Walther Otremba: Die Krise ist beherrschbar

Walther Otremba: Die Krise ist beherrschbar

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Walther Otremba

Die Krise hat unsere Wirtschaftsordnung nicht beschädigt, glaubt Walther Otremba. Ein Plädoyer gegen den Pessimismus – und für die Kraft der sozialen Marktwirtschaft.

Die aktuelle wirtschaftspolitische Debatte spiegelt in zahlreichen Äußerungen eine gewisse Rat- und Ahnungslosigkeit wider. Da ist viel von „auf Sicht fahren“ und einer ominösen „Nebelwand“ die Rede. Bisherige Analysemethoden und Konzepte hätten versagt. Viele, die bis in den Herbst 2008 hinein die bedrohliche Lage geleugnet haben, sehen nun auf Jahre überhaupt kein Licht mehr am Tunnelausgang. Manch einer versteigt sich sogar zu Analogien, nach denen 20 Jahre nach dem Untergang des Kommunismus nunmehr Marktwirtschaft oder Kapitalismus vor dem Offenbarungseid stünden.

Der Über-Optimismus des vergangenen Sommers war genauso schädlich wie die düsteren Zukunftsbeschreibungen in der aktuellen Diskussion. Anders ausgedrückt: Man kann frühere Prognosefehler nicht dadurch aus der Welt schaffen, dass man sie mit künftigen Fehleinschätzungen saldiert, um einen treffsicheren Durchschnitt zu erreichen.

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„Die Konjunktur ist weiterhin sehr robust“, diagnostizierte der Präsident eines bedeutenden deutschen Wirtschaftsforschungsinstituts noch am 8. Oktober 2008, also rund vier Wochen nach der Lehman-Pleite. „Die deutsche Wirtschaft ist nicht auf Rezessionskurs“, wusste ein Wirtschaftsweiser am 15. August in der „Bild“-Zeitung. Und im Hort der unabhängigen Wirtschaftskompetenz, im Vorstand der Deutschen Bundesbank, war man am 13. August 2008 sicher: „Im nächsten Jahr“, also 2009, „dürfte das Wachstum bei etwa einem Prozent liegen“.

Das könnte man natürlich alles unter der Rubrik „errare humanum est“ abbuchen. Leider ist man aber den Empfehlungen der Beraterzunft gefolgt, die unter der Überschrift „Wirtschaftsforscher warnen Glos vor Panikmache“ am 30. Juli 2008 meinten: „Es besteht aus wirtschaftlicher Sicht kein Handlungsbedarf.“ Damit wurde ein halbes Jahr durch Attentismus vertan und der tiefe Einbruch zum Jahresbeginn 2009 in Kauf genommen, der bei frühem konjunkturpolitischem Gegensteuern nicht verhindert, aber doch spürbar abgemildert worden wäre.

Was lernen wir aus der Erfahrung, wenn jetzt aus dem Bundesbankvorstand zu hören ist: „Die deutsche Wirtschaft hat in den kommenden beiden Jahren nur schwache Wachstumsperspektiven.“? Nach den Fehlprognosen des vergangenen Jahres wahrscheinlich gar nichts. Aber für zweieinhalb weitere Jahre nahezu Stagnation zu prophezeien ist für die künftige Entwicklung unseres Landes genauso schädlich wie das plumpe Vertrauen auf die Robustheit der deutschen Wirtschaft im letzten Sommer – „…sed in errare perseverare diabolicum“ („aber auf Irrtümern zu bestehen ist teuflisch“) ist der zweite Teil des klassischen Zitates von der Menschlichkeit des Irrtums.

An der aktuellen Debattenführung zum Thema Markt und Staat ist viel Neues und viel Gutes – nur: Das Neue ist nicht gut, und das Gute ist nicht neu. Nicht gut, aber neu ist der Vergleich mit dem Zusammenbruch des Sozialismus. Das marktwirtschaftliche, auf Privateigentum basierende Modell der sozialen Marktwirtschaft hat uns und vielen anderen Ländern jahrzehntelangen Wohlstandsgewinn und hohe Beschäftigung gebracht. Durch seine für jeden sichtbare Überlegenheit hat es den ohnehin zwangsläufigen Niedergang des Sozialismus selbst dort beschleunigt, wo der Kommunismus als Staatsdoktrin noch im Schaufenster steht.

Die Marktwirtschaft und ihre Basisregeln sind unverändert intakt

Gut, aber nicht neu ist, dass man die Abstimmung zwischen Wirtschaft und Staat immer wieder auf den Prüfstand stellt – nicht nur in Krisenzeiten, aber dann besonders gründlich. Dabei zeigt sich allerdings immer wieder, dass nicht die Grundregeln der Wettbewerbswirtschaft, sondern das Abweichen von diesen Regeln in den Mittelpunkt der Kritik gehört: In Zeiten der New-Economy- Blase glaubte manch einer, herkömmliche Erfolgskennziffern der Betriebswirtschaft wie Gewinn- oder Umsatzentwicklung hätten ausgedient – entscheidend wäre die sogenannte „cash-burn-rate“, also der Verbrauch liquider Mittel als Ausweis des wirtschaftlichen Erfolgs.

Viele sahen in der „Neuen Ökonomie“ bisherige Grenzen des Wachstums gesprengt und den Konjunkturzyklus beerdigt. Leider war alles anders. Die irrtümlich totgesagten Gesetze der Wirtschaft führten zum Verschwinden aller uninspirierten und unsoliden Unternehmensgründer, und der scheinbar grenzenlose Aufschwung wurde durch eine lang andauernde Bereinigungskrise in den Jahren 2001 bis 2004 beendet.

Auch im Vorfeld der aktuellen Krise haben sich wieder diejenigen aufs Glatteis begeben, die ökonomische Gesetze und Erfahrungen missachteten: zum Beispiel diejenigen, die trotz der erst wenige Jahre zurückliegenden Erfahrungen mit der New-Economy-Blase davon ausgingen, dass der Immobilienboom und die Kreditausweitung die Weltwirtschaft immer weiter nach oben tragen würden. Oder diejenigen, die den engen und ökonomisch fast schon grundgesetzlichen Zusammenhang zwischen Risiko und Rendite leugneten. Die, die meinten, die Finanzmarktturbulenzen würden die Realwirtschaft nicht stören.

Und diejenigen, die behaupteten, Deutschland und andere Staaten könnten sich von einer Wirtschaftsflaute in den USA erfolgreich abkoppeln.

Dass die Marktwirtschaft und ihre Basisregeln unverändert intakt sind, ist zugleich eine schlechte wie gute Nachricht: eine schlechte Nachricht deshalb, weil es auf jeden Fall eine tiefe Talsohle zu durchschreiten gilt. In den letzten Jahren hat Deutschland als führende Exportnation massiv vom Nachfrageboom profitiert, der sich in den USA und anderswo aus steigenden Immobilienpreisen entwickelte. Bezeichnenderweise stand am Beginn dieses Booms keine Gruppe von Finanzjongleuren, sondern die übermäßige Geldversorgung im Zusammenhang mit der Bekämpfung der vorherigen Krise in den USA.

Eine gute Nachricht ist die Unversehrtheit unserer Wirtschaftsordnung, weil wir wissen: Die Bereinigungskrise schafft Grundlagen für neues Wachstum und – wir sind auch im Angesicht der Krise nicht machtlos.

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