ThemaGlobalisierung

alles zum Thema
_

Weltwirtschaft: Aus der Traum vom globalen Freihandel

Die Schwellenländer bremsen den Welthandel mit Schutzzöllen und Exportquoten aus, die USA brechen Handelskriege vom Zaun. Die Folgen tragen die deutschen Exporteure.

Indien

75 Prozent beträgt der Zolltarif, den Indien auf Premiumautos wie jene von Mercedes-Benz erhebt. Bis Ende März galt noch ein Tarif von 60 Prozent. Im bevölkerungsreichen Indien sind für Investoren aus dem Ausland ganze Branchen tabu: Den Einzelhandel schottet die Regierung zugunsten der indischen Straßenhändler ab, indem Ausländern keine Lizenz erteilt wird. Der Staat schreibt die Preise für manche Medikamente vor und vergrault damit
Pharmahersteller wie Bayer.

Bild: REUTERS

Von Florian Willershausen, Alexander Busch, Martin Fritz, Angela Hennersdorf, Henning Krumrey, Philipp Mattheis, Silke Wettach und Stefan Mauer.

Anzeige

Beschwerlich muss es gewesen sein, das Leben der Kaufleute im spätmittelalterlichen Merkantilismus: Der eine Fürst erhebt Zölle auf Emaillewaren, der König nebenan zwingt Händler zum Bau von Manufakturen, der Dritte geizt mit Lizenzen für fahrende Verkäufer. Europa war ein Flickenteppich mit vielen Hundert Staaten, die alle nach ihrem eigenen Vorteil trachteten.

Jetzt droht die Weltwirtschaft wieder ins handelspolitische Klein-Klein zurückzufallen. Rund um den Globus blüht der Protektionismus: Südamerika fährt die Zollschranken für immer neue Importgüter runter, Russland zwingt Ausländer zum Bau von Fabriken, China kontingentiert die Ausfuhr seltener Rohstoffe, Indien schreibt Investoren die Preise für Arzneimittel vor und verweigert Einzelhändlern Lizenzen.

Schotten dicht

Seit der Lehman-Pleite 2008 haben die 20 mächtigsten Industrienationen der Welt bei ihren Treffen regelmäßig gelobt, ihre Märkte offen zu halten, um eine Rezession wie in den Dreißigerjahren zu vermeiden. Was passiert, ist das Gegenteil: Alle machen die Schotten dicht. Seit Oktober 2008 haben die G20-Länder 424 handelsbeschränkende Maßnahmen eingeführt, rechnet die EU-Kommission vor. Und selbst wenn sich die Wirtschaft erholt, bleiben die Handelshürden bestehen.

Anteile ausgewählter Länder an den weltweiten Exporten Quelle: WTO
Anteile ausgewählter Länder an den weltweiten Exporten (in Prozent; Klicken Sie für eine detaillierte Ansicht bitte auf die Grafik) Quelle: WTO

In Berlin steht man dem Trend zum globalen Mauerbau ebenso alarmiert wie ratlos gegenüber: Das Bundeswirtschaftsministerium registriert „zahlreiche protektionistische Aktivitäten“, welche die „globale Landschaft nadelstichartig verändern“. Dagegen unternehmen kann es aber nichts, denn Handelspolitik ist Angelegenheit der EU. Bernd Pfaffenbach, bis vergangenes Jahr Staatssekretär im Wirtschaftsressort, warnt vor Handelskonflikten: „Die Gefahr sind die vielen kleinen Schritte. Richtige Kriege fangen ja mit kleinen Schritten an.“

In den USA bricht Wahlkämpfer Barack Obama Handelskriege gegen China und Europa vom Zaun. Regeln der Welthandelsorganisation WTO werden oft kurzerhand ignoriert, ihre Mahnungen verhallen wie ein Echo am Himalaja. Immer mehr Staaten – auch die EU – suchen ihr Heil in bilateralen und regionalen Handelsabkommen.

Hang zum Protektionismus

Jede Schutzmaßnahme lässt sich auf Landesebene prima begründen: Die Regierung in Moskau will die inländische Autoindustrie aufpäppeln und zwingt Investoren ins Land. Die Herrscher in Peking wollen ihrer Wirtschaft zu mehr Innovationskraft verhelfen und sorgen mit Exportquoten dafür, dass High-Tech-Rohstoffe in China bleiben. Brasilien sorgt sich wegen des starken Real um seinen Maschinenbau und fährt Zollschranken hoch.

Die Amerikaner haben Angst vor chinesischen Importen, die EU ist zu sehr mit der Euro-Krise beschäftigt, der Bundesregierung ist mit der Pensionierung des Spitzenbeamten und langjährigen Gipfel-Sherpas Pfaffenbach vor einem Jahr ein Unterhändler verloren gegangen, der stets für mehr Handelsfreiheit gekämpft hatte.

Dabei würde kaum ein Land der Welt vom grenzenlosen Handel so stark profitieren wie Deutschland mit seiner ausgeprägten Exportwirtschaft. Zwar boomt der Welthandel derzeit trotz des weltweiten Hangs zum Protektionismus. Der Bundesverband für Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen (BGA) rechnet 2012 mit einem Exportplus von sechs Prozent, die Deutschen werden weltweit Waren im Wert von zwei Billionen Euro umschlagen.

3 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 25.07.2012, 08:35 Uhrprotectgermany

    Guter Bericht, danke WIWO, „Jetzt droht die Weltwirtschaft wieder ins handelspolitische Klein-Klein zurückzufallen. Rund um den Globus blüht der Protektionismus: Südamerika fährt die Zollschranken für immer neue Importgüter runter….“, Russland,,, - Fährt es die Handelsschranken nicht HOCH???
    2) Es ist gut, zu den Tatsachen zurückzukehren. Am besten sollten die Leute in ihrem Land, wo sie auch sonst leben, verreisen. Dann schleppen sie auch keine Denguekrankheiten etc mehr ein und auch der globale Frachtverkehr als Nährstelle dieses exemplarischen Übels der Globalisierung sollte eingestellt werden. Es würden sicherlich keine mittelalterlichen "Königreiche" entstehen - die Geschichte wiederholt sich nie exakt zwei Mal. 3) Hört auf mit diesem T-EURO-WAHHHHHNNN! Wenn sogar Dr. Jens Erhard senior die Meinung vertritt - zuletzt in ARD wieder - dass der EURO Deutschland schadet und vor einigen Jahren ergänzte, dass die Schweiz mit ihrem SFR bestens dastehe, nach wie vor, - dann ist alles andere Wirtschaftsinstituts-Wirtschaftsprofessorengeschwätz wichtigtuerische Makulatur!!

  • 06.05.2012, 00:23 Uhrhanji

    Spannende Analyse - besten Dank! Nur ein kleiner Lapsus: "China und Südkorea ..., die japanischen wie amerikanischen Unternehmen mit billigeren Produkten zusetzen." Diese beiden Oekonomien in einem Atemzug zu nennen, ist schon abenteuerlich! Hier ein billiges, auf Copy&Paste spezialisiertes Entwicklungsland, da die Weltspitze in technologischer Innovation. Suedkorea ist seit Jahren Innovationsweltmeister (die meisten inlaendischen Patentanmeldungen pro Einwohner), gewinnt mit seinen PKWs die Quality und Design Awards dieser Welt und ist im Management komplexer Projekte einfach besser/schneller als Japan und USA; egal ob es nun um den Bau von Supertankern, Wolkenkratzern oder anspruchsvollen Chemiestandorten geht. Bei China ist es der niedrige Preis fuer Commodities, bei Suedkorea ist es Tempo und Qualitaet, was die alten Industrielaender fuerchten laesst.

  • 18.04.2012, 23:16 UhrOlli

    Da bekommt Harold James' Buch "Der Rückfall" endlich seinen Sinn zurück.

Alle Kommentare lesen
weitere Fotostrecken

Blogs

Chinesen-Plage in Hongkong
Chinesen-Plage in Hongkong

Quer durch die Kulturen ist der Sonntag ein Tag der Ruhe, des Innenhaltens – im britisch geprägten Hongkong nicht anders...

Das Aktuelle Heft

Wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 21 vom 18.05.2013

iTunes Vorschau - WirtschaftsWoche

    Folgen Sie uns im Social Web

Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.