Weltwirtschaft: Wer unter dem niedrigen Ölpreis leidet

Weltwirtschaft: Wer unter dem niedrigen Ölpreis leidet

Der Absturz der Ölpreise lässt Verbraucher jubeln. Allerdings drohen auch Investitionskürzungen in Milliardenhöhe, Kredite und Jobs könnten auf der Kippe stehen. Schadet der Preisrutsch am Ende vielen mehr, als er nutzt?

Öl ist der Schmierstoff der Weltwirtschaft. So positiv sein Preissturz kurzfristig für die globale Konjunktur insgesamt sein mag, so bitter könnten aber die langfristigen Folgen ausfallen. Großen Teilen der exportlastigen deutschen Wirtschaft spielt der aktuelle Einbruch bei den Kosten für das „schwarze Gold“ in die Karten. Doch zugleich gibt es Zweifel, ob der Trend länger anhält.

„Die weltweite Öl- und Gasindustrie geht in ein herausforderndes Jahr 2015, das von hartnäckig tiefen Ölpreisen gekennzeichnet ist“, heißt es bei der Ratingagentur Moody's. Erkundungs- und Förderunternehmen würden wohl „zuerst getroffen“ - aber auch Serviceanbieter sowie Pipeline-, Transport- oder Lagerfirmen dürften die Dominoeffekte verringerter Ausgaben bei den Bohrkonzernen spüren. Langfristig sehen Analysten der US-Investmentbank Goldman Sachs Investitionen im Wert von bis zu einer Billion Dollar in Gefahr.

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Meilensteine der Ölpreisentwicklung

  • Beginne der Ölförderung

    Die ersten gewinnbringenden Erdölbohrungen finden Mitte des 19. Jahrhunderts statt. In dieser Zeit entstehen auch die ersten Raffinerien. Bis 1864 steigt der Ölpreis auf den Höchststand von 8,06 Dollar pro Barrel (159 Liter); inflationsbereinigt müssen damals im Jahresdurchschnitt 128,17 US-Dollar gezahlt werden. In den folgenden Jahrzehnten bleibt der Preis auf einem vergleichsweise niedrigen Level, fällt mitunter sogar, bedingt etwa durch den Erfolg der elektrischen Glühlampe, durch die Öl im privaten Haushalt nicht mehr zur Beleuchtung nötig ist.

  • Vollgas mit Benzin

    Mit dem Erfolg des Automobils zu Beginn des 20. Jahrhunderts steigt die Öl-Nachfrage rasant; speziell in den USA, wo der Ford Modell T zum Massenprodukt wird. 1929 fahren insgesamt 23 Millionen Kraftfahrzeuge auf den Straßen. Der Verbrauch liegt 1929 in den Staaten bei 2,58 Millionen Fass pro Tag, 85 Prozent davon für Benzin und Heizöl. Die Preise bleiben allerdings weiter unter fünf Dollar pro Fass (nicht inflationsbereinigt), da auch mehr gefördert wird.

  • Negative Folgen der Weltwirtschaftskrise

    In den 30er Jahren kommt die Große Depression, die Unternehmenszusammenbrüche, Massenarbeitslosigkeit, Deflation und einen massiven Rückgang des Handels durch protektionistische Maßnahmen zur Folge hat. Während der Weltwirtschaftskrise verringert sich die Nachfrage nach Erdöl und der Preis sinkt auf ein historisches Tief. 1931 müssen bloß noch 0,65 Dollar pro Barrel gezahlt werden (inflationsbereinigt etwa zehn US-Dollar). So billig sollte das schwarze Gold nie wieder sei.

  • Goldene Zeitalter des billigen Öls

    Nachdem sich die Weltkonjunktur erholt hat, steigt der Preise für Öl wieder, bleibt aber konstant unter fünf Dollar pro Barrel. Für die Jahre zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Ölkrise im Herbst 1973 spricht man deshalb vom „goldenen Zeitalter“ des billigen Öls.

  • Erste Ölkrise

    In den 70er und 80er Jahren kommt der Ölpreis in Bewegung. Als die Organisation der erdölexportierenden Länder (Opec) nach dem Krieg zwischen Israel und den arabischen Nachbarn im Herbst 1973 die Fördermengen drosselt, um politischen Druck auszuüben, vervierfacht sich der Weltölpreis binnen kürzester Zeit. Zum Ende des Jahres 1974 kostet ein Barrel über elf Dollar (inflationsbereinigt fast 55 US-Dollar). Dies bekommen auch Otto-Normal-Bürger zu spüren: In Deutschland bleiben sonntags die Autobahnen leer, in den USA bilden sich Schlangen vor den Tankstellen.

  • Preisexplosion während des Golfkriegs

    Während der zweiten Ölkrise in den Jahren 1979/1980 zieht der Ölpreis nach einem kurzfristigen Rückgang weiter an. Ausgelöst wird dies im Wesentlichen durch Förderungsausfälle und Verunsicherung nach der Islamischen Revolution. Nach dem Angriff Iraks auf Iran und dem Beginn des Ersten Golfkrieg explodieren die Preise regelrecht. Auf dem Höhepunkt im April 1980 kostet ein Barrel 39,50 Dollar (inflationsbereinigt 116 Dollar).

  • Niedrigpreise in den 80er und 90er Jahren

    Die 80er und 90er Jahre sind – abgesehen von dem kurzzeitigen Anstieg verursacht durch den Zweiten Golfkrieg – eine Phase niedriger Ölpreise. Die Industriestaaten befinden sich in einer Rezession und suchten aufgrund vorhergehenden Ölkrisen mit besonders hohen Preisen nach alternativen Energiequellen. Weltweit gibt es Überkapazitäten. Während der Asienkrise 1997/1998 sinkt die Nachfrage weiter. Ende des Jahres 1998 werden 10,65 Dollar pro Barrel verlangt.

  • Ein rasanter Anstieg

    Nach Überwindung der Krise wachsen die Weltwirtschaft und damit auch der Ölbedarf schnell. Selbst die Anschläge auf das World Trade Center 2001 sorgen nur für einen kurzen Rücksetzer. Anfang 2008 steigt der Ölpreis erstmals über 100 US-Dollar je Barrel, Mitte des Jahres sogar fast auf 150 Dollar. Ein Grund für den Preisanstieg wist der Boom des rohstoffhungrigen China, mittlerweile zweitgrößter Verbraucher der Welt.

  • Ölpreis 2015

    Die globale Finanzkrise und eine schwächelnde Konjunktur sorgen für einen Rückgang der Nachfrage. Gleichzeitig bleibt das Angebot durch die massive Förderung in den USA (Fracking) hoch. Die Folge: Der Ölpreis bricht ein. Ab Sommer 2014 rutscht der Preis für Brentöl innerhalb weniger Monate um rund 50 Prozent auf 50 Dollar. Erst im Februar 2015 erholte sich der Ölpreis leicht und schwankt um die 60 Dollar je Barrel.

  • Ölpreis heute

    Im Mai 2015 hatten sich die Ölpreise zwischenzeitlich erholt. Die Sorte Brent erreichte mit einem Preis von 68 US-Dollar je Barrel ein Jahreshoch. Von da aus ging es bis September des Jahres wieder steil bergab auf 43 Dollar. Nach einer Stabilisierung zwischen September und November nahm der Ölpreis seine wieder Talfahrt auf. Am 15. Januar hat der Ölpreis die 30-Dollar-Marke unterschritten.

Noch sind die negativen Folgen relativ gering, weil die Investitionszyklen in der Branche sehr lang sind. Aber vor allem in den USA, die mit Hilfe ihres Fracking-Booms die globale Ölschwemme mitauslösten, können verlorene Umsätze schon jetzt das Geschäft unrentabel machen. Erste US-Firmen kündigten ihren Mitarbeitern, der Stahlkonzern US Steel plant die Schließung von zwei Rohrwerken. Vor allem kleineren Förderbetrieben droht wegen der Tiefpreise die Luft auszugehen, die Finanzierung neuer Projekte wackelt.

Selbst wenn die Ölpreise 2015 im Schnitt wieder 75 Dollar pro Barrel erreichen sollten, dürften nordamerikanische Förderer ihre Kapitalausgaben um 20 Prozent im Vergleich zu 2014 verringern, schätzt Moody's-Experte Steven Wood. Seit dem vorigen Sommer sind die Preise für Öl der Sorten Brent und WTI um über die Hälfte auf unter 50 Euro je Barrel eingebrochen. Die meisten Experten aber glauben, dass die US-Wirtschaft insgesamt vom Preisverfall eher profitiert, weil die Menschen mehr Geld für andere Konsumausgaben übrig haben.

Der Verfall des Ölpreises kommt beim Verbraucher an

  • Warum werden Benzin und Diesel plötzlich billiger

    Das liegt im wesentlichen am Preisrutsch für Rohöl. Der Ölpreis hat sich jahrelang weitgehend in einem Preisband zwischen 100 und 115 Dollar für ein Barrel (159 Liter) der Nordsee-Sorte Brent bewegt. Diesen Korridor hat der Preis Anfang September verlassen und ist im Oktober nochmals kräftig abgestürzt, auf nur noch 85 Dollar. Die subjektive Wahrnehmung der Autofahrer, dass Benzin und Diesel immer teurer werden, wird von den Daten seit 2012 nicht mehr gedeckt.

  • Wie konnte es zu dem Preisrückgang beim Rohöl kommen?

    Auf der Angebotsseite ist reichlich Öl vorhanden. „Die Reaktion der Produzenten lässt auf sich warten“, sagt der Hamburger Energieexperte Steffen Bukold. Saudi-Arabien, das innerhalb des Opec-Kartells sonst die Feinsteuerung des Marktes übernommen hat, will nicht allein seine Produktion kürzen. Dahinter steht ein Kampf um Marktanteile in Asien, wo für die Opec-Staaten die einzig wachsenden Absatzmärkte für ihr Öl liegen. Die Nachfrage nach Öl verläuft wegen der verhaltenen Weltkonjunktur zudem flau und kann den Preis nicht stützen.

  • Werden wegen des niedrigen Ölpreises nun Ölförderanlagen abgestellt?

    Das ist mittelfristig denkbar, geht aber nicht so schnell. Manche Förderanlagen könnten unrentabel werden, wenn der Ölpreis noch weiter fällt und dauerhaft niedrig bleibt. Ob es dazu kommt, ist noch nicht absehbar. Zudem bekommen viele Förderländer - auch Russland - bei einem Ölpreis deutlich unter 100 Dollar ein Problem mit der Finanzierung ihres Staatshaushalts. Bislang allerdings liegt der durchschnittliche Ölpreis für 2014 immer noch bei 106 Dollar, nach 109 im Vorjahr. Das ist für die Ölländer noch kein schlechtes Jahr.

  • Ist der gesunkene Rohölpreis voll bei den Endverbrauchern angekommen?

    Nach dem Energiepreis-Monitor der European Climate Foundation sind die Preise für Energierohstoffe währungsbereinigt im September um 1,2 Prozent gefallen und gleichzeitig die Verbraucherpreise für Kraft- und Schmierstoffe um 0,4 Prozent gestiegen. Anders als in Frankreich und Italien. „Ein Teil des Anstiegs ist nur so zu erklären, dass fallende Rohstoffpreise nicht eins zu eins auf Verbraucherebene weitergegeben wurden“, heißt es in der Mitteilung der Stiftung. Die Branche bestreitet das: „Der harte Wettbewerb der Tankstellen in Deutschland sorgt dafür, dass der gesunkene Ölpreis über niedrigere Benzin- und Dieselpreise auch bei den Verbrauchern ankommt“, sagte ein Sprecher des Mineralölwirtschaftsverbandes (MWV) in Berlin.

  • Werden Ölprodukte in der nächsten Zeit noch billiger?

    Das kann niemand sagen. Schon bislang ist der Preisrückgang gebremst worden, weil der Euro gegenüber dem Dollar an Wert verloren hat. Für einen Euro bekommt ein Ölimporteur nur noch 1,28 Dollar, das sind 10 Cent weniger als vor ein paar Monaten. Deshalb braucht er mehr Euro, um die gleiche Menge Dollar für den Ölkauf aufzubringen. Fällt der Euro noch weiter, ist das schlecht für den Autofahrer. Der Ölpreis selbst hat nach unten vielleicht weniger Luft als nach oben. Gibt die Opec bei ihrer nächsten Sitzung im November ein klares Signal, dann kann der Preis auch schnell wieder in den alten Preiskorridor oberhalb von 100 Dollar zurückkehren, meint Ölexperte Bukold.

Und in Deutschland? Stark getroffen sind hier schon jetzt direkte Zulieferer von Rohstoff-Förderunternehmen wie Armaturenhersteller und Pumpenbauer, sagt der Chefvolkswirt des Verbandes der Maschinen- und Anlagenbauer (VDMA), Ralph Wiechers. Nach einem langen Boom im vergangenen Jahrzehnt habe sich deren Lage schon vor einigen Jahren eingetrübt. Nun bekämen sie noch einmal einen Schlag versetzt.

Sollten die Volkswirtschaften in ölreichen Ländern einbrechen, werde das nicht spurlos an manchen Unternehmen vorbeigehen. Die Chemiebranche dagegen freut sich bislang: „Wenn wir tatsächlich dauerhaft billiges Öl bekommen, würde das unserer Wettbewerbsfähigkeit ungemein helfen“, erklärt der Chefvolkswirt des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), Henrik Meincke.

Auch der Flugzeugbauer Airbus fürchtet noch nicht um Aufträge für sparsamere Flugzeugmodelle. „Die Fluggesellschaften verdienen wegen des niedrigen Ölpreises mehr Geld. Daher tendieren sie dazu, mehr neue Flugzeuge zu kaufen“, sagt Verkaufschef John Leahy. Zuletzt hatte jedoch die angeschlagene Fluggesellschaft Air France-KLM angekündigt, Neubestellungen zu verschieben - und dies auch damit begründet, dass die alten Maschinen dank des derzeit billigen Öls und Kerosins nun wieder wirtschaftlicher zu betreiben seien.

Ganz besonders zittert der hoch verschuldete Energiekonzern RWE. Er hatte vor rund einem Jahr noch vor dem Beginn des Ölpreisverfalls den Verkauf des Öl- und Gasfördergeschäfts an eine Firma des russischen Oligarchen Michail Fridman für gut fünf Milliarden Euro vereinbart. Doch aus politischen Gründen blockiert die britische Regierung den Deal. Nun wächst die Sorge, dass der Käufer ganz abspringt. So schnell dürfte ein hoher Preis für die Sparte nicht mehr drin sein.

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Warnzeichen gibt es - aber insgesamt rechnet die deutsche Energiebranche nicht mit größeren Auswirkungen. „Den erneuerbaren Energien gehört bei der Stromerzeugung trotz der aktuellen Entwicklungen am Ölmarkt die Zukunft“, betont der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft. Mineralöl mache gerade einmal einen Anteil von 0,8 Prozent an der Stromerzeugung in Deutschland aus. Zudem erwartet der Verband auch keine Renaissance von Ölheizungen.

Die meisten Experten glauben ohnehin nicht, dass Öl lange so billig bleibt. „Über kurz oder lang werden die Förderländer die Mengen wieder verknappen“, schätzt der Chemieverband. „Im Laufe des Jahres 2015 dürfte der Ölpreis auch wieder steigen“, sagt Leon Leschus, Rohstoffexperte am Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut.

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