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Vorbild Deutschland: Ein Amerikaner entdeckt das deutsche Industriewunder

von Peter Ross Range Quelle: Handelsblatt Online

Um zu verstehen, was Amerika von Deutschland lernen kann, ist ein US-Autor quer durch unser Land gereist - zu Konzernchefs und Familienunternehmern, zu Azubis im Schwarzwald und ins Kanzleramt. Eine Spurensuche

Was macht Deutschland so einzigartig? Peter Ross Range hat die Volkswirtschaft etwas genauer betrachtet. Quelle: dpa
Was macht Deutschland so einzigartig? Peter Ross Range hat die Volkswirtschaft etwas genauer betrachtet. Quelle: dpa

Es ist Nacht über dem Atlantik. Ein Flug von Washington bringt mich in das Land, das ich wiederentdecken will. Voller Vorfreude lese ich alle deutschen Zeitungen, die bei der Lufthansa im Angebot sind.

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Ich werde Deutschland wieder besuchen, das erste Mal nach acht Jahren. Einige Orte meiner Reise habe ich sogar über fünfzig Jahre nicht mehr gesehen. Dabei ist das Land eine zweite Heimat für mich. Die Wirtschaft, die Politik, die Energiewende, das Einwanderungsproblem - wie die Deutschen damit umgehen, all das fasziniert mich. Der Wirtschaftsboom in Deutschland scheint stabil. Die Arbeitslosenquote bewegt sich unterhalb von sieben Prozent. Deutschland ist dabei, wieder eine Vorbildfunktion in der Welt einzunehmen.

Aber natürlich ist das nur ein Teil der Wahrheit. Der Euro ist in Not. Die Schuldenkrise macht dem Kontinent zu schaffen. Und jeder erwartet, dass Deutschland das Problem löst. In der Welt wird hitzig über den Entschluss von Bundeskanzlerin Angela Merkel debattiert, sich an der Bankenrettung im Süden Europas zu beteiligen.

Doch bei aller Kritik schwingt unüberhörbar Bewunderung mit. Bewunderung für ein Land, das nach dem Krieg erst verachtet, dann belächelt und oft im Spiel der großen Mächte ignoriert wurde. "Wir müssen Deutschland zum Vorbild nehmen", sagt jetzt Wall-Street-Investor Steven Rattner, der 2009 an der Spitze der 82 Milliarden US-Dollar schweren Rettungsaktion für die US-Automobilindustrie stand. Selbst Jeffrey Immelt, Chairman des uramerikanischen Konzerns General Electric, bekennt: "Wir müssen mehr wie Deutschland werden." Und niemand Geringeres als Präsident Barack Obama fragte bei der Planung seiner Wirtschaftspolitik einen Berater: "Wie schafft Deutschland es, trotz des hohen Lohnniveaus in der Industrie so erfolgreich zu sein?"

In seiner jüngsten Rede zur Lage der Nation lobte Obama das in Deutschland entwickelte duale Bildungssystem. Er stellte eine junge Dame vor, die neben seiner Ehefrau Michelle Obama saß. Sie hatte erfolgreich ein Schulungsprogramm absolviert, das von einem kommunalen College in North Carolina organisiert worden war. Der wichtigste Sponsor und Förderer dieser Trainingsmaßnahme war Siemens, denn das Unternehmen braucht gut ausgebildete Arbeiter für sein Gasturbinen-Werk in Charlotte, North Carolina. Das Schulungsprogramm, das Obama erwähnte und als vorbildlich darstellte, war eine Kopie des deutschen dualen Ausbildungssystems. Amerika schaut wieder auf Deutschland, mit Bewunderung in den Augen.


Frankfurt: Die Reise beginnt.

Als ich durch den Flughafen von Frankfurt gehe, fällt mir ein Satz des Dichters Heinrich Heine ein. Wie sagte er einst, als er heimkehrte? "Und als ich die deutsche Sprache vernahm, da ward mir seltsam zu Muthe." So geht es mir auch. Vor 51 Jahren, an einem warmen Augusttag, bin ich zum ersten Mal angekommen, in Bremerhaven. Ich blieb viele Jahre. Seit dieser Zeit fühle ich mich dem Land verbunden - emotional und intellektuell. Als Journalist bin ich später in der ganzen Welt herumgekommen. Ich habe in Vietnam gelebt, über den Nahen Osten geschrieben und mich lange mit der amerikanischen Politik befasst. Aber Deutschland ist für mich ein zweites Zuhause.

Nun bin ich zurückgekehrt, um in einer mehrwöchigen Tour herauszufinden, was das Land am Laufen hält und so faszinierend macht. Auf meiner Reise möchte ich Antworten auf die Frage finden, die der ehemalige Leiter der amerikanischen Federal Reserve Bank, Paul Volcker, einst an die Deutschen richtete: "Wie macht Ihr das?" Oder anders ausgedrückt: Was kann der Rest der Welt, insbesondere Amerika, vom deutschen Beispiel lernen?

Die Vereinigten Staaten sind zwar nach wie vor die einzige Supermacht der Welt - aber damit lässt sich eine Arbeitslosenquote von 8,2 Prozent auch nicht beheben. Deutschland dagegen hat viel eingesteckt, hat die Schmerzen einer Arbeitsmarktreform überstanden, den Renteneintritt verschoben - und gedeiht. Das Land hat heute wieder zu den Supermächten aufgeschlossen - ein ökonomisches und politisches Kraftzentrum in Europa, selbst wenn andere Staaten militärisch stärker sind. Aber in Europa kommt der militärischen Stärke ohnehin keine so hohe Bedeutung zu.

Am Flughafen in Frankfurt fallen mir die ersten Veränderungen ins Auge. Es arbeiten viele farbige Menschen hier, mehr als ich jemals zuvor wahrgenommen habe. Einige von ihnen sprechen mit Akzent, andere sprechen Deutsch wie Schulkinder in einem hessischen Dorf.

Nicht, dass jeder froh ist, hier zu sein. Nicht um fünf Uhr am Morgen und bei einem furchtbar kalten, windigen Nieselregen Mitte Juni. Einige träumen ohne Zweifel von Palmstränden in Sri Lanka oder ihrer Teestube in der Türkei. Aber indem sie Caffè Latte von Starbucks oder Zeitungen verkaufen, sind sie Teil einer gut geölten Maschine. Für diese Maschine sind die meisten nur ein Zahnrädchen, aber manchmal ist es gut, ein Zahnrädchen zu sein. Vor allem, wenn dieses Zahnrädchen einer Maschine gehört, die Deutschland heißt.


Bremerhaven: Auswanderer und Exporteure

Vor einem halben Jahrhundert waren es Kultur und Erziehung, die mich nach Europa zogen. In meiner amerikanischen Highschool gab es Austauschschüler - drei aus dem alten Europa und einen aus der Türkei. Sie waren alle so gebildet, so gut erzogen - und ihren amerikanischen Mitschülern deutlich voraus. Natürlich sprachen sie zwei Fremdsprachen, manche sogar mehr.

Ich wollte selbst spüren, warum diese jungen Menschen so beeindruckend waren. Dank einer Vielzahl von Austauschprogrammen, die es nach dem Zweiten Weltkrieg zwecks Reintegration von Deutschland gab, erhielt ich ein Stipendium der Universität Göttingen.

Um Geld zu sparen, fuhr ich mit einem Kohlefrachter von Virginia aus los. Im Verlauf meiner 13-tägigen Reise überquerte ich den Atlantik und kam in Bremerhaven an, der Stadt der Auswanderer. In zwei Jahrhunderten haben mehr als sieben Millionen Deutsche über Bremerhaven ihr Land verlassen und sind in ferne Länder aufgebrochen, die meisten von ihnen nach Amerika. Ich war der Einzige, der nun in umgekehrter Richtung unterwegs war.

Mein kleines Schiff legte in der Nacht zum 13. August 1961 an. Der Kapitän und die Einwanderungspolizei drängten sich um ein Radio. Sie ließen mich nicht vom Schiff. "In Berlin wird eine Mauer gebaut", sagten sie. Amerikanische und sowjetische Militärs standen sich feindlich gegenüber. Es war eine der angespanntesten Episoden im Kalten Krieg, ein historisches Datum. Damals ahnte ich noch nicht, welche wichtige Rolle die Berliner Mauer in meinem Leben noch spielen würde.

In meinem ersten Jahr in Deutschland fühlte ich mich pudelwohl. Ich lebte im Schwarzwald und ging ganz darin auf, Deutsch zu studieren. In den Ferien fuhr ich per Anhalter oder mit dem Motorrad von Flensburg nach Berchtesgaden und lebte bei deutschen Familien. Ich liebte den leichten Zugang zu kulturellen Veranstaltungen (Studentenrabatt für die Oper!), das kosmopolitische Flair von Göttingen und besonders die elektrisierende Atmosphäre in Berlin.

Nachdem ich den neu aufgerüsteten Checkpoint Charlie mit meinen auf dem Schwarzmarkt eingetauschten Ostmark durchquert hatte, fühlte ich mich reich. In Ostberlin konnte ich sogar Studenten zum Mittagessen in einem netten Restaurant auf der prächtigen Karl-Marx-Allee einladen.

In den sechziger Jahren, nur 16 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, war ich erstaunt darüber, wie modern sich Deutschland aufgrund des Wiederaufbaus zeigte. Und gleichzeitig, wie fest verwurzelt es in der Vergangenheit war: die Weinfeste in badischen Dörfern, der Stammtisch und die Skatspiele, die offiziellen Sitzungen des Stadtrats (mit Bier!) in der örtlichen Kneipe.

Die kleinen Dinge waren es, die mich in Erstaunen versetzten. Wie problemlos und häufig die Busse verkehrten. Und wie freundlich die Lkw-Fahrer waren, die mich bei meinen Reisen per Anhalter durch ganz Deutschland mitnahmen. Gleichzeitig erwies es sich als sehr schwierig, alltägliche Dinge zu erstehen: Man musste im kleinen Laden um die Ecke in einer Schlange warten, um eine Flasche Milch oder eine Büchse Bier zu kaufen - es gab zu dieser Zeit noch keine Supermärkte.

Als Amerikaner wurde ich von einigen wie ein Bösewicht empfangen - wegen der Misshandlungen von Farbigen in den USA - von anderen wie ein Held. Den Vietnamkrieg, der mich zu einem hässlichen Amerikaner gemacht hätte, gab es noch nicht. Besonders außerhalb der Universitäten überwogen die guten Erinnerungen an den Marshall-Plan und die Versorgungspakete. Selbst wenn die Schatten des Krieges immer noch auf Deutschland lagen, so herrschte fast überall Optimismus, was die Zukunft angeht. Konrad Adenauer führte das Land. Ludwig Erhard kümmerte sich um die Wirtschaft. Und die Amerikaner sicherten den Frieden.


Die erste Lektion: Exportweltmeister

Mein erster Weg von Frankfurt führt nach Bremerhaven. In diesem alten Hafen an der Weser erinnert heute nichts mehr an Kohlefrachter. Der Hafen beherbergt große Containerschiffe und riesige Autofrachter. Die Fahrzeuge der deutschen Hersteller kriechen in den Bauch der riesigen Ungetüme wie Tiere in die Arche Noah. Bremerhaven ist der größte Autoumschlaghafen in ganz Europa - mehr als zwei Millionen Fahrzeuge pro Jahr werden hier verladen. Dieser Hafen ist der lebende Beweis für die deutsche Exportmaschine, die niemals stillzustehen scheint.

Wie die deutschen Autos funktioniert der ganze Hafen reibungslos und effizient. Mit der vor kurzem erweiterten Kaiserschleuse ist Bremerhaven der Dreh- und Angelpunkt zwischen dem Mercedes-Benz-Werk in Sindelfingen und "EuroMotorcars", einer viel beschäftigten Mercedes-Niederlassung in den Vororten von Washington D.C., wo ich lebe. "Die Container, die von hier aus in die USA starten, sind prall gefüllt," sagt Hafen-Sprecher Rüdiger Staats. "Das Problem ist - viele kommen leer zurück."

Wir Amerikaner kaufen, heißt das. Die Deutschen verkaufen.

Im Jahr 2011 beliefen sich die deutschen Exporte auf 1,06 Billionen Euro. Damit erreichte das Land nach China erneut weltweit Rang zwei. Deutschland erwirtschaftete einen Handelsüberschuss von 158 Milliarden Euro. Die USA dagegen, deren Wirtschaft ein Gesamtvolumen von 15 Billionen US-Dollar erreicht, also immerhin das Fünffache von Deutschland, erzielten ein Handelsdefizit von 560 Milliarden US-Dollar.

Mit Blick auf den deutschen Erfolg möchte Präsident Obama nun das produzierende Gewerbe in Amerika wieder zu neuem Leben erwecken. Viele US-Ökonomen sind dagegen. Sie sind der Meinung, dass nur ein Narr mit Niedriglohnländern konkurrieren würde. Sie betonen immer wieder, dass die Zukunft von Amerika in der Wissensökonomie und dem Dienstleistungssektor liegt.

Aber Deutschland stellt gerade das Gegenteil unter Beweis. Obwohl ein großer Teil der Produktion nach Osteuropa und Asien verlagert wurde, ist es Deutschland gelungen, eine breite Fertigungsbasis im eigenen Land zu halten. Das Land konzentriert sich mehr auf Qualität und Innovation als auf Menge und Preis - und diese Strategie ist die Grundlage für den globalen Erfolg.

Dies, Herr Volcker, ist die erste und grundlegende Lektion. Alles fängt mit einem hohen Standard an: Produziere Güter von einer derartig hohen Qualität und mit einem so hohen Innovationsgrad, dass die Welt diese Sachen begehrt. In Amerika haben Steve Jobs und Bill Gates diese Strategie verfolgt. In Deutschland beherrscht dieses Prinzip eine ganze Volkswirtschaft, und es gilt insbesondere für industriell gefertigte und handwerkliche Produkte. Am Ende gewinnt ganz einfach die beste Mausefalle.


Waldachtal: Das Wunder Mittelstand

Ein weiterer Grund ist die Bodenständigkeit des deutschen Mittelstands. Der deutsche Mittelstand ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, heißt es immer wieder. Und das zu Recht. Kleine und mittelständische Unternehmen in Familienbesitz machen einen Anteil von mehr als 90 Prozent aller deutschen Unternehmen aus, und sie stellen 60 Prozent aller sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze sowie gut 80 Prozent aller Ausbildungsverhältnisse. Zusammen erwirtschaften sie einen großen Teil des deutschen Bruttosozialprodukts - und am wichtigsten: Sie tätigen ganze 22 Prozent der deutschen Exporte.

Natürlich gibt es auch viele Pleiten, Tausende von Bankrottfällen, alte Familienunternehmen verschwinden einfach. Viele von ihnen werden von Großunternehmen aufgekauft. Aber dennoch überleben zahlreiche, neue kommen hinzu, und sie florieren. In Deutschland ist das ganze Land nicht in sich ausbreitende Konglomerate aufgeteilt, wie es in den Vereinigten Staaten der Fall ist. Big Business hat auch in Deutschland Gewicht. Aber der Mittelstand ist Deutschlands Geheimwaffe.

"Es ist eine Frage der Mentalität", sagt Klaus Fischer. "Ein mittelständisches Unternehmen bedeutet Risikobereitschaft und Verantwortungsgefühl, Nähe zu den Menschen und Unabhängigkeit - was auch, sofern es geht, Unabhängigkeit von den Banken beinhaltet."

Fischer ist Geschäftsführer und Eigentümer von Fischer, dem bekannten Hersteller von Dübeln und technischem Spielzeug. Die Hauptniederlassung von Fischer befindet sich in dem schwäbischen Dorf Waldachtal, 60 Kilometer südlich von Stuttgart. Anfang der 70er-Jahre, als das 1948 von seinem Vater gegründete Unternehmen sich vom globalen Wettbewerb bedrängt sah, reiste Fischer nach Japan. Dort studierte er die Methoden der Just-in-time-Produktion, den sogenannten "Kanban"-Ansatz für Lagerhaltung und Produktion. Und erneuerte damit sein Unternehmen.

Das "Kanban", das in deutscher Übersetzung Anschlagbrett oder Hinweistafel heißt, ist heute überall in den Produktionshallen sichtbar, wo jeden Tag mehr als acht Millionen Dübel hergestellt werden: Farblich gekennzeichnete Papierstreifen zeigen auf einen Blick den Stand jedes Auftrags an.

Während unseres Spaziergangs durch die Fabrikanlage bin ich erstaunt, dass es überall nahezu klinisch sauber ist, wie in einer Molkerei. Fischer setzt auch auf ein anderes japanisches Konzept: das "Kaizen", die kontinuierliche Verbesserung. "Wir versuchen, jedem Arbeiter das Verbesserungsgen einzuimpfen", sagt Fischer. Seine am häufigsten gebrauchten Worte sind "schlank" und "Verschwendung". Er liebt das erste und hasst das zweite.

Fischer passte die japanischen Methoden den eigenen Bedürfnissen an und benannte das ganze Paket schlauerweise um in "fischer Prozess System (fPS)". Sein Methodenwissen und sein Prozesssystem verkauft Fischer sogar über eine neue Sparte namens Fischer Consulting. Kein Wunder, dass Fischer gut im Weltmarkt positioniert ist. Allein der Produktbereich Befestigungssysteme stellt in Fabriken rund um die Welt 14 000 unterschiedliche Artikel her. Die Sparte Automobiltechnik ist bekannt für gute Innenausstattung: Lüftungsdüsen, Armaturenbretter, Tassenhalter. Die wichtigsten Kunden sind die Premium-Hersteller: Daimler, BMW, Audi.


Papenburg: Flexibilität und Innovation

Der Glaube an die schlanke Produktion und die Just-in-time-Methode findet sich auch in einer anderen kleinen Stadt mit einem einzigen großen Unternehmen wieder - in Papenburg in Nordwestdeutschland, nahe der niederländischen Grenze. Die Stadt beherbergt die Meyer Werft, einen Schiffbauer, der seit 217 Jahren besteht und in der sechsten Generation geführt wird.

"Wir sind nicht die Ältesten und auch nicht die Größten", sagt Bernard Meyer. "Aber es sind die kleinen Unternehmen, die überleben." Das Erfolgsrezept: Meyer setzt auf Innovation, wenn der Markt sich verändert. Ursprünglich war die Werft bekannt für ihre hölzernen Segelschiffe, dann für Fähren und LPG-Tanker, und nun ist die Meyer Werft Spezialist für Kreuzfahrtschiffe.

Es ist beeindruckend, zu beobachten, wie diese dahingleitenden Stätten der Unterhaltung mit Wellnessoasen, Casinos und Kinderspielstätten in den höhlenartigen Schiffbauhallen der Meyer Werft heranwachsen. Bis 2013 wird Meyer sieben glitzernde Clubschiffe für Aida Cruises produziert haben. Als Nächstes wird die "Aida Stella" mit 69 000 Bruttoregistertonnen und 253 Meter Länge 70 Kilometer durch die Flussaue der Ems manövriert, entlang von Kuhwiesen, bis das Kreuzfahrtschiff die Nordsee erreicht.

Trotz der Fluktuation in einer krisenanfälligen Branche ist Meyer optimistisch, an dem Wachstum des Marktes von fünf bis sechs Prozent in den kommenden Jahren teilhaben zu können. "Die Deutschen lernen gerade, dass Kreuzschifffahrten nicht nur für die reichere und ältere Bevölkerung interessant sind", sagt Peter Hackmann, der Sprecher von Meyer. "Auch Menschen aus dem Mittelstand mit Kindern können sich einen Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff leisten."

Selbst bei guten Aussichten gründet der Schiffbau - so wie alle mittelständischen Unternehmen - auf Risikobereitschaft, Flexibilität und schnellem Wandel. Nur langfristiges Denken garantiert den Fortbestand des Mittelstandes - und nicht die engstirnige Konzentration auf Quartals- oder Jahresergebnisse. Bernard Meyer hat diese Lektion unter dramatischen Umständen lernen müssen, als er 1973 in das Familienunternehmen eintrat. Die erste Ölkrise hielt die Industrie gerade im Würgegriff, und Meyer reagierte aggressiv, indem er einen Auftrag für sechs neue sowjetische Öltanker hereinholte. Dann, als der Markt sich 1985 erneut wandelte, beschloss Bernard Meyer, sich in das Geschäft mit den Kreuzfahrtschiffen zu wagen. "Wenn wir das nicht getan hätten, hätten wir nicht überlebt", sagt er heute.

Die zweite Lektion für Paul Volcker lautet also: In Familienbesitz befindliche kleine und mittelgroße Unternehmen sind sowohl wirtschaftlich als auch kulturell eine Stütze des deutschen Lebens. Sie sind bodenständig, risikobereit, wendig und denken langfristig. Und sie achten auf ihre Unabhängigkeit von den Banken.


Die nächste Lektion: Das duale Bildungssystem

Was mich auf meiner Deutschlandtour am meisten beeindruckt hat, ist das duale Bildungssystem. Wenn der Mittelstand Deutschlands wirtschaftliches Rückgrat ist, so ist sein großes Erfolgsgeheimnis seine einzigartige, meist dreijährige Kombination aus einer Ausbildung im Betrieb (in 344 verschiedenen Berufen!) und der Unterweisung sowohl in gesellschaftlich-humanitären als auch in technischen Fächern in der Berufsschule.

Mit seinen Wurzeln im mittelalterlichen Handwerkerlehrsystem hat das duale Bildungssystem die deutsche Industrie mit einem verlässlichen Strom an gut ausgebildeten, hochmotivierten Arbeitern versorgt. Der jährliche Ausstoß von mehreren Hunderttausend Fachleuten - von Mechatronikern über Metallbauer bis zu Physiklaboranten - macht Deutschland seinen amerikanischen und anderen Konkurrenten weit überlegen.

Während das restliche Europa und die Vereinigten Staaten mit alarmierender Jugendarbeitslosigkeit kämpfen, beträgt Deutschlands Quote nur 7,9 Prozent. Die von Frankreich ist mehr als doppelt so hoch. Spanien und Griechenland ringen nach Luft mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 50 Prozent. Da ist es kein Wunder, dass der spanische Bildungsminister kürzlich einen Vorvertrag über die Einführung des deutschen Modells in Spanien mit der deutschen Bildungsministerin, Annette Schavan, geschlossen hat.

Neben einer Solidaritätsbekundung versucht Deutschland so, den derzeitigen und vor allem den zukünftigen Fachkräftemangel zu verringern. Der Unterschied zwischen dem heutigen Mangel an Arbeitskräften und dem Bedarf an Gastarbeitern in den 50er- und 60er-Jahren ist die Ausbildung: Die deutsche Wirtschaft braucht heute keine Kohlearbeiter und Straßenreiniger mehr, sondern qualifizierte Maschinenführer und computerversierte Informatiker.

Die Ausbildung des zukünftigen Maschinenbedienungspersonals ist auch eines der Hauptziele von Klaus Fischer. Er engagiert sich besonders dafür, mehr Frauen in seine Firma zu bringen. "Wir müssen mehr Mädchen eine technische Ausbildung geben", sagt er. Obwohl Fischer von der Ausbildung her Ingenieur ist, liegt ihm die umfassende Bildung eines Menschen und ein soziales Miteinander am Herzen. "Nicht der Maschinenpark zählt, sondern die Arbeiter."

Fischers 120 Azubis lernen als Erstes in einem dreiwöchigen Blockunterricht zu Beginn ihrer Ausbildung die drei Grundwerte des Firmenleitbilds: innovativ, eigenverantwortlich, seriös. Erst dann beginnen sie mit der fachlichen Ausbildung in einer der zwölf verschiedenen Berufe - vom Verfahrensmechaniker über Lagerlogistik bis hin zu Wirtschaftsinformatik.

Die Azubis verbringen 13 Stunden pro Woche in Schulen wie dem Bildungszentrum in Freudenstadt. Dort haben sie Fächer wie Deutsch, Gesellschaftslehre, Religion, Wirtschaftsenglisch und die dazugehörigen Spezialfächer wie Buchhaltung. Der Ausbildungslehrgang dauert normalerweise dreieinhalb Jahre - und Fischer behält danach 98 Prozent seiner Azubis. "Unsere Ausbildung ist breiter gefächert als die US-amerikanische Berufsausbildung", sagt Manfred Walter, Lehrer und Verwalter an der Schule.

Ich traf drei Studenten, die ein duales Studium absolvieren. Sie verbringen drei Monate bei Fischer, dann drei Monate an ihrer Hochschule, und so geht es weiter, ständig im Wechsel. Alena Ade, 21, studiert Internationale Betriebswirtschaft und hofft, in die globale Führungsriege von Fischer zu kommen. Sie wird drei Monate in einer von Fischers Auslandstöchtern in Argentinien, Brasilien, China, Italien, der Tschechischen Republik oder den USA verbringen. Obwohl das duale Studium bedeutet, die Hälfte des Jahres kein Studentenleben führen zu können, sondern in einem Betrieb tätig zu sein, macht das Ade nichts aus, "weil ich hier gleichzeitig ein Gehalt bekomme - zirka 1 000 Euro monatlich. Das bedeutet, dass ich keinen Teilzeitjob annehmen muss, um mein Studium zu finanzieren."

Bei Fischer haben es die Azubis gut. Sie arbeiten in einer blitzsauberen Umgebung und werden wie die Zukunft der Firma behandelt. Fischer liefert ihnen ihre eigene "Azubi-Zeitung" und bezahlt ihnen eine Studienreise nach Berlin. Und was mich am meisten überrascht und beeindruckt hat: Einige haben zudem die Möglichkeit, ein dreimonatiges Auslandspraktikum an einem der Auslandsstandorte von Fischer zu machen. Sie bekommen ebenfalls Monatsgehälter zwischen 832 und 1 014 Euro. Und dann noch das i-Tüpfelchen: Die drei Jahrgangsbesten bekommen einen Sonderpreis: ein Mercedes Smart Cabrio, das sie ein Jahr lang fahren dürfen.


Alles wird verwaltet

In Waldachtal-Tummlingen, dem kleinen Dorf, in dem Fischer aufgewachsen ist und noch wohnt, weckt mich morgens um sechs Uhr das Geläut der Dorfkirchenglocken - genau wie vor 50 Jahren. Jeder Weg und jede Straße ist ausgeschildert; auf den Schildern steht, wohin man gehen beziehungsweise fahren muss und wie weit es ist.

In amerikanischen Augen ist Deutschland eines der am straffsten organisierten Länder der Welt. Über praktisch jeden Quadratzentimeter wird irgendwie Rechenschaft abgelegt, alles wird verwaltet. Es gibt fast keine echte Weite des Landes, keinen unorganisierten Raum, nichts wird dem Zufall überlassen. Sogar die Flächen, die dem Nichtstun gewidmet sind, die ursprüngliche Natur, sind deutlich gekennzeichnet und geordnet.

Kein Wunder, dass es hier weniger Unternehmergeist als in den USA gibt. Die jungen Leute blicken nicht um sich und sehen keine Lücken, die ausgefüllt werden müssen. Sie sehen ein komplexes System, das bereits für jede Eventualität vorgesorgt hat. Ihr Ehrgeiz ist es, sich darin einzufügen.

Deutschland fühlt sich wie ein einziges handhabbares Paket an, weniger verrückt und vielfältig als die Vereinigten Staaten. Deutschland ist ungefähr so groß wie Montana in den Vereinigten Staaten, ein Bundesstaat mit einer Million Einwohnern. Deutschland hat 82 Millionen. Deutschland hat weniger Extreme, keine Hurrikane oder verheerende Feuer, die außer Kontrolle geraten, kein weltumspannendes Militär. Auch angesichts der Migrationsströme, der offenen Grenzen und der wirtschaftlichen Globalisierung hat man den Eindruck, dass das größte Land Westeuropas klein und nicht sehr kompliziert ist.

Aber Deutschland ist auch komplex. Die Deutschen lieben komplexe Systeme. Es verhält sich wie bei den deutschen Fußgängerüberwegen an verkehrsreichen Straßenkreuzungen: ein Irrgarten von Spurenmarkierungen, für deren Verständnis man eine Gebrauchsanleitung braucht. Autos, Busse, Fahrräder, Fußgänger - jeder hat eine Spur. Gibt es auch Spuren für Tauben? Kein Wunder, dass niemand bei Rot über die Straße geht. Man könnte ja überfahren werden.

Ich habe mir die Einzelheiten zum dualen Bildungssystem auf der Website des Bundesinstituts für Berufsbildung durchgelesen. Es gibt 344 verschiedene Berufe, jeder mit detaillierter Beschreibung, Geschichte, Lehrplan und Genealogie. Man kann dort auch die schematische Darstellung des deutschen Schulsystems finden: von der Grundschule bis zu den Hochschulen. Das ist sowohl beruhigend als auch einschränkend. Man hat überall ein Gefühl der Sicherheit, aber ich habe auch das Gefühl, meine Freiheit zu verlieren. Im deutschen Leben gibt es nicht viel Bewegungsspielraum.

Aber es funktioniert. Es ist wie mit den Z ügen. Das System ist dicht und komplex. Die Züge scheinen sich überallhin zu schlängeln wie Wasserleitungen. Sie führen zu jedem Haus, jeder Wohnung und jedem Ausguss. Wo immer man sich befindet, gibt es einen Zug an den Ort, wo man hinmöchte. Und der Zug kommt bald, ganz gleich, wie spät es schon ist.

Und wenn etwas nicht richtig funktioniert - wie das kleine Feuer, das ich auf meiner Tour am Göttinger Bahnhof unter den Rädern eines ICE nach Lübeck erlebte -, dann sind sogleich die verantwortlichen Leute mit den richtigen Gerätschaften zur Stelle. Es wird eine zehnminütige Verspätung des Zuges angekündigt, dann wird er gestrichen, dann wird zehn Minuten später ein neuer Zug eingesetzt, und alle sind wieder unterwegs. Unglaublich! Ich mag gar nicht daran denken, was passiert wäre, wenn es sich um Amtrak, die amerikanische Eisenbahngesellschaft, gehandelt hätte.

Die dritte Lektion für Herrn Volcker ist diese: Das duale Bildungssystem ist ein Geniestreich. Die Amerikaner sollten es sich näher ansehen - und zwar schnell. Denn die Deutschen verlieren keine Zeit. Ihre Niederlassungen in Amerika sind schon dabei, es nach Charlotte, North Carolina, Chattanooga, Tennessee, und Charleston, South Carolina, zu importieren.


Würgassen: Die Energiewende funktioniert

Die Straße, die direkt in den Ausstieg aus Deutschlands Atomenergie führt, ist von trügerischer Schönheit. Der Regionalzug aus Göttingen mit seinen zwei Waggons passiert im Wesertal malerische Dörfer und weitläufige Wälder und hupt an jedem Bahnübergang dieser ländlichen Gegend. Die Kühe, die auf den Weiden grasen, heben nicht einmal den Kopf. Diese Dörfer erinnern mich an meine ersten Jahre in Deutschland - winzige Flecken der Zivilisation inmitten von Wäldern.

Doch auf einmal, mitten in den Rapsfeldern, steht ein riesiges, stählernes Gebilde, etwa 60 Meter hoch und 40 Meter breit, ganz ohne Fenster. Dieses Ungetüm kann einem Angst einjagen, doch das muss es gar nicht - schließlich handelt es sich um ein stillgelegtes Atomkraftwerk.

Würgassen ist das erste private Atomkraftwerk Deutschlands, das abgerissen werden soll. Nirgendwo ist der Atomausstieg deutlicher zu spüren als hier. Bereits 1994 wurde das Kernkraftwerk heruntergefahren , weil im Kernmantel Haarrisse entdeckt wurden - Zeichen einer Epoche, die sich ihrem Ende zuneigt. Sollte die Energiepolitik Deutschlands nicht noch einmal eine Kehrtwende machen, wird sich der Rückbau von Würgassen in den kommenden 20 Jahren an allen 17 deutschen Atomkraftwerken wiederholen.

Ein Atomausstieg ist kein Kinderspiel. Die Kraftwerksbetreiber haben zwei Möglichkeiten. Entweder sie warten erst einmal 30 Jahre ab und lassen das AKW abkühlen, was den Rückbau vereinfachen würde. Oder sie entscheiden sich für die direkte Methode und beginnen gleich mit dem Abbruch - was allerdings erhebliche Sicherheitsrisiken mit sich bringt.

Würgassen hat sich für den sofortigen Abriss entschieden. » Wir wollten unmittelbar vom Know-how der Arbeiter profitieren«, erläutert die Pressesprecherin von Eon, Petra Uhlmann, die mich durch das Atomkraftwerk führt. Während wir in unseren weißen Schutzanzügen, ausgestattet außerdem mit Sicherheitsschuhen und einem Helm, durch das AKW laufen, stoßen wir überall auf Arbeiter, die fleißig schweißen, sandstrahlen oder etwas abbauen. Wir machen uns auf zum höchsten Punkt des Atomkraftwerks und blicken in ein 50 Meter tiefes Loch im Boden, wo einst der Kernmantel stand. Unter uns liegen die Brennkammern, in denen der Wasserpegel je nach Anforderung stieg und fiel.

Der Abriss von Würgassen kostet mehr als sein Bau, der von 1969 bis 1971 dauerte und 400 Millionen Mark verschlang. Der komplette Rückbau bis zur grünen Wiese wird voraussichtlich 17 Jahre dauern, erfolgt unter strengsten Sicherheitsauflagen und wird an die 700 Millionen Euro kosten.


Atomausstieg mit Nebenwirkungen

Wie jeder technische Wandel - man denke nur an den Umstieg von der Pferdekutsche auf das Auto - hat auch der Atomausstieg erhebliche soziale und wirtschaftliche Nebenwirkungen. Als Würgassen damals ans Netz ging, bedeutete das AKW, das an einer bezaubernden Flusskurve im Wesertal des Dreiländerecks von Niedersachsen, NRW und Hessen liegt, Wachstum für die ganze Region. Den Nachbarorten Lauenförde und Beverungen, ehemaligen Bauerndörfern, verliehen die Ingenieure und Kraftwerksarbeiter neues Leben.

Zu Spitzenzeiten erzeugte das AKW 4,5 Milliarden Kilowattstunden pro Jahr und beschäftigte 500 Mitarbeiter. "Alle Vereine wurden von Ingenieuren geleitet", erzählt Uhlmann. Heute gibt es viele dieser Vereine nicht mehr, und die Städte erreichen nur noch die Hälfte ihrer damaligen Größe. Läden haben dichtgemacht. Der Abriss eines AKWs ist kein personalintensives Unterfangen - heute gibt es gerade mal 64 Vollzeitbeschäftigte, und die meisten von ihnen kommen aus anderen Orten Deutschlands.

Es ist verblüffend, wie pflichtbewusst sich Deutschland an diese Mammutaufgabe macht. Der Ausstieg aus der Atomenergie ist ebenso anstrengend und kräftezehrend wie sein Einstieg. Die Erschließung alternativer Energiequellen, um die Atomkraftwerke ein für alle Mal zu ersetzen, ist eine große Aufgabe.

Schon die Entscheidung von Kanzlerin Angela Merkel von 2011 war überraschend, denn damit schloss sie sich der langjährigen Position der Linken an. Dieser Ausstieg soll endgültig sein.

Die Deutschen neigen noch immer daz u, schwarzzusehen und sich gleich die schlimmsten Katastrophen auszumalen. Der Gedanke lag nahe: Ist der Atomausstieg nichts anderes als eine Überreaktion? Schließlich bedeutet er, dass mehr Kohle und Gas verfeuert werden müssen - wodurch der Verbrauch an nicht erneuerbaren Energien steigen wird, anstatt zu sinken. Und kurzzeitig zwingt der Verzicht auf eigene AKWs Deutschland dazu, Atomstrom von Ländern wie Frankreich zu kaufen - dort stammen 78 Prozent des erzeugten Stroms aus Atomreaktoren.

Doch mein zweiter Gedanke war: Ich ziehe meinen Hut vor Deutschland, das es wieder einmal geschafft hat, Konsens zu erzielen, sobald die erforderlichen Daten vorlagen und die politische Elite den rechten Weg erkannt hatte. Und dann einfach loslegte. Anscheinend brauchen die Deutschen kein endloses politisches Gerangel, um in die Gänge zu kommen.

Dazu gehört Mut. Denn der Energiewandel ist ein gigantisches Spiel, eine Pionierarbeit auf europäischem Boden.

Im Ausland sorgt das für Respekt - und Skepsis. "Deutschland setzt seine Zukunft aufs Spiel mit einem ganz neuen Wirtschaftsmodell", sagt beispielsweise Daniel Hamilton, Experte für Deutschland und Direktor des Zentrums für transatlantische Beziehungen, einer Denkfabrik in Washington, D. C. "Sie wollen das bestehende Verhältnis zwischen Wohlstandserzeugung und Ressourcenverbrauch aufheben."


Stuttgart: Die Old Economy lebt

Kann und wir d Deutschland dieses Spiel gewinnen? Schauen wir uns Robert Bosch an. 2011 erzielte der Konzern einen Umsatz von 51 Milliarden Euro, beschäftigte weltweit an die 300 000 Mitarbeiter und steht auf Platz 119 der Global-Fortune-500-Unternehmen. Bosch ist einer der größten Mischkonzerne Europas.

Trotz seiner Größe schmiegt sich der gigantische Gebäudekomplex in die umgebende Landschaft. Der Hauptsitz, ein Hochhaus mit zwölf Stockwerken und zurückhaltender Fassade, liegt auf einer Anhöhe in der Nähe von Stuttgart, die den Namen Schillerhöhe trägt. Das Grundstück ist ein Muster an Ruhe und Abgeschiedenheit. Nachdem ich das Sicherheitstor passiert habe, höre ich Vögel zwitschern und die Heckenschere klappern.

Fehrenbach, seit Juli Vorsitzender des Aufsichtsrats, ist 63, wirkt aber viel jünger. Er strotzt vor Energie und Entschlusskraft. Wenn er durch die Foyers oder die Gartenanlagen schreitet, hält er den Kopf nach unten und beeindruckt mit seinem flotten Gang. Das Wort "Ruhestand" kennt Fehrenbach nur vom Hörensagen. Schon das Wort "Kürzertreten" zählt nicht zu seinem aktiven Wortschatz. Die einzigartige Gesellschaftsstruktur - die es Bosch gestattet, "den Aktienkurs komplett zu ignorieren", wie es Fehrenbach beschreibt - bedeutet, dass der Konzern wie ein Familienunternehmen geführt werden kann: hohes Risiko, große Verantwortung, aber keine Sorgen, was den Quartalsbericht anbelangt.

In einem deutschen Familienunternehmen dreht sich so gut wie alles um die Frage, wie die Arbeitsplätze erhalten werden können, auch wenn die Auftragslage zu wünschen übrig lässt. Das Management beobachtet nicht nur die Außenwelt, das Marktgeschehen, sondern richtet seinen Blick auch nach innen, auf das ganze Unternehmen.

Genau diese Sichtweise habe ich auch bei mehreren Besuchen Japans in den 80er-Jahren festgestellt. "Für uns Japaner ist eine Firma nichts anderes als unsere Familie", teilte mir Akio Morita, CEO und Mitbegründer von Sony, in einem Interview mit. "Eine Rezession ist kein Grund dafür, die Leute auf die Straße zu setzen. Schließlich haben diese nicht die Arbeiter verschuldet. Das Management muss einen Teil des Firmengewinns opfern und die Last nicht nur auf die Schultern der Arbeiter verteilen."

Fehrenbach teilt diese Überzeugung. Selbst in Zeiten der Krise gilt für ihn das Motto des Gründers Robert Bosch, der sich immer die Frage gestellt hat: "Womit beschäftige ich meine Arbeiter?"

Das ist logisch und nachvollziehbar. Doch aus irgendeinem Grund kommt diese Botschaft beim Rest der Welt nicht an. Erst neulich hörte ich die Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen in direkten und einfachen Worten bei einem Symposium in Washington sagen: "Das Geheimnis der deutschen Industrie ist, dass mittlerweile klar ist, wer für einen bestimmten Job ausgebildet und eingestellt wird, der bleibt", erklärte die Politikerin. "Dieses Modell sollte sich ohne Weiteres nach Amerika übertragen lassen."

Damit hat sie uns die Schlüssel für das Königreich in die Hand gedrückt - aber niemand hat danach gegriffen.


Die USA haben den Anschluss verloren

In meiner Kindheit, die ich in den USA v erbrachte, war das Etikett "Made in Germany" schon einmal das Zeichen solider Verarbeitung. Oft waren die Waren von so hoher Qualität, dass nur die Reichen oder die Profis sie sich leisten konnten oder wollten: Autos von Mercedes, Kameras von Leica. Doch jedermann kennt diese Marken, und zwar auf jedem Fleckchen dieser Welt.

Heute ist das wieder so weit. Bestes Beispiel: Siemens, der Technologieriese, der allein in Nordamerika 70 000 Mitarbeiter beschäftigt. Die USA haben dagegen den Anschluss verloren. Dabei hatte der berühmte Chrysler-Chef Lee Iacocca bereits Anfang der 90er-Jahre gesagt: "Was wir in diesem Land wirklich brauchen, ist die Rückbesinnung auf unsere Fabrikhallen. Wir müssen uns als Garant für gute Qualität etablieren, oder wir werden diesen Konkurrenzkampf nicht gewinnen."

In Amerika hat ihm wohl nicht jeder zugehört. Dafür haben die Deutschen Iacoccas Rat befolgt. Sogar der Daimler-Konzern, der sich unter Edzard Reuter in den 90er-Jahren erfolglos seinem Traum hingab, die Nummer eins der Technologieunternehmen weltweit zu werden, konzentrierte sich danach wieder auf sein Kerngeschäft: Pkws, Lkws und Busse. Und hielt sich vom Massenmarkt fern, überließ Billigware und Preisschlachten China und anderen Billiglohnländern.

Genau dieses Modell habe ich vor ein paar Jahren am Comer See in Italien entdeckt, als ich einen Artikel über die dortige Seidenindustrie schrieb. Lange Zeit beherrschte Como den Weltmarkt für Seide, wurde dann aber von China verdrängt, das zu der Zeit gerade den Massenmarkt eroberte. Die großen Seidenhersteller in Como - Ratti und Mantero - konzentrierten sich daraufhin auf Produkte von bester Qualität mit einer hohen Gewinnspanne. Nennen Sie eine Krawatte von Zegna oder einen Schal von Hermes Ihr Eigen, können Sie im Grunde sicher sein, dass sie in Como produziert wurden. Dieses Geschäftsmodell funktioniert.

Deutschlands Geschäftswelt trotzte der gängigen Überzeugung, die industrielle Fertigung sei tot oder nach China ausgewandert. Deutschland baut genau die Maschinen, die China braucht, um den Weltmarkt mit billigen Konsumgütern zu überschwemmen. Das gute alte Deutschland hat bewiesen, dass die "Old Economy" noch immer am Leben ist.

Aber auch andere Wege funktionieren. Ein Unternehmen, das sich von der langen Tradition deutscher Hersteller abhebt, ist der Softwaregigant SAP.

Als ausschließlich an Geschäftskunden orientiertes Unternehmen weist SAP große Ähnlichkeiten mit einem US-amerikanischen Start-up auf, das seinen Erfolg der Vision von ein paar klugen Köpfen zu verdanken hat - und weniger mit einem klassischen deutschen Geniestreichunternehmen, das dank der Erfindung von ein oder zwei Tüftlern wie Gottlieb Daimler, Karl Benz, Robert Bosch oder Werner von Siemens berühmt und reich wurde.

Ich bin hin- und hergerissen, was mich mehr fasziniert: Dass die deutsche Industrie tatsächlich noch immer von der Arbeit dieser Pioniere aus dem 19. Jahrhundert profitiert - oder dass Deutschland, in krassem Gegensatz zu den üblichen Klischees, einen so beeindruckenden Ausreißer wie SAP hervorgebracht hat.

Und was können Herr Volcker und der Rest der Welt daraus lernen?

Vierte Erkenntnis dieser Reise: Deutschlands Großkonzerne profitierten ebenso wie der Mittelstand eindeutig davon, dass sie sowohl auf Qualität setzten und sich auf das Wesentliche besinnen - sich aber auch der Reformpolitik mit ihrer Lohnzurückhaltung des vergangenen Jahrzehnts (plus Kurzarbeit) geöffnet haben.


Last und Lust: Die Deutschen und die Ausländer

Für einen Amerikaner ist Deutschlands ewiger Kampf mit Zuwanderung und Integration interessant und trostlos zugleich. Vor 20 Jahren schrieb ich im Magazin "National Geographic" über die Gewalt gegen Ausländer und Asylanten in Städten wie Rostock und Mölln und darüber, wie unwohl sich Deutschland fühlt, wenn es in fremdländische Gesichter blickt: "Der Erfolg der deutschen Industrie wirkt auf die Geknechteten dieser Welt wie ein Magnet: auf die armen Nigerianer, die ungebildeten Zigeuner und die heimatlosen Bosnier. Nicht anders als Amerika sieht sich Deutschland mit fundamentalen Fragen konfrontiert: Welche Verpflichtungen hat ein reiches Land armen Ländern gegenüber?"

Die Mehrheit der Deutschen lehnte zwar Gewalt gegen Ausländer ab, hatte jedoch ein Problem mit der Vorstellung, dass sich ihre Heimat in ein Land von Einwanderern wandeln sollte. Ganz zu schweigen davon, dass es zur neuen Heimat für dunkelhäutige Menschen werden könnte.

Mittlerweile hat sich diese Einstellung geändert.

In den Zeitungen habe ich ein neues Wort entdeckt, das ich bisher nicht kannte: Willkommenskultur! "Zuwanderern wird vom ersten Tag an das Gefühl vermittelt, in unserem Land erwünscht und willkommen zu sein", heißt es in einer Presseerklärung des Hamburger Willkommenszentrums. Ein weiterer Impuls führt dazu, dass die positive Stimmung über den Zuzug von Einwanderern gestiegen ist: der Fachkräftemangel. Schon heute zeichnen sich seine Folgen ab, und wenn nichts dagegen unternommen wird, werden 2025 bereits an die sechs Millionen Fachkräfte in Deutschland fehlen, schätzt die Bundesagentur für Arbeit. Aus diesem Grund gibt es inzwischen sogar eine internationale Fachkräfteoffensive: "Make it in Germany".

Nicht nur am Frankfurter Flughafen, sondern in ganz Deutschland gibt es jetzt viel mehr farbige Menschen als bei meinen früheren Besuchen. Und zwar nicht nur im Niedriglohnsektor wie als Bedienung im Flughafen, sondern auch in sicherheitsrelevanten und gut bezahlten Positionen wie Rezeptionist oder Zugschaffner - allesamt Jobs mit Zukunft. Keine Frage, diese Menschen gehören zu Deutschland, und Deutschland gehört zu ihnen. Irgendwie fühlt sich das zu meiner Überraschung ganz normal an, genauso normal wie dass mit Philipp Rösler ein einst in Vietnam geborenes Kind im Bundestag sitzt und Bundeswirtschaftsminister ist.

"In Berlin bin ich zu Hause", macht mir Dilek Kolat klar, die Berliner Senatorin für Arbeit, Integration und Frauen. "Ich gehöre dazu. Und meine große Familie ebenso." Mit ihren blitzenden dunklen Augen und den langen schwarzen Locken strahlt Kolat einen gewissen Charme aus und gibt sich sehr optimistisch, was die Zukunft Berlins anbelangt. Sie sieht in der Landeshauptstadt einen idealen Platz für ehrgeizige junge Leute mit Migrationshintergrund, die ihren Platz in der Gesellschaft und in der Wirtschaft finden wollen. "Bis 2030 brauchen wir rund 460 000 neue Fachkräfte", sagt sie und verleiht damit Berlins Wachstumsplänen ordentlichen Schwung. "Wir entwickeln neue Mentoring-Programme für junge Migranten. Siemens zum Beispiel ist vorbildlich. Der Konzern gibt Jugendlichen mit Startschwierigkeiten eine Chance."

Auch 550 Kilometer westlich von Berlin zeichnet sich ein klares Bild davon ab, wie Integration und Separation Hand in Hand gehen können. Ich besuche Marxloh, ein Viertel Duisburgs, in dem viele Türken wohnen. Die Stadt, deren Kohle- und Stahlindustrie in der Nachkriegszeit des deutschen Wirtschaftswunders unzählige Gastarbeiter ins Land holte, verzeichnet nach Berlin den zweithöchsten Ausländeranteil. Von seinen 486 000 Einwohnern sind geschätzte 162 000 Ausländer, in der Mehrzahl Türken.

Marxloh machte 2008 Schlagzeilen, als dort Deutschlands größte Moschee eröffnet wurde (heute wird eine noch größere in Köln errichtet). Die Angst vor einem Zusammenprall der Kulturen von Moslems und Christen konnte nach Aussage von Leyla Özmal, Duisburgs Integrationsbeauftragten, erfolgreich abgewendet werden, noch bevor die Merkez-Moschee fertiggestellt wurde "Wir haben hart daran gearbeitet, damit Merkez zu einer Begegnungsstätte für alle Kulturen wurde", sagt Özmal.

Sie wurde in der Türkei geboren, gehört dem Volk der Tartaren an und hat sowohl Wurzeln in Bulgarien als auch auf der Krim. Ihr Modell zur verbesserten Integration von türkischen und anderen Minderheiten heißt "interkulturelle Urbanität" und vereint Elemente aus Wirtschaft, Erziehung und Bildung, Kultur und sogar der Architektur.


„Made in Marxloh“ als Selbstzweck

Eine der Begegnungsstätten, die auf diesem Modell basieren, liegt mitten in Marxloh. Der sogenannte "Situation Room" ist ein ehemaliges Ladengeschäft in der Weseler Straße, der Hauptgeschäftsstraße, bekannt für türkische Läden, die funkelnde Brautmode anbieten. Der geistige Vater des "Situation Room" ist Mustafa Tazeoglu, 29, der in Marxloh zur Welt kam.

Als Jugendlicher mit türkischem Hintergrund, der in Marxloh aufwuchs, schämte sich Tazeoglu einst seines Wohnorts. In dem Arbeiterviertel, das ganz in der Nähe eines Stahlwerks von Thyssen liegt, gab es eine hohe Arbeitslosenquote, eine hohe Kriminalität, und die Häuser verfielen zusehends. "Wer in der Disco ein Mädchen aufreißen wollte, tat gut daran, ihr nicht zu erzählen, dass er in Marxloh wohnt", erinnert er sich.

Doch dann verschlug es ihn auf seinen Reisen nach Harlem in New York, East End in London und Belleville in Paris. Dort fiel ihm auf, dass die Minderheiten stolz auf ihr Viertel waren. Tazeoglu war bei seiner Rückkehr davon überzeugt, dass auch Marxloh ein Ort sein könnte, auf den man stolz sein kann. Gemeinsam mit seinem Freund Halil Özet ersann er den Slogan "Made in Marxloh."

"Made in Marxloh" wurde zu einer Art Allzweckwerbung für das Viertel. Das auffällige gelbe Logo kam sofort gut an. "Kids auf der Straße haben uns bewundernd zugerufen: ,Hey, Made in Marxloh ist voll krass!'", erzählt Özet.

Tazeoglu und seine Partnerin Christine Bleks haben inzwischen die Agentur Urban Rhizome gegründet und weitere Ideen entwickelt - zum Beispiel das inzwischen preisgekrönte Projekt "Tausche Bildung für Wohnen". Dabei werden eine bestimmte Anzahl der zahlreichen leerstehenden Wohnungen in kostenlose Studentenwohnungen umgewandelt - als Gegenleistung geben die Studenten im Viertel Nachhilfe und Sprachkurse. "Wir wollen die angehenden deutschen Akademiker mit Kindern mit Migrationshintergrund zusammenbringen, damit sie voneinander lernen können", sagt Tazeoglu. Die Idee hat Beachtung gefunden - auch außerhalb Marxlohs. Die Vodafone-Stiftung hat sie mit einem mit 40 000 Euro dotierten Förderpreis für Sozialunternehmertum ausgezeichnet.

Etwas weiter nördlich liegt ein anderes Viertel, das bei den türkischen Immigranten für den engen Zusammenhalt untereinander bekannt ist. Bruckhausen, ein klassisches Arbeiterviertel, das mehr und mehr verkommt, ist die Heimat vieler Zuwanderer der ersten Generation, die ein gutes Leben führen, dort aber in Abgeschiedenheit leben.

Ich läute an der Tür mit dem Schild "Bruckhausener Bildung, Kultur u. Integration e. V. Duisburg". Hinter mir kann ich die Silhouette der Kokerei von Thyssen-Krupp erkennen, ein Symbol einer wohl für immer erloschenen Ära. Als sich die Tür öffnet, fällt mein Blick auf das Symbol einer neuen Epoche: eine prachtvolle Moschee mit blauen Fliesen mitten im Herzen von "good old Germany".

Die schlichte Fassade der Fatih-Moschee verrät nichts über die üppige Schönheit und die modernen Einrichtungen, die sich im Inneren des Gotteshauses verbergen. Kemaleffin Ince, der nach 38 Jahren bei Thyssen, zunächst als Kumpel, dann als Kranführer, in Rente ging, ist der perfekte Gastgeber. Ich lasse meine Schuhe am Eingang stehen und laufe mit ihm über die weichen Teppiche, mit denen das dreistöckige Gebäude ausgelegt ist, in dem es Besprechungszimmer, Kinderzimmer, kleine Gebetsräume, Küchen und natürlich den Hauptgebetssaal gibt, der mehrere Hundert Gläubige fasst. Was für ein Gegensatz zwischen der verkommenen Straße und dem hellen Glanz dieser neuen Moschee, deren Bau, wie Ince mir bereitwillig erzählt, im Jahr 2003 zehn Millionen Euro gekostet hat.

Dieses Gotteshaus ist Sinnbild für die Stärke und den Erfolg der türkischen Gemeinschaft in Duisburg. Oder, genauer gesagt, Teilen von ihr. Für Ince, der in Bruckhausen seine sieben Kinder großgezogen hat, ist die Moschee Herz und Anlaufstelle der türkischen Gemein schaft. Ihn freut es besonders, wenn Schulkinder in die Moschee strömen, um an den nachmittäglichen Veranstaltungen teilzunehmen oder gemeinsam das Mittagessen einzunehmen. "Immer wenn diese Kids in die Moschee kommen, bin ich glücklich", sagt er.

Es gibt zwei weitere kleinere Moscheen, die zu den zwei anderen Blocks der Fatih-Moschee gehören und noch einen Klub mit dem Namen »Bruckhausener Integrationsverein e.V.". Doch der Klub hat eher die Funktion eines Gemeinschaftshauses für Männer türkischen Ursprungs, erzählt mir Rudi Herschel. Er hat als Psychologe neun Jahre im Familienhilfezentrum in der Dieselstraße gearbeitet, das vom Deutschen Roten Kreuz unterhalten wird und ebenfalls in diesem Viertel liegt. "Integration findet nicht wirklich statt, außer Leute wie wir helfen dabei mit", sagt er.

Auch wenn noch nicht der ganze Weg gegangen ist: Der Anfang ist gemacht. Liberalität scheint mir das Schlüsselwort zu sein. Auch wenn es Gegenkräfte gibt - Unverständnis, Ohnmacht, Fremdheitsgefühle, Hass - so freue ich mich, Paul Volcker berichten zu können, dass aus Deutschland nach und nach ein liberales, ein weltoffenes Land wird.


West und Ost: Rudi Dutschke und die Stasi

Ende der 1960er-Jahre, als ich als junger Reporter für das "Time Magazine" nach Berlin kam, war alles immer unglaublich aufregend. Die Geschichte schien immer genau vor meiner Nase zu passieren. In der Stadt konnte man noch immer überall die unschönen Spuren des Zweiten Weltkriegs sehen, aber man konnte auch ständig künftige Unruhen spüren. Die Mauer ragte auf wie eine schlimme Bedrohung. In der Stadtluft knisterte es.

In der Nacht zum 3. Juni 1967 rannte ich mit den studentischen Demonstranten in den Straßen um die Deutsche Oper herum. Sie protestierten gegen den Besuch des Schahs von Persien. Steine und Feuerwerkskörper flogen durch die Luft. Ich hielt in der Krummen Straße an, um wieder zu Atem zu kommen, das ist nur ein Block von der Deutschen Oper entfernt. Plötzlich hörte ich einen Knall und sah einen Blitz im offenen Erdgeschoss des Gebäudes zu meiner Rechten. Zuerst dachte ich, das sei wieder ein Feuerwerkskörper war, den die Studenten geworfen hatten. Aber ein paar Minuten später wurde jemand auf einer Bahre zu einem Krankenwagen getragen.

Erst am nächsten Morgen erfuhr ich, dass ein Polizist auf einen Studenten geschossen und ihn getötet hatte. Der Name des Opfers: Benno Ohnesorg.

Die Bitterkeit dieser Tage kann man sich heute nur schwer vorstellen. Teile von Berlin standen in Flammen nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, dem gefürchtetsten und beliebtesten jungen Revolutionär in Deutschland. Heute werden die kulturellen und sozialen Kämpfe dort ausgetragen, wo sie hingehören: in den politischen Gremien und in den Medien. Es ist ein friedliches Deutschland, und die Trennungslinien sind weich geworden. Die Löwen liegen jetzt bei den Lämmern. Dutschkes Sohn Marek ist inzwischen ein Kolumnist in einer Bastion des deutschen Kapitalismus, dem Handelsblatt. Und Sahra Wagenknecht, eine engagierte Politikerin der Linken, zitiert das Handelsblatt im Bundestag.

Als ich 1989 wieder nach Berlin kam, um über die historische Revolution in Ostdeutschland zu berichten, knisterte es noch immer. Ich bin tagelang durch die Straßen gelaufen und habe die Aktivisten des Neuen Forums und von anderen Reformgruppen begleitet. In Leipzig war ich einer der wenigen Journalisten, die in der Nacht des 6. Dezember in das Stasihauptquartier durften, wo die "Montagnacht"-Demonstranten das Gebäude eingenommen hatten.

Mit offenem Mund liefen wir durch den Keller der Stasi, mit den Zellen für die Leute, die sie verhaftete. Dann versammelten sich die Demonstranten und Journalisten in der Kantine der Spione. Innerhalb von einigen Minuten vollzog sich eine historische Konfrontation und Kapitulation: Generalleutnant Wolfgang Schwanitz, der stellvertretende Leiter der Stasi und Leiter der Stasitruppen in der Region, kam in die Kantine und stellte sich den Fragen. Er saß an einem Tisch genau mir gegenüber. Der leicht ergraute Mann in Zivilbekleidung stimmte zu, an den weiteren Diskussionen mit den sehr hartnäckigen Demonstranten teilzunehmen. Ob er es wusste oder nicht: Aber damit unterzeichnete Schwanitz die Kapitulation des alten kommunistischen Staats. Die Totenglocke schlug in dieser Nacht in der Stasikantine in Leipzig.


Berlin: Geschichte wird gemacht

Bevor ich in diesem Sommer wieder nach Berlin kam, verbrachte ich einen Tag und eine Nacht in Göttingen, meiner alten Universitätsstadt. Der Abendzug in die Hauptstadt ist wie eine Brücke von der wirtschaftlichen Welt in die politische. Die sanfte niedersächsische Landschaft und die graziösen Windturbinen bei Hildesheim verschwinden in der Dunkelheit. Ich versinke in der Wolke der Reflexion mit einem guten Buch im Speisewagen.

Aber genau am Rand von Berlin, als wir durch Spandau fuhren, spüre ich, wie die alte Spannung wiederkommt. Als der Zug in den neuen verglasten Hauptbahnhof einfährt, bin ich wieder vollgeladen mit der vertrauten Berliner Energie.

Echte Macht, so heißt es, ist das Leben in der Wirtschaft. Politische Macht sei nur ein Sandkasten, den die Politiker gebaut haben. Aber manchmal spielt das Leben auch in den "Kraftwerken" der Politik.

Heute sind die wirtschaftlichen und politischen Welten Deutschlands in einem gemeinsamen Projekt vereint - der Rettung des Euros. Damit verbunden: Deutschland aus dem schwächenden Wirrwarr mit seinen Nachbarn herauszuhalten, den hart erarbeiteten wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands zu erhalten, Deutschlands neue Identität als das politische Machtzentrum Europas zu definieren.

Die Unruhen der 60er und von 1989 waren sehr dramatisch, manchmal ging es um Leben und Tod. Die aktuellen Probleme erscheinen dagegen weniger eindeutig. "Europa ist eher in einem Durcheinander als in einer Revolution, und das Drama ist überhaupt nicht romantisch", habe ich im vergangenen März in der "New York Times" mit Co-Autor Jackson Janes geschrieben.

In Washington ist die große Machtachse die Pennsylvania Avenue, der breite Boulevard, der das Weiße Haus und den Kongress verbindet. In Berlin ist die Machtachse mehr ein Weg, der drei eindrucksvolle neue Gebäude verbindet: das Bundeskanzleramt, einen interessanten Würfel, den Bundestag, einen Glaskasten hinter einer Steinfassade, und das Bundespräsidialamt, ein leuchtendes Ei neben Schloss Bellevue. Ich habe Termine in allen drei Gebäuden.

Am Bundeskanzleramt erfahre ich, dass mein Treffen mit Staatsminister Eckart von Klaeden, einem der vier Spitzenberater von Angela Merkel, in den Bundestag verlegt worden ist. Er war unerwartet am vorletzten Tag vor der Sommerpause ins Parlament gerufen worden. Als ich über die wunderbaren offenen Bereiche zwischen den beiden Machtzentren laufe, muss ich daran denken, was für ein staubiges altes Museum das Reichstagsgebäude zu meinen Zeiten in Berlin war.

Von Klaeden erwartet mich auf einem Sofa in einem Abgeordnetenraum. Er sieht jung und dynamisch aus. Während die Bundestaggeschäfte um uns herum toben, beschreibt von Klaeden - braunes Sakko, randlose Brille, ernste Miene - die Euro-Krise. "Es ist der Kampf der Alten Welt um ihre bisherige Vormachtstellung. So wie bisher kann es nicht weitergehen. Wir brauchen ein Europa, das stark genug ist, partnerschafts- und konkurrenzfähig zu sein mit Amerika und Asien. Dann werden wir auch in Zukunft in Europa gut leben können."

Von Klaeden und ich wissen es noch nicht, aber dieser Tag, der 28. Juni, ist schicksalsschwer. Nur Stunden später wird Kanzlerin Merkel in Verhandlungen, die die ganze Nacht in Brüssel andauern, die direkte Verantwortung über den Europäischen Stabilitätsmechanismus für alle Banken in der Euro-Zone übernehmen.


Normal, einfach und demokratisch

Am nächsten Tag ist der Teufel los in Berlin. Viele Zeitungen werfen Merkel vor, dass sie alles hergegeben hat. Finanzminister Schäuble wird zu einer Sonderausschusssitzung in den Bundestag gerufen. Aber die Pläne, eine abendliche Abstimmung im Bundestag durchzuführen, werden nicht geändert. Freitag ist der letzte Tag der Sitzungsperiode des Bundestags vor der Sommerpause.

Ich sitze um 17 Uhr in der Pressegalerie im Bundestag. Seit 1999 bin ich nicht mehr hier gewesen. Damals hielten Helmut Kohl, Michail Gorbatschow und George H. W. Bush ihre Reden zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls. Aber ein anderer stahl ihnen die Show. Der damalige Bürgerrechtler und heutige Bundespräsident Joachim Gauck sagte in seinem tief gefühlvollen Stil den leidenschaftlichen Satz: "Wir träumten vom Paradies und sind in Nordrhein-Westfalen aufgewacht."

13 Jahre später kommt Kanzlerin Merkel herein, ebenfalls eine Ostdeutsche. Sie trägt einen ihrer typischen Blazer, an diesem Tag einen weißen, und sieht genau wie alle anderen Parlamentarier aus. Keine Sicherheitskräfte, kein Rummel, kein Rockstar. Die mächtigste Frau in Europa, vielleicht sogar in der Welt, spricht mit ihren Kollegen, geht hinter die Rednertribüne und fragt nach einem Glas Wasser, dann setzt sie sich auf die Regierungsbank. Ich bin erstaunt, wie normal, einfach und demokratisch das alles abläuft.

Über uns, in Sir Norman Fosters eindrucksvoller Glaskuppel, sehe ich, wie Touristen wie fleißige Ameisen herumlaufen und überhaupt nicht merken, dass unter ihnen grade Geschichte geschrieben wird. Dieses Bild wäre in Washington mit unserer Sicherheitsbesessenheit und der Unantastbarkeit von hohen Regierungsbeamten unmöglich. Der Präsident wird wie ein Superstar und ein Sicherheitsrisiko behandelt, egal wo er hingeht.

Merkel macht in ihrem bekannt unaufdringlichen Stil ihre Erklärung für die Annahme des Finanzpaktes und versucht die Ereignisse der vergangenen Nacht vor dem Parlament von den Gesetzen zu trennen. Unter dem großen deutschen Adler, der wie aus Plastik geschnitten an der Wand hängt, werden eine Reihe von leidenschaftlichen Reden gehalten. Ich bin baff, wie direkt und manchmal unhöflich sie sein können. "Machen Sie sich doch nicht lächerlich!", ruft die Linke-Abgeordnete Sahra Wagenknecht zu Sigmar Gabriel, dem Vorsitzenden der SPD. Sie verlangt die Blockade des Steuerpakts. "Wer das nicht macht, der heuchelt!"

Zum Glück höre ich keine Stimmen der Rechten, die extreme Lösungen verlangen, etwa das Ende des Euros. Die Deutschen sind zu Recht stolz darauf, dass Gefühle von Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit in Deutschland nicht von einer tragfähigen Partei vertreten werden. Es ist keine Sarah Palin in Sicht, nur Thilo Sarrazin und Hans-Olaf Henkel. Ironischerweise kommt die lauteste Stimme, die gegen die Rettung des Euros wettert, gerade von der Linken. "Das ist nichts anderes als ein Sonderprojekt für Morgan Stanley und Goldman Sachs," schimpft Wagenknecht.

Die Diskussion dauert bis nach 23 Uhr. Erst zu dieser späten Stunde gibt der Bundestag, trotz all des Sturm und Drangs, Kanzlerin Merkel eine überwältigende Mehrheit. Wieder wird Geschichte geschrieben. Der Bundestag geht in Ferien.


Joachim Gauck: Freiheit und Selbstverantwortung

Für einen Amerikaner meiner Generation war der Kalte Krieg - und insbesondere die Teilung Deutschlands - ein inniges und gewaltiges Erlebnis. Die Unterwerfung und Depression, die ich auf meinen vielen Reisen nach Ostdeutschland gesehen habe, hat eine tiefe Sympathie für ein unterdrücktes Volk geschaffen, das jetzt endlich frei ist. Niemand hat diese Emotionen der Befreiung besser eingefangen als Bundespräsident Gauck.

Niemand scheint sich der vergrößerten Rolle Deutschlands in Europa bewusster zu sein als der neue deutsche Bundespräsident. Ich habe Joachim Gauck mehrfach in der Vergangenheit getroffen. Er war ein Widerstandspastor in der DDR, und seine gefühlvolle Verwaltung der Stasi-Unterlagen aus den 39 Jahren Unterdrückung machen ihn zu einem meiner bevorzugtesten Politiker. Ich dachte, dass Deutschland mit ihm als Bundespräsidenten gut bedient ist.

David Gill, der Leiter des Bundespräsidialamts, arbeitet in einem modernen Haus, das im Wald beim Schloss Bellevue versteckt ist. In dem ovalen Gebäude ist das vierstöckige Atrium so ruhig wie ein Kloster zwischen den Gebeten. Alle Türen sind geschlossen, deutscher Stil. Es wirkt fast kafkaesk, ich warte darauf, dass sich eine Tür öffnet - aber wo? Mit den schwarzen Geländern und den langen Balkonen sieht es fast wie in einem Gefängnis aus.

Endlich öffnet sich eine Tür und ich treffe Gill. Er ist sehr dynamisch, charmant und elegant. Gill lacht schnell, mag Ironie und versteht die Fragen intuitiv. Wie Gauck ist Gill in der DDR aufgewachsen, auch er war ein Mann der Kirche. Nach der Wiedervereinigung haben er und Gauck als ein Team gearbeitet, Gill war der Pressesprecher der Gauck-Behörde. Gill hat an der University of Pennsylvania studiert und auch ein paar Wochen in Harvard verbracht. Niemand versteht den Konflikt und die Synergie zwischen dem Bürger Gauck und dem Präsidenten Gauck besser als David Gill.

Er steht, wie wäre es anders zu erwarten gewesen, voll hinter den zentralen Themen des Präsidenten: Freiheit und Selbstverantwortung. Gauck denkt, dass, auch wenn das Land niemals zu mächtig werden darf, Deutschland jetzt allein aufgrund seiner Größe und seines wirtschaftlichen Erfolgs eine wichtige Rolle in Europa übernehmen muss. Er sagt seinen Kollegen in anderen Ländern, dass es besser ist, es mit einem selbstbewussten Land zu tun haben, als mit einem, das unsicher ist. Die Deutschen würden zudem aber auch häufig selbstsicherer wirken, als sie tatsächlich seien.

Diese Fähigkeit Gaucks, ein gutes Bild von Deutschland abzugeben, sowohl nach innen als nach außen, ist meiner Ansicht nach seine Stärke. In der New York Times schrieb ich im März: "Die Deutschen brauchen häufig die Rückversicherung, dass sie okay sind. Der Rest der Welt mag die häufige Rückversicherung, dass die Deutschen in Ordnung sind. Herr Gauck ist in der Lage, beides zu geben."

Die Deutschen nehmen nichts leicht. Die Debattierkultur ist sehr ausgefeilt und wird ständig praktiziert. Sie reicht von den beliebten Talk-Shows am Abend mit Günther Jauch, Maybrit Illner und Anne Will bis zu den Meinungsseiten in den großen Zeitungen, vom Handelsblatt bis zur Süddeutschen, von der FAZ bis zu Cicero.

"Nein! No! Non!" schrieb der Chefredakteur dieser Zeitung, Gabor Steingart, in einer unmissverständlichen Warnung an Kanzlerin Merkel, den Druck aus Amerika, Frankreich und anderen Ländern in der Euro-Zone nicht zu akzeptieren, Banken finanziellen Beistand zu bieten und die Reformregeln zu lockern. "Ein respektables Ergebnis", erwiderte dagegen der Chefredakteur der "Süddeutsche Zeitung", Kurt Kister, und unterstützte damit die überraschende Vereinbarung von Merkel, mittellosen Banken direkten Zugang zum Europäischen Stabilitätsfonds zu gewähren. Die Bundeskanzlerin hat "zuerst geblinzelt", schrieb wiederum Clemens Wergin voller Bedauern in der "Welt".

Anspruchsvolle Debatten in der Presse sind ein Ornament der deutschen Politiktradition. Die Bereitschaft - nein, die Begierde - der deutschen Feuilletonisten, komplexe, lange politische Debatten zu veröffentlichen, bringt der allgemeinen Öffentlichkeit auch schwierige Themen nahe. Es ist nicht erstaunlich, dass der neue Ökonomenstreit, angeführt von Hans-Werner Sinn, über Merkels Eurokrisenpolitik so schnell publik gemacht wurde.

Intellektuelle Auseinandersetzungen hat Deutschland also mehr als genug. Die öffentliche Rolle der gebildeten Elite ist heute prominenter als in den USA, trotz der Harvard-Professoren und New-York-Times-Kolumnisten wie Paul Krugmann. Der Historikerstreit in den 80er-Jahren, der bittere Streit, der von Martin Walsers Rede "Moralkeule" 1998 ausgelöst wurde, oder die Auseinanderstzung um Günter Grass' provozierendes Gedicht "Was gesagt werden muss" - all das wurde vor den Augen der Öffentlichkeit ausgetragen, die Intelligenzia entblößte sich und verkaufte ihre Güter.


Deutschlands Rolle: Euro-Rettung und Führung in Europa

Die Debattierkultur ist so reich, dass sie sogar von ihrer eigenen Selbstironie inspiriert wird. "Die Republik der Rechthaber" hat das Magazin Cicero seine Titelgeschichte zu Grass' Debatte genannt. Heine, der größte Spötter von allen, würde sich erfreuen.

Heute gibt es in Deutschland zwei große Debatten. Die eine ist offensichtlich, die andere nicht so ganz.

Die erste ist, wie der Euro gerettet werden kann. Das Fairnessprinzip - Deutschland hat schon genug gezahlt - muss irgendwie gegen die tatsächlich bestehende Situation aufgewogen werden. Die Deutschen haben meiner Meinung nach Recht, wenn sie auf Reformen bestehen, die nur mit strenger Liebe und der Akzeptanz von Bedrängnis einhergehen. Aber die Krise ist schon weit fortgeschritten. Deutschland muss tun, was man sonst im schlimmsten Fall in einer Familie macht: helfen und gleichzeitig die Grundregeln ändern. Ansonsten könnten Deutschland und Europa ein Unglück mit globalen Folgen riskieren.

Die zweite Debatte ist härter und eher historisch. Es ist eine Frage der Identität: Was wird Deutschland, die neue, starke, wiederauflebende und mächtige Nation im Zentrum Europas, im 21. Jahrhundert sein? Wie kann es der "Big Boss" sein, ohne dabei groß zu tun? Wie wird Deutschland Europa führen?

Diese Frage ist historisch angsteinflößend. Kanzlerin Merkel wird gnadenlos in den europäischen Medien attackiert, einmal als Nazi, dann wieder als Terminator. Die alten kulturellen Dämonen wie die Ängste Deutschlands oder Stereotypen über die Griechen werden zum Lösungsmittel, das den Leim langsam auflöst, der die Union zusammenhält.

Aber dennoch erwarten alle, dass Deutschland Europa rettet. "Ein Deutscher in Europa zu sein ist so wie ein Amerikaner in der Welt zu sein", beklagte sich ein Bekannter von mir aus Berlin. "Die Leute sagen den Amerikanern immer, was sie tun sollen, und dann kritisieren sie sie, dass sie es nicht richtig machen."

Der deutsche Weg: Stolz und Selbstbewusstsein.

Wie kann es Deutschland also richtig machen? Deutschlands Erfolgsroute als Europas erfolgreichste Nation wird, so denke ich, die kritische Überprüfung der Selbstreflexion und des Selbstbewusstseins bestehen. Bundespräsident Gauck lag meiner Meinung nach richtig, als er sagte, dass Deutschland auf die Nachkriegszeit zurückblicken und sagen kann: "Das habe ich gut gemacht. Und in diesem aufgeklärten Maße ist der Begriff Stolz jetzt auch möglich in Bezug auf unsere Nation."

Die Perspektive des Bundespräsidenten als Ostdeutscher gibt ihm eine besondere Glaubwürdigkeit. Da Deutschland heute, mit allem Respekt für die neuen Länder, eine erweiterte Fortsetzung der Bundesrepublik ist, kann Gauck Deutschland von außen betrachten.

Viele Westdeutsche, die mit einem Gefühl der Schuld aufgewachsen sind und in den 60ern und 70ern durch die Mangel genommen wurden, haben Schwierigkeiten mit dem Wort "Stolz". Gauck hat das nicht. Wenn er ausländischen Staatslenkern sagt, dass es besser für sie ist, es mit einem selbstbewussten Deutschland als mit einem an sich zweifelnden Deutschland zu tun zu haben, merkt er auch, dass die Deutschen nicht wirklich so selbstbewusst sind, wie sie sein sollten.

Er hat recht: Uns geht es allen besser, wenn das neue Deutschland ein ruhiges Selbstbewusstsein zusammen mit einem realistischen Verständnis für die Bürden einer Führungsrolle entwickelt. Deutschland kann nicht länger den politischen Zwerg zu spielen.


Am Ende der Reise: Das Kind ist groß geworden

Meine Memo an Paul Volcker: Ich verlasse Deutschland voller Mut. Die Hauptursachen für den Erfolg lassen sich recht leicht erkennen: Arbeitsmarktreformen, Kurzarbeiterregelungen in der Rezession, kooperative Beziehungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern, Konzentration auf Qualität und nicht auf Quantität setzen.

Und das Allerbeste, das duale Ausbildungssystem, lässt sich sogar problemlos in den Rest der Welt exportieren. Selbst auf den in Deutschland schon immer schwierigen Gebieten Immigration und Integration hat das Land einen großen Schritt nach vorne gemacht - was für ein Unterschied, verglichen mit dem Deutschland, das ich Anfang der 70er Jahre verlassen habe!

Langsam und unter Schmerzen nimmt Deutschland seine Führungsrolle an. Es ist schwer, sich daran zu erinnern, dass die Bundesrepublik nur zwölf Jahre alt war, also noch ein nervöses Kind, als ich damals in Bremerhaven anlandete. Aber seitdem sind ereignisreiche 50 Jahre vergangen. Das Kind ist groß geworden.

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