Wirtschaft nach dem Brexit: Großbritanniens Reise ins Ungewisse

Wirtschaft nach dem Brexit: Großbritanniens Reise ins Ungewisse

, aktualisiert 15. September 2016, 15:15 Uhr
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Einige Frühindikatoren bescheinigen Großbritannien auch nach dem Brexit-Votum eine gesunde Wirtschaft. Doch mit dem EU-Austritt begibt sich die Insel auf eine Reise ins Ungewisse.

Quelle:Handelsblatt Online

Die Brexit-Befürworter jubilieren. Monate nach dem Votum zum Austritt aus der EU sehen einige der britischen Frühindikatoren gut aus. Doch der Schein könnte trügen – die größten Konsequenzen stehen noch bevor,

LondonKrieg, Völkermord und Armut – so umschreibt der Chef der britischen Pub-Kette Wetherspoon, Tim Martin, die von Brexit-Gegnern befürchteten wirtschaftlichen Folgen des beschlossenen EU-Austritts. Das alles habe sich als falsch erwiesen, referiert der glühende Brexit-Befürworter genüsslich in einem Interview der BBC etwa zweieinhalb Monate nach dem Referendum.

Und er hat teilweise Recht. Denn abgesehen davon, dass Martin die Warnungen der Brexit-Gegner reichlich übertrieben darstellt, sind die erwarteten Negativfolgen der Brexit-Entscheidung in weiten Teilen ausgeblieben. Zumindest vorerst. Die Arbeitslosigkeit sank nach dem Brexit-Votum auf ein Rekordtief, Stimmungsindikatoren zeigten zuletzt auf Wachstum in der Industrie, aber auch im wichtigen Dienstleistungssektor. Der Einzelhandel zeigte sich stabil. Die Börsen erholten sich zügig von anfänglichen Kursstürzen. Das Pfund verlor zwar erheblich an Wert, aber der große Schock blieb aus.

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Teilweise, so glauben Ökonomen, liegt das am entschiedenen Handeln der britischen Notenbank „Bank of England“, die den Leitzins auf den historisch niedrigen Wert von 0,25 Prozent senkte. Notenbank-Chef Mark Carney kündigte an, weitere Schritte zu unternehmen, falls nötig. Beobachter halten eine weitere Senkung des Leitzinses noch in diesem Jahr für möglich. Andere, wie Tim Martin, sehen sich in ihrer Meinung bestätigt, dass der Brexit keineswegs negative Folgen für die britische Wirtschaft haben wird.

Doch das Bild ist bei weitem nicht so klar, wie es in der Welt des Pub-Königs erscheint. Obwohl es als sehr wahrscheinlich gilt, dass der niedrige Pfundkurs der Exportwirtschaft helfen wird, schlägt sich das in Zahlen bisher nicht nieder. Die Exporte gingen im Juli im Vergleich zum Vormonat um 3,1 Prozent zurück.

Und harte Zahlen zeichnen ein anderes Bild als mancher Stimmungsindikator: Die Produktion in der herstellenden Industrie ging im Juli um 0,9 Prozent zurück. Und die relativ guten Zahlen der Autohersteller – 5,7 Prozent Wachstum im Juli im Vergleich zum Vorjahresmonat – verbergen, dass es auch hier einen Rückgang im Export gegeben hat. Ein Trend, der sich verstärken könnte, falls Großbritannien tatsächlich aus dem Binnenmarkt ausscheiden sollte, wie einige hartgesottene Brexit-Befürworter fordern.


„Heuschreckenplagen und Springfluten“

Für die Autoindustrie mit ihren relativ kleinen Gewinnmargen könnte das zum Problem werden. Japans Premierminister Shinzo Abe hatte seine britische Kollegin Theresa May beim G20-Gipfel im chinesischen Hangzhou in diesem Monat schon gewarnt: Sollte das Land den uneingeschränkten Zugang zum Europäischen Binnenmarkt verlieren, könnten japanische Hersteller wie Nissan ihre Standorte in Großbritannien schließen. Schlimmer noch wäre ein Exodus der Banken und anderer Finanzdienstleister, die mit einem Austritt aus dem Binnenmarkt das Recht verlieren könnten, ihre Produkte in Europa ohne Weiteres zu verkaufen.

Warnungen, die Wetherspoon-Chef Martin in das Reich der Sagen verbannt. „Heuschreckenplagen auf den Feldern und Springfluten in der Nordsee“, würden vorhergesagt, wenn Großbritannien den Europäischen Binnenmarkt verließe, alles Mumpitz, meint Martin.

Ob sich die großspurigen Aussagen des Pub-Betreibers noch als Stammtischgeschwätz herausstellen werden, bleibt abzuwarten. Denn auch wenn Großbritannien an einer Rezession vorbeischlittern sollte, sind die langfristigen Folgen eines Brexit noch nicht abzusehen, wie Wirtschaftsprofessor Francesco Caselli von der London School of Economics sagt. „Man sollte noch ein paar Quartale abwarten, bevor man Schlüsse zieht.“

Der Dachverband der britischen Handelskammern „British Chambers of Commerce“ (BCC) jedenfalls hat seine Wachstumsprognose für das Land von 2,2 Prozent auf 1,8 Prozent im laufenden Jahr gesenkt, im kommenden Jahr sogar von 2,3 Prozent auf 1 Prozent. Erst 2018 soll es wieder bergauf gehen, aber langsamer als vor der Brexit-Entscheidung angenommen. Vor allem die anhaltende Unsicherheit über die künftigen Beziehungen mit der EU könnten Investitionen einfrieren und Haushalte vom Geld ausgeben abhalten, sagt BCC-Chefökonom Suren Thiru.

Quelle:  Handelsblatt Online
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