, Ungleichheit oder Fairness zu tun – das verletzt die Prinzipien des Miteinanders. Und jetzt, in der Finanzkrise, müssen die Amerikaner auch noch mitansehen, wie die Kapitäne staatlicherseits vom Schiff herunter eskortiert werden. Verständlich, wie gesagt, dass sie dabei nicht gerne zusehen. Aber sie stellen nicht den Kapitalismus infrage. Sie reagieren auf Auswüchse und wollen sie abgestellt sehen. Sie glauben an den Markt – und werden die Krise intellektuell schneller überwinden als die Europäer.

Damit wieder alles von vorne losgehen kann?

Nein, natürlich nicht. Die Unternehmen können es sich nicht erlauben, in einem Milton-Friedman-Modus zu verharren und weiter zu behaupten: „Alles prima – schon Adam Smith hat gesagt, dass Eigennutz der Allgemeinheit dient...“ Die Werte bleiben intakt. Aber die Wall Street und die Unternehmen haben den Nachweis zu erbringen, dass sie es mit ethischem Verhalten ernst meinen, dass sich hinter Corporate Social Responsibility nicht nur Marketing verbirgt. Kurzum: Der Kapitalismus wird überleben. Die Menschen verstehen zunehmend besser, wie wichtig Märkte sind. Aber damit die Adam-Smith-Regel sich künftig behaupten kann, braucht er einen ethischen Anstrich. Leute wie Bill Gates und Warren Buffett, die sichtbar Gutes tun, sind ihrer Zeit voraus.

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