Wirtschaftsweiser Wolfgang Franz: "Das Schlimmste kommt erst noch"

Wirtschaftsweiser Wolfgang Franz: "Das Schlimmste kommt erst noch"

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Wolfgang Franz

Der Wirtschaftsweise Wolfgang Franz schlägt vor, die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes an konjunkturelle Zyklen zu koppeln.

WirtschaftsWoche: Herr Professor Franz, die Unternehmen suchen ihr Heil in der Kurzarbeit, um Entlassungen zu vermeiden. Wie lange hält dieses Sicherungsseil noch?

Franz: Konjunkturell haben wir wohl das Schlimmste hinter uns. Auf dem Arbeitsmarkt ist es leider umgekehrt: Dort kommt das Schlimmste erst noch. Wir werden um die Jahreswende die Vier-Millionen-Marke reißen, daran wird auch die Kurzarbeit nichts ändern. Ich hoffe aber, dass wir im nächsten Jahr unter der Fünf-Millionen-Marke bleiben. Ich rechne mit einem Jahresdurchschnitt von 4,6 Millionen Arbeitslosen.

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Ist Kurzarbeit das Mittel der Stunde, um Arbeitslosigkeit zu verhindern?

Die Unternehmen können mit der Kurzarbeit zwar Durststrecken länger durchhalten. Allerdings halte ich die Verlängerung der Kurzarbeit auf 24 Monate für bedenklich. Wenn Arbeitnehmer künstlich über Jahre in den Unternehmen gehalten werden, zögert dies unausweichliche Anpassungen hinaus.

Die Regierung hat das Kurzarbeitergeld verlängert, weil sie fürchtet, dass sonst viele Arbeitnehmer auf Hartz IV zusteuern.

Diese Sorge ist natürlich berechtigt. Doch die Unternehmen haben mit der jetzigen Regelung geringe Kosten, sie müssen nicht einmal die Sozialabgaben zahlen. Das schafft den Anreiz, die Mitarbeiter zu halten und auf Sicht zu fahren.

Genau das ist aber doch das Ziel.

Mag sein, aber aus ökonomischer Sicht ist dies bedenklich. Hätten die Unternehmen höhere Kosten, würden die Personalplaner ernsthafter das Horten von Arbeitskräften prüfen. Jetzt zögern sie harte Entscheidungen möglichst lange hinaus – mit der Folge, dass es am Ende vielleicht umso bitterer wird. Hinzu kommt: Auch in einer Rezession gibt es Neugründungen und Einstellungen und damit eine Nachfrage nach Arbeitskräften, die nicht befriedigt werden kann, weil Fachkräfte in der Kurzarbeit festsitzen.

Befürchten Sie Mitnahmeeffekte und Wettbewerbsverzerrungen durch Kurzarbeit?

Das kann ich nicht beurteilen, das hängt vom Einzelfall ab. Ich bin mir auch nicht sicher, ob die Lockerungen bei der Kurzarbeit ein Einfallstor für Missbrauch sind, wie immer vermutet wird. Letztlich nutzen die Unternehmen ein Instrument, das ihnen der Gesetzgeber an die Hand gegeben hat. Dagegen ist nichts einzuwenden.

Die Zahl der Kurzarbeiter ist stark gestiegen, während die Zahl der Anträge auf Kurzarbeit sinkt. Ist das ein Hoffnungsschimmer oder die Kapitulationserklärung?

Ich sehe darin einen vorsichtigen Hinweis auf eine Bodenbildung. Es kommt auch darauf an, wie hoch der Arbeitsausfall durch Kurzarbeit ist und ob er rückläufig ist. Genaueres lässt sich erst sagen, wenn die Bundesagentur für Arbeit neue Daten zur Kurzarbeit veröffentlicht.

Was empfehlen Sie der künftigen Regierung, um die Arbeitslosigkeit in den Griff zu bekommen und auf einen stabilen Wachstumspfad zurückzukehren?

Das Bildungssystem ist dringend reformbedürftig. Wir brauchen mehr Wettbewerb und Autonomie der Schulen und externe Leistungskontrollen. Dort kann man mit vergleichsweise wenig Aufwand enorm viel erreichen.

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