Wirtschaftsforschung: "Der Homo oeconomicus ist als Zerrbild entlarvt"

Wirtschaftsforschung: "Der Homo oeconomicus ist als Zerrbild entlarvt"

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Matthias Sutter

von Mark Fehr

Die Wissenschaftler Matthias Sutter nimmt Abschied vom Homo oeconomicus – dagegen boomt die experimentelle Wirtschaftsforschung.

WirtschaftsWoche: Professor Sutter, Sie und Ihre Kollegen suchen wirtschafts-wissenschaftliche Erkenntnisse nicht in mathematischen Formeln, sondern setzen auf Verhaltensforschung und psychologische Experimente. Warum?

Sutter: So können wir schnell feststellen, ob eine ökonomische Theorie stimmt – oder sie widerlegen. Wir machen nicht nur Feld-, sondern auch Laborversuche. Experimentalökonomen haben gezeigt, dass Menschen häufig emotionaler handeln als früher angenommen. Der stets auf Eigennutz bedachte Homo oeconomicus der klassischen Wirtschaftstheorie ist als Zerrbild entlarvt.

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Sind wir in Wirklichkeit etwa Altruisten statt Egoisten?Bis zu einem gewissen Maß schon, denn selbst wenn es um Geld geht, berücksichtigen viele Menschen, welche Folgen ihr Handeln für andere hat. Wir haben zum Beispiel beobachtet, wie zwei Partner eine Geldsumme unter sich aufteilen. Dabei bestimmt der Erste, wer wie viel bekommen soll. Der Zweite entscheidet, ob er damit einverstanden ist. Wenn ja, nimmt jeder Geld mit nach Hause. Anderenfalls gehen beide leer aus.

Was taten die Testpersonen?Viele teilten ziemlich fair, gaben also die Hälfte des Geldes ab – oder etwas weniger. Der Partner war in diesen Fällen zufrieden. Doch sobald er sich grob ungerecht behandelt fühlte, pfiff er auf -seinen geringen Gewinn – und ließ das Geschäft gänzlich scheitern.

Der Homo oeconomicus hätte sich auch Minibeiträge geschnappt, weil ihm egal ist, dass der andere mehr bekommt.Richtig. Ein vollständig egoistischer Entscheider vergleicht seinen Lohn mit der Alternative, leer auszugehen. Anders als reale Personen ist er daher schon mit kleinsten Summen zufrieden. Sitzt er dagegen selbst am Drücker, gibt er nur Peanuts ab, gerade genug, damit der Deal nicht platzt.

Doch in Wirklichkeit handeln wir fair und rebellieren gegen Ungerechtigkeit, selbst wenn das teuer kommt?So selbstlos ist der Mensch dann doch nicht. Versuche von US-Kollegen zeigen, dass der Altruismus nachlässt, sobald es um sehr viel Geld geht, also Beträge in der Höhe von Jahresgehältern.

Wie kommen Experimentalökonomen an Testpersonen?Wir wollen Entscheidungen realitätsnah untersuchen. Daher können unsere Probanden ihr erspieltes Geld mit nach Hause nehmen.

Das dürfte Sie einiges kosten.(Lacht) Wer reich werden will, sollte lieber hart arbeiten – oder es im Lotto versuchen. Aktuelle Studien werden auch in Entwicklungsländern wie Bangladesch durchgeführt, wo schon etwa 300 Euro einem durchschnittlichen Jahresverdienst entsprechen.

Haben Ökonomen keine Skrupel, wenn sie Menschen – besonders Arme – zu Versuchskaninchen machen?Bei unseren Experimenten nimmt niemand Schaden. Es kann höchstens sein, dass einige enttäuscht sind, wenn sie weniger Geld gewinnen als erhofft. Die Spielregeln sind aber immer allen bekannt.

Die Wirtschaftspolitik braucht auch allgemeine Orientierungspunkte. Helfen da fallspezifische Tests überhaupt weiter?Ja. Diese können aufdecken, wenn sich Politiker auf dem Holzweg befinden. Wir haben etwa getestet, was bei Einführung einer Tobin Tax, also einer Steuer auf Devisenhandel, passieren würde...

...deren Anhänger die Spekulation eindämmen und die Währungskurse stabilisieren wollen.So lautet zumindest das Ziel. Doch die Politik muss einsehen, dass es nichts bringt, die Steuer an einzelnen Handelsplätzen einzuführen. Solange sie nicht flächendeckend erhoben wird, wandert fast der gesamte Handel in Steueroasen ab. Deshalb sollte man eine Tobin Tax entweder überall einführen – oder gar nicht.

Wie haben Sie das herausgefunden?Wir haben die Wirkung der Steuer an Leuten mit betriebs- und finanzwirtschaftlicher Ausbildung getestet. Diese konnten auf eigene Faust an zwei von uns simulierten Devisenmärkten spekulieren, von denen einer steuerfrei war. Auf dem besteuerten Markt gingen die Umsätze so stark zurück, dass nur äußerst -volatile und keine aussagekräftigen Kurse zustande kamen.

Derartige Experimente liefern Fallwissen – doch ein übergreifendes Theoriegebäude schaffen sie nicht.Wir sollten der Versuchung widerstehen, immer nach universellen Konzepten zu suchen. Die klassische Ökonomie hat Modelle gebastelt, die angeblich für alle Bereiche der Gesellschaft gelten sollten. Doch aus meiner Sicht wird eine ökonomische Weltformel immer wichtige Details vernachlässigen.

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