
Nur der Markt hält die Dinge im Fluss
Wirtschaftliche Lenkungsversuche hält Hayek daher nicht nur für ökonomisch unsinnig, sondern auch für eine Versündigung an der menschlichen Natur. Aller Planwirtschaft liege das rationalistisch-ingenieurhafte Missverständnis zugrunde, die Komplexität spontaner Ordnungen steuern zu können. Dagegen wendet Hayek ein, dass man sozialen Phänomenen – im Unterschied zu naturwissenschaftlichen – nicht mit szientistischen Mitteln beikommen könne. Alle Versuche, eine Gesellschaft auf Vernunft zu gründen (etwa Hobbes Gesellschaftsvertrag), sie an Ergebnissen zu messen (Utilitarismus) oder gar auf bestimmte Ziele hin zu verpflichten (Positivismus, Historismus, Marxismus), seien schon allein deshalb abzulehnen, weil sie auf methodisch falschem Grund stehen.
Das Entdeckungsverfahren
Nur der Markt, so Hayek, vermag die Dinge im Fluss zu halten, weil er das verstreute Wissen seiner Teilnehmer nicht zentralisiert, sondern koordiniert – und den dynamischen Prozess der ständigen Meinungsbildung fördert. Die Preise dienen dem Marktteilnehmer dabei als Informationssignale – sie eröffnen ihm die Möglichkeit, von objektiven Daten zu profitieren, die ihm allein nicht zur Verfügung stehen. Und der Wettbewerb ist vor allem deshalb ein „Entdeckungsverfahren“, weil er Waren, Güter, Moralvorstellungen und soziale Tatsachen ermöglicht, die heute noch unbekannt sind und daher nicht planvoll angesteuert werden können.
Die Vorteile des Wettbewerbs, so spitzt Hayek seinen Gedanken zu, ließen sich niemals messen – und das sei auch gut so, weil der Wettbewerb als abstrakte Ordnung keine Werte priorisiert, sondern den ständigen Wandel von Wertmaßstäben garantiert, die von der prinzipiellen Offenheit der Wettbewerbsergebnisse zugleich erzeugt und hervorgebracht werden. Konstitutiv für diese wettbewerbliche Ordnung, für die Hayek den Begriff „Katallaxie“ wählt, weil er „Marktwirtschaft“ für ein Oxymoron hält (Markt = Wettbewerb, Wirtschaft = Plan), ist eine blinde, „unmoralische“ Rechtsordnung, die einen verlässlichen „Dauerrahmen“ schafft, um die Kontingenz der „spontanen Ordnung“ zukunftsfest zu machen.
Es ist erstaunlich, dass ausgerechnet Hayek mit seiner biologischen Vorstellung von Ökonomie als eines lernenden Systems in tagespolitischen Fragen zuweilen eine an Starrsinn grenzende Meinungsfestigkeit an den Tag legte. Hat er in seiner eleganten Ordnungstheorie nicht jeden Wahrheitsanspruch zurückgewiesen? Und wenn er den Einfluss des Staates auf gesellschaftliche Prozesse beklagte, die sich ehedem im liberalen „Kosmos“ selbst zurecht geruckelt hatten – warum verstand er dann die steuernde „Taxis“ der Regierenden, etwa bei der Formation des Wohlfahrtsstaates, nicht auch als Ergebnis eines evolutorischen Prozesses? Für einen entschiedenen Gegner rationalistischer Systeme war Hayeks Anti-Sozialismus jedenfalls reichlich totalitär: Die liberale Vernunft war unantastbar. Das ist schade, weil Hayek seinen Gegnern dadurch eine willkommene Entschuldigung bietet, an den sozialphilosophischen Prämissen seines Anti-Sozialismus vorbeizulesen. Als eine Art Schutzimpfung gegen politischen Machbarkeitswahn – noch dazu auf Pump – ist die Lektüre seines Werkes heute wichtiger denn je.














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Alle Kommentare lesen23.04.2012, 11:15 UhrAnonymer Benutzer: letatcmoi
Sehr treffender Kommentar von MV. Auf der einen Seite lobt der Autor das stringente Denken Hayeks, auf der anderen Seite moechte er darin logische Fehler sehen. Der Ausbau staatlicher Macht reduziert unweigerlich die individuelle Freiheit, ob es sich dabei nun um einen vermeintlich vorsorglichen Wohlfahrtsstaat (welfare state) geht, oder um einen kriegstreiberischen bzw. Polizeitstaat (warfare state) dreht. Um Hayek verstehen zu koennen - der ja als weniger "radikal" (i.e. konsequent) gilt als Mises, muss man auch die Schriften Mises und ROthbards kennen. Diese Lektuere empfehle ich dem Autor!
23.04.2012, 11:13 UhrAnonymer Benutzer: letatcmoi
Sehr treffender Kommentar von MV. Auf der einen Seite lobt der Autor das stringente Denken Hayeks, auf der anderen Seite moechte er darin logische Fehler sehen. Der Ausbau staatlicher Macht reduziert unweigerlich die individuelle Freiheit, ob es sich dabei nun um einen vermeintlich vorsorglichen Wohlfahrtsstaat (welfare state) geht, oder um einen kriegstreiberischen bzw. Polizeitstaat (warfare state) dreht. Um Hayek verstehen zu koennen - der ja als weniger "radikal" (i.e. konsequent) gilt als Mises, muss man auch die Schriften Mises und ROthbards kennen. Diese Lektuere empfehle ich dem Autor!
16.11.2011, 14:08 UhrAnonymer Benutzer: Jimbo
@jonasm
Ich fand die Bewertung von road to serfdom falsch. Dieses Krebsgeschwür an sozialistischem,faschistischem oder auch mal staatsgläubigem Gedankengut zeigt mir jedes Mal meine Hilflosigkeit. Wenn ich Dampf in einem noch nicht zensierten oder geschlossenem Kommentar ablassen kann, dann nutze ich die Gelegenheit.