Weblog Boom and Bust: Rückfall in alte Denkmuster

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Kolumne

Mitten in der Wirtschaftskrise will die IG Metall offenbar Öffnungsklauseln des Tarifvertrags unterlaufen – und erweist sich damit einen Bärendienst.

Das hat gerade noch gefehlt. Während in den Unternehmen die Aufträge einbrechen und selbst Paradebranchen wie der Maschinenbau ins Schleudern geraten, packt die IG Metall den tarifpolitischen Knüppel aus. Streitpunkt ist ein Passus im jüngsten Tarifabschluss für die 3,6 Millionen Beschäftigten der Metall- und Elektroindustrie. Danach kann die zum 1. Mai fällige Lohnerhöhung von 2,1 Prozent um bis zu sieben Monate nach hinten verschoben werden – und zwar vor Ort per Betriebsvereinbarung. Diese viel gelobte Flexibilisierung, mit der die Tarifpartner im November auf die Mega-Krise reagierten, will die IG Metall nun offenbar torpedieren. Aus dem Arbeitgeberlager ist zu hören, die IG Metall setze Betriebsräte unter Druck, entsprechenden Vorstößen der Unternehmen nicht zuzustimmen.

IG-Metall-Chef Berthold Huber hat die Devise ausgegeben, dass die Tariferhöhung „nur im Einzelfall“ verschoben werden dürfe. Jutta Blankau, Chefin des IG-Metall-Bezirks Küste, sieht das Soll an Entgegenkommen bereits durch die massive Kurzarbeit für erfüllt: „Mehr können die Arbeitgeber nicht erwarten.“ Wirklich nicht? Es scheint, als wabere wieder der traditionalistische Geist von Ex-Boss Jürgen Peters aus den Büros der Funktionäre. Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, die Beschäftigten um ihr Geld zu bringen. Es geht um eine Wartezeit von ein paar Monaten und darum, eine im Tarifvertrag eindeutig formulierte Klausel zu nutzen, damit im Katastrophenjahr 2009 die Unternehmen nicht zusätzlich belastet werden. Die Verschiebung würde zudem keinen Metaller in die Armut treiben. Die Tariflöhne stiegen hier in den vergangenen Jahren stärker als in anderen Branchen – und die letzte Tariferhöhung (2,1 Prozent) gab es vor gerade mal drei Wochen.

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Was also reitet die IG Metall? Steckt dahinter die Angst einer Großorganisation um ihren Einfluss? Schon früher hat die IG Metall hier und da zugelassen, dass tarifpolitische Kompetenzen auf die Betriebsebene verlagert werden. In guten Zeiten haben das nur wenige Firmen genutzt. Nun aber ist das anders: In Baden-Württemberg etwa wollen über 50 Prozent der Unternehmen das Hintertürchen nutzen – und schüren bei der Gewerkschaft die Angst vor einem Dammbruch.

Die IG Metall hat sich bisher in der größten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit durchaus konstruktiv verhalten. Sie sollte diesen Eindruck nun nicht durch den Rückfall in alte Denkmuster zerstören. Die seit Jahren erodierenden Flächentarifverträge lassen sich nur durch mehr Flexibilität stabilisieren. Wenn die IG Metall das Rad zurückdreht, schadet sie den Betrieben, den Beschäftigten – und am Ende sich selbst.

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