Wirtschaft im Weitwinkel: Ohne Wachstum bleiben die Zinsen niedrig

kolumneWirtschaft im Weitwinkel: Ohne Wachstum bleiben die Zinsen niedrig

Kolumne von Stefan Bielmeier

Wir leben in einer Zeit historisch niedriger Anleiherenditen. Als Ursache hierfür wird gern auf die ultraexpansive Geldpolitik verwiesen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Vielmehr gilt: Kein Wachstum, keine Zinsen.

Zentralbanken orientieren sich bei ihrer Geldpolitik stark am wirtschaftlichen Umfeld. Hier gilt eine einfache Faustformel: Die Renditen von Staatsanleihen sollten ungefähr dem nominalen Wachstum eines Bruttoinlandsproduktes entsprechen. Diese Formel beschreibt keinen exakten Zusammenhang, sondern eher eine generelle und langfristige Beziehung zwischen dem Finanzmarkt und der Realwirtschaft.

Stefan Bielmeier Quelle: Presse

Stefan Bielmeier ist seit 2010 der Chefvolkswirt und Leiter Research der DZ Bank, dem Zentralinstitut von mehr als 900 Genossenschaftsbanken. (zum Vergrößern bitte anklicken)

Bild: Presse

Dabei folgen die Renditen eher dem durch das Potenzialwachstum vorgegebenen Trend. Unter Potenzialwachstum verstehen die Volkswirte dasjenige Wirtschaftswachstum, mit dem ein Land mittel- bis längerfristig unter normaler Ausnutzung aller Produktionskapazitäten wachsen wird. Konjunkturelle Schwankungen werden hier nicht berücksichtigt. Solange der Kapitalmarkt bei einer wirtschaftlichen Talfahrt nicht grundsätzlich an Konjunkturmustern zweifelt, gehen die Marktakteure weiterhin davon aus, dass nach einer Rezession das Wirtschaftswachstum auch wieder zulegt. Da beispielsweise zehnjährige Renditen genauso wie das Potenzialwachstum einen längerfristigen Horizont abbilden, orientiert sich die Renditeentwicklung eher am Potenzialwachstum anstelle des tatsächlichen Wirtschaftswachstums.

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Produktivität, Investitionen, Löhne entwickeln sich schwach

Das weltweite Potenzialwachstum ist seit einigen Jahren im Sinkflug. Hierfür verantwortlich sind vor allem das geringe Produktivitätswachstum und die anhaltende Investitionsschwäche. Hinzu kommen ein durch die Globalisierung geringeres Lohnwachstum und die demographische Entwicklung. Seit Ende der achtziger Jahre nimmt der Anteil junger Menschen im arbeitsfähigen Alter ab.

Geldpolitik der EZB: Belastungen durch Niedrigzinsen

  • Sparbuch und Co

    In Deutschland beliebte Sparformen wie Tages- und Festgeld werfen kaum noch etwas ab. Die niedrige Inflation gleiche die negativen Effekte der niedrigen Zinsen allerdings aus, betont EZB-Präsident Mario Draghi. Derzeit liege die Verzinsung minus Inflation höher als im Durchschnitt der 1990er Jahre. „Zu der Zeit hatten Sie höhere Zinsen auf dem Sparbuch, aber zugleich meist Inflation, die weit darüber lag und alles auffraß“, sagte Draghi jüngst in einem Interview. Im Mai lagen die Verbraucherpreise in Deutschland nach vorläufigen Berechnungen gerade einmal um 0,1 Prozent über dem Vorjahresniveau.

    Stand: 07.06.2016

  • Strafzinsen und Bankgebühren

    Finanzinstitute müssen Strafzinsen zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Für den durchschnittlichen Privatkunden sind Strafzinsen bislang kein Thema. Man werde „alles tun, um die privaten Sparer vor Negativzinsen zu schützen - in Teilen auch zu Lasten der eigenen Ertragslage“, sagte jüngst der Chef des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes, Georg Fahrenschon. Wenn die aktuelle Niedrigzinsphase aber lange andauere, würden die Sparkassen die Kunden letztlich nicht davor bewahren können. Zudem könnten Geldhäuser nach Angaben des Präsidenten des Bundesverbandes der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Uwe Fröhlich, gezwungen sein, an der Gebührenschraube zu drehen: „Jeder muss in seiner Bank überlegen, wie er über Konditionen-Gestaltung gegen die Ertragsverluste anarbeitet, die ohne Zweifel da sind.“

  • Altersvorsorge

    Lebensversicherern fällt es immer schwerer, die hohen Zusagen der Vergangenheit zu erwirtschaften. Die Folge: Die Verzinsung des Altersvorsorge-Klassikers sinkt seit geraumer Zeit. Auch Betriebsrenten leiden, Firmen müssen wegen der Zinsschmelze immer mehr Geld für die Pensionsverbindlichkeiten zurücklegen. Viele Unternehmen versprechen bei Neueinstellungen daher keine konkreten Leistungen mehr, sondern sagen lediglich zu, einen bestimmten Betrag pro Monat in Vorsorgekassen einzuzahlen. Das Zinsrisiko tragen die künftigen Pensionäre.

Neben diesen generellen Einflussgrößen prägen aber auch die Folgen der Finanzmarktkrise weiterhin das aktuelle Renditeumfeld. Durch die massiven Anleiheaufkäufe der Zentralbanken und den anhaltend hohen Anlageüberschuss privater Investoren sind die Realrenditen sehr deutlich gesunken. Darüber hinaus schafft das nur mäßige Kreditwachstum in den letzten Jahren zu wenig Anlagemöglichkeiten. Dem gegenüber steht ein hoher Bedarf der Investoren, insbesondere aus dem Pensionssektor. Anleihen aus sicheren Häfen werden derzeit von vielen Investoren nachgefragt. Für die sichere Verwahrung des Geldes sind die Anleger sogar bereit, eine Versicherungsprämie in Form negativer Renditen zu zahlen.

Nicht die Zentralbanken allein, sondern alle diese Faktoren zusammen haben zu der grundlegenden Veränderung des Renditeniveaus geführt.

Geldpolitik der EZB: Entlastungen durch Niedrigzinsen

  • Kredite

    Verbraucher sparen bei Darlehen, ob für den neuen Fernseher oder für die eigenen vier Wände. Hausbauer können sich zu historisch günstigen Konditionen Geld leihen. Nach Angaben des Bankenverbandes BdB sind Hypothekendarlehen mit zehn Jahren Zinsbindung derzeit zu Effektivzinsen von durchschnittlich etwa 1,4 Prozent zu haben. 2007 lagen sie noch bei mehr als fünf Prozent.

  • Dispozinsen

    Billiger ist es auch geworden, das eigene Konto zu überziehen. Vor fünf Jahren lagen die Dispozinsen nach Angaben der Finanzberatung FMH im Schnitt noch bei 11,26 Prozent. Mittlerweile sind es demnach durchschnittlich 9,51 Prozent.

  • Aktionäre

    Seit Jahren ist günstiges Notenbankgeld der zentrale Treibstoff für die Börsen. Aktionäre können von steigenden Kursen profitieren. Zuletzt wagten sich die eher börsenscheuen Deutschen wieder stärker an den Aktienmarkt. Knapp 9,01 Millionen Menschen besaßen nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts im vergangenen Jahr Aktien und/oder Anteile an Aktienfonds - das ist der höchste Stand seit 2012.

  • Der Staat

    Mit der Ausgabe von Anleihen finanziert die öffentliche Hand - neben Steuereinkünften - einen Großteil ihrer Ausgaben. Am Montag fiel die sogenannte Umlaufrendite, die ein durchschnittliches Maß für die „Verzinsung“ von Staatspapieren mit einer Laufzeit von drei bis 30 Jahren ist, in Deutschland erstmals seit der Gründung der Bundesrepublik in den negativen Bereich. Der Bund „verdient“ in einer solchen Situation somit an seiner eigenen Schuldenaufnahme, anstatt den Gläubigern - den Käufern der Anleihen - einen Zins zu zahlen.

    Stand: 7. Juni 2016

Wie geht es nun weiter? Das Potenzialwachstum wird auch in den kommenden Jahren niedrig bleiben oder sogar noch weiter sinken. Auch der demographische Wandel wird voranschreiten und das Wachstum aufgrund stagnierender Bevölkerungszahlen zusätzlich abschwächen. Lediglich die Investitionsneigung und Kreditnachfrage könnten sich in den kommenden Jahren langsam erholen. Die zahlreichen unterstützenden Maßnahmen der Zentralbanken können hierzu beitragen. Allerdings sind die Notenbanken nicht alleine in der Lage, höhere Realinvestitionen herbeizuführen. Hierfür bedarf es in vielen Bereichen struktureller Reformen, um Anreize für Investitionen zu erhöhen.

Die mahnenden Aufforderungen, unter anderem des EZB-Präsidenten, zu wachstumsfreundlichen Strukturreformen zeigen indes, dass die Geldpolitik der Realwirtschaft nur die Hand reichen kann - sie derzeit aber niemand ergreifen möchte. Eine Rückkehr der Inflation in Richtung der Zwei-Prozent-Marke wird noch einige Zeit dauern. Zwar wird es Zinsanhebungszyklen auch in Zukunft geben, jedoch wird wohl die absolute Höhe der Leitzinsen im Vergleich zu früheren Perioden deutlich niedriger ausfallen. Das niedrige Renditeumfeld wird uns erhalten bleiben.

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