
Am Münchner Ifo-Institut, im Nobelviertel Bogenhausen, herrschte am vergangenen Mittwoch große Nervosität. Der Grund: Am Nachmittag traf sich in Bonn der Senat der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz (WGL). Einer der ersten Tagesordnungspunkte: die Zukunft des Ifo-Instituts. Um 16 Uhr war die Entscheidung gefallen. Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, gerade auf Forschungsaufenthalt im holländischen Wassenaar, erfuhr es als Erster: Der WGL-Senat beschloss, dem Institut die weitere Finanzierung zu gewähren, und bescheinigte den Münchnern „das Potenzial für eine Förderung als Forschungseinrichtung“. Der Hintergrund: Ifo war 1998 nach harscher Kritik zu einer „Serviceeinrichtung“ degradiert worden, woraufhin die Mittel um 25 Prozent gekürzt wurden. Jetzt soll das Institut ein „kohärentes Arbeitsprogramm“ vorlegen – dann wird entschieden, ob es wieder zum Forschungsinstitut wird. Ifo ist damit auf gutem Weg. Aber das Evaluierungskarussell dreht sich weiter: Beim Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) tüfteln die Abteilungsleiter gerade an der Beantwortung eines Fragebogens der Leibniz-Gemeinschaft. Im Dezember wird die Expertenkommission das schmucke Institutsgebäude unweit des Hallenser Marktplatzes in Beschlag nehmen, um die Qualität der Forscher zu überprüfen. Die WGL ist der Zusammenschluss von rund 80 öffentlich finanzierten Instituten unterschiedlicher Fachrichtung. Zurzeit gehören sieben Wirtschaftsforschungsinstitute dazu, eines davon befindet sich in Abwicklung. Die Einrichtungen werden mindestens alle sieben Jahre inspiziert. Dafür setzt der WGL-Senat externe Expertenkommissionen ein, die vor allem aus Professoren bestehen. Von ihnen hängt es ab, ob und in welchem Ausmaß die Institute weiter gefördert werden. Die Begutachtung durch die Leibniz-Gemeinschaft verursacht daher ordentlichen Wirbel bei den Instituten – und treibt sie zu Höchstleistungen an. So ergab eine neue Studie der Technischen Universität München, dass sich die Zahl der Publikationen der deutschen Ökonomie-Denkfabriken in den rund 40 angesehensten Fachzeitschriften von 1997 bis 2005 mehr als verdoppelt hat. Auch drängen die Institutsforscher immer stärker in die absoluten Top-Journals wie „American Economic Review“ oder „Econometrica“. Der Haken dabei: Der Nutzen für die Wirtschaftspolitik und für die Lösung wirtschaftlicher Probleme ist ungewiss. Denn zwischen ökonomischer Forschung und wirtschaftspolitischer Umsetzung klaffen noch immer tiefe Gräben. Wie tief, zeigt sich, wenn die Institute einmal im Jahr im Bundeswirtschaftsministerium zum Gedankenaustausch mit der Amtsspitze zusammenkommen. Da passiert es schon mal, dass sich die Vertreter der Institute untereinander beharken, welche gerade veröffentlichte Konjunkturzahl falsch oder unseriös war. „Die pflegen da nur ihre Eitelkeiten“, schimpft ein Teilnehmer. „Um die Frage, wie das Land reformiert werden kann, geht es überhaupt nicht.“ Rainer Wend (SPD), Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschaft und Arbeit des Bundestags, vermisst bei den Wissenschaftlern denn auch jegliches „Gespür für die Zwänge, unter denen Politiker stehen“.
Umgekehrt beklagen sich die Wissenschaftler über den mangelnden Reformwillen der Politiker: „Wenn man sich das Gewürge in Berlin ansieht“, kritisiert Wolfgang Franz, Chef des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), „dann kehrt Ernüchterung ein.“ Deshalb ist beim Politikberater von heute vor allem Geduld gefragt: Erst wenn man zehn Jahre lang mit Engelszungen auf die Politiker einrede, sagt Franz, „erwacht überhaupt erst das Problembewusstsein“.













