Bild: REUTERSIndien
75 Prozent beträgt der Zolltarif, den Indien auf Premiumautos wie jene von Mercedes-Benz erhebt. Bis Ende März galt noch ein Tarif von 60 Prozent. Im bevölkerungsreichen Indien sind für Investoren aus dem Ausland ganze Branchen tabu: Den Einzelhandel schottet die Regierung zugunsten der indischen Straßenhändler ab, indem Ausländern keine Lizenz erteilt wird. Der Staat schreibt die Preise für manche Medikamente vor und vergrault damit
Pharmahersteller wie Bayer.
Bild: dpa/dpawebEuropa
77 Milliarden Euro flossen im Jahr 2010 als Hilfszahlungen an Europas Bauern. Außerdem leistet sich die Europäische Union Subventionen für Kraftstoffe. Seit Jahren sorgt diese Subventionspraxis für Kritik der Schwellenländer – und letztlich beraubt sich die EU ihrer Autorität beim Ausbau des globalen Freihandels.
Bild: dpaChina
83 Milliarden Euro lautet der Umfang an öffentlichen Aufträgen, die Peking jedes Jahr nach Schätzungen der EU-Kommission vergibt – allerdings nur für heimische Unternehmen. Die systematisch benachteiligten Investoren aus dem Ausland müssen vor Ort mit lokalen Partnern Fabriken bauen – und ihre Patente einbringen. Aus dem Reich der Mitte stammen 90 Prozent der Spezialrohstoffe, die für High-Tech-Industrien so wichtig sind. Den Export
dieser Seltenen Erden hat Peking stark eingeschränkt.
Bild: dapdBrasilien
13,7 Prozent beträgt der durchschnittliche Zollsatz am Zuckerhut, womit Brasilien zu den Ländern mit den weltweit höchsten Einfuhrzöllen zählt. Auf diese Weise will die Regierung die Unternehmen zurAnsiedlung im Inland zwingen und den Währungskurs drücken. Der starke Real ist Folge hoher Rohstoffexporte und verhagelt der brasilianischen Industrie die Exportchancen.
Bild: APRussland
300.000 Autos müssen ausländische Pkw-Hersteller in Russland mindestens vor Ort bauen, wenn sie die hohen Zolltarife bei Importen von Neufahrzeugen und Zulieferungen umgehen wollen. Auf diese Weise versucht die Regierung um Noch-Premierminister Wladimir Putin, die Hersteller zur Schaffung von Arbeitsplätzen im Inland zu motivieren. Außerdem drosselt der Staat bestimmte Exporte, etwa um den Getreidepreis im Inland niedrig zu halten
Bild: dpaUSA
50 Prozent ihrer Wertschöpfung müssen ausländische Hersteller im Inland erzielen, wenn sie bei US-Staatsaufträgen zum Zuge kommen wollen. Washington pumpt seit der Finanzkrise auch verstärkt direkte Subventionen in Industrien. Zu allem Übel forcieren die USA nur mehr regionale Freihandelsabkommen, die WTO ist für Washington kein Thema mehr.
Bild: REUTERSJapan
778 Prozent beträgt der Zollsatz auf Reis, mit dem Japan seine Landwirtschaft praktisch abschottet. In der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt ist es außerdem üblich, heimischen Unternehmen bei öffentlichen Aufträgen den Vorzug zu geben. Binnen zehn Jahren will Tokio alle Zölle auf null setzen – aber nur für Partner aus der Pazifikregion. Dass dies den globalen Freihandel aushöhlt, stört in Japan niemanden.
Bild: dapdArgentinien
35 Prozent beträgt der Zolltarif auf deutsche Autos, die nach Argentinien eingeführt werden. Trotzdem verpflichtet sich jeder Autobauer, seine Handelsbilanz auszugleichen: Wer Fahrzeuge aus ausländischen Werken einführt, muss argentinische Produkte wie Wein, Reis oder Leder ausführen. Was BMW mit argentinischem Reis anstellt, ist Sache der Deutschen.
Indien
75 Prozent beträgt der Zolltarif, den Indien auf Premiumautos wie jene von Mercedes-Benz erhebt. Bis Ende März galt noch ein Tarif von 60 Prozent. Im bevölkerungsreichen Indien sind für Investoren aus dem Ausland ganze Branchen tabu: Den Einzelhandel schottet die Regierung zugunsten der indischen Straßenhändler ab, indem Ausländern keine Lizenz erteilt wird. Der Staat schreibt die Preise für manche Medikamente vor und vergrault damit
Pharmahersteller wie Bayer.
Von Florian Willershausen, Alexander Busch, Martin Fritz, Angela Hennersdorf, Henning Krumrey, Philipp Mattheis, Silke Wettach und Stefan Mauer.
Beschwerlich muss es gewesen sein, das Leben der Kaufleute im spätmittelalterlichen Merkantilismus: Der eine Fürst erhebt Zölle auf Emaillewaren, der König nebenan zwingt Händler zum Bau von Manufakturen, der Dritte geizt mit Lizenzen für fahrende Verkäufer. Europa war ein Flickenteppich mit vielen Hundert Staaten, die alle nach ihrem eigenen Vorteil trachteten.
Jetzt droht die Weltwirtschaft wieder ins handelspolitische Klein-Klein zurückzufallen. Rund um den Globus blüht der Protektionismus: Südamerika fährt die Zollschranken für immer neue Importgüter runter, Russland zwingt Ausländer zum Bau von Fabriken, China kontingentiert die Ausfuhr seltener Rohstoffe, Indien schreibt Investoren die Preise für Arzneimittel vor und verweigert Einzelhändlern Lizenzen.
Schotten dicht
Seit der Lehman-Pleite 2008 haben die 20 mächtigsten Industrienationen der Welt bei ihren Treffen regelmäßig gelobt, ihre Märkte offen zu halten, um eine Rezession wie in den Dreißigerjahren zu vermeiden. Was passiert, ist das Gegenteil: Alle machen die Schotten dicht. Seit Oktober 2008 haben die G20-Länder 424 handelsbeschränkende Maßnahmen eingeführt, rechnet die EU-Kommission vor. Und selbst wenn sich die Wirtschaft erholt, bleiben die Handelshürden bestehen.

In Berlin steht man dem Trend zum globalen Mauerbau ebenso alarmiert wie ratlos gegenüber: Das Bundeswirtschaftsministerium registriert „zahlreiche protektionistische Aktivitäten“, welche die „globale Landschaft nadelstichartig verändern“. Dagegen unternehmen kann es aber nichts, denn Handelspolitik ist Angelegenheit der EU. Bernd Pfaffenbach, bis vergangenes Jahr Staatssekretär im Wirtschaftsressort, warnt vor Handelskonflikten: „Die Gefahr sind die vielen kleinen Schritte. Richtige Kriege fangen ja mit kleinen Schritten an.“
In den USA bricht Wahlkämpfer Barack Obama Handelskriege gegen China und Europa vom Zaun. Regeln der Welthandelsorganisation WTO werden oft kurzerhand ignoriert, ihre Mahnungen verhallen wie ein Echo am Himalaja. Immer mehr Staaten – auch die EU – suchen ihr Heil in bilateralen und regionalen Handelsabkommen.
Hang zum Protektionismus
Jede Schutzmaßnahme lässt sich auf Landesebene prima begründen: Die Regierung in Moskau will die inländische Autoindustrie aufpäppeln und zwingt Investoren ins Land. Die Herrscher in Peking wollen ihrer Wirtschaft zu mehr Innovationskraft verhelfen und sorgen mit Exportquoten dafür, dass High-Tech-Rohstoffe in China bleiben. Brasilien sorgt sich wegen des starken Real um seinen Maschinenbau und fährt Zollschranken hoch.
Die Amerikaner haben Angst vor chinesischen Importen, die EU ist zu sehr mit der Euro-Krise beschäftigt, der Bundesregierung ist mit der Pensionierung des Spitzenbeamten und langjährigen Gipfel-Sherpas Pfaffenbach vor einem Jahr ein Unterhändler verloren gegangen, der stets für mehr Handelsfreiheit gekämpft hatte.
Dabei würde kaum ein Land der Welt vom grenzenlosen Handel so stark profitieren wie Deutschland mit seiner ausgeprägten Exportwirtschaft. Zwar boomt der Welthandel derzeit trotz des weltweiten Hangs zum Protektionismus. Der Bundesverband für Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA) rechnet 2012 mit einem Exportplus von sechs Prozent, die Deutschen werden weltweit Waren im Wert von zwei Billionen Euro umschlagen.
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