Weblog Boom and Bust: Beendet die Grabenkämpfe

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Es kommentiert WirtschaftsWoche-Redakteurin Elke Pickartz

Kolumne

Auf der Suche nach dem Hauptschuldigen der Finanzkrise ist ein ideologischer Streit entbrannt. Doch er geht am Kern der Sache vorbei und behindert pragmatische Lösungen.

Seit Monaten wird in der Öffentlichkeit gestritten – in Talkshows und Gremien, auf Parteitagen und in Eckkneipen. Emotionen kochen hoch wie selten zuvor, geht es doch um nicht weniger als die Frage, wem das Debakel der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise anzulasten ist. „Dem Markt“, sagen die einen, denn die Banken haben auf ganzer Linie versagt. „Dem Staat“, behaupten die anderen, denn er hat die Schleusen erst richtig geöffnet.

Bei allen Versäumnissen der amerikanischen Geld- und Regulierungspolitik ist festzuhalten: Der Ursprung der jetzigen Krise liegt in einem klassischen Marktversagen. Das hört sich schlimmer an, als es ist. Vor allem aber ist es keine Fundamentalkritik an den Marktkräften. Im Gegenteil: Dass Märkte nicht fehlerfrei funktionieren, ist seit jeher Teil ihrer Existenz.

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Die reine neoklassisch-liberale Theorie lehrt es und jeder Volkswirtschaftsstudent lernt es im ersten Semester: Freie Märkte tendieren eben nicht zu vollständigem Wettbewerb, sondern neigen zu Absprachen und Kartellen, die den Grundmechanismus von Angebot, Nachfrage und Marktpreis aushebeln. Den Markt drängt es also bisweilen dazu, sich selbst außer Kraft zu setzen. Wer darauf verweist, polemisiert nicht gegen die Grundidee, sondern benennt nur einen unabänderlichen Systemzusammenhang.

Für die Marktkritiker heißt das: „Keep the ball flat“ – nimm den Mund nicht zu voll. Denn auch in der jetzigen Krise gibt es keinen Grund, sich auf die Schultern zu klopfen und ein bewährtes System über Bord zu werfen. Versagen und Krise gehören zum Markt dazu und bieten zugleich die Chance zur Korrektur.

Doch auch die Marktverfechter müssen etwas lernen: Es hat keinen Sinn, die Fehler des Marktes zu leugnen und die Schuld alleine dem Staat in die Schuhe zu schieben. Im Gegenteil: Nur wer die Schwachstellen des Marktes aufzeigt, kann ihm helfen, aus Krisen wie dieser gestärkt hervorzugehen. Man hilft seinem besten Freund nicht, indem man die Augen vor seinen Problemen verschließt, sondern indem man ihn vor seinen wunden Punkten warnt. Die Marktverfechter sollten sich nicht in die Defensive drängen lassen, indem sie Grundzusammenhänge verschweigen.

Die Gründungsväter der Marktwirtschaft haben das erkannt und gegen die Gefahr von Kartellen eine starke, unabhängige Wettbewerbsbehörde geschaffen. Heute geht es darum, die Finanzmärkte durch strengere Eigenkapitalregelungen, moderatere Bonussysteme und eine stärkere Finanzaufsicht vor ihrem eigenen Versagen zu schützen. Ideologische Grabenkämpfe gehen am Kern des Problems vorbei – und führen zu keiner Lösung.

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