Wirtschaftswissenschaft: Abrechnung mit dem Homo oeconomicus

Wirtschaftswissenschaft: Abrechnung mit dem Homo oeconomicus

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Robert J. Shiller, 62, US-Ökonom, sieht in der jetzigen Krise eine große Chance, das Finanzsystem zu reformieren. Der Schlüssel dazu sei seine Demokratisierung

von Elke Pickartz

Der US-Ökonom Robert Shiller fordert eine neue Volkswirtschaftslehre, die sich der Psychologie von Menschen und Märkten öffnet. Lange war er ein Rufer in der Wüste – in der Finanzkrise ist er zum Massenprediger geworden.

Wie ein Krisenprophet sieht er nicht gerade aus. Eher wie ein zerstreuter Professor. Dass der schmächtige Mann mit dem Schuljungengesicht an den Finanzmärkten den Spitznamen „Dr. Doom“ trägt, mag daher auf den ersten Blick überraschen. Doch Robert James Shiller gehört zu den wenigen Ökonomen, die schon früh die Finanzkrise heraufziehen sahen. Bereits 2005 warnte er vor den Übertreibungen am US-Immobilienmarkt und sagte einen Crash voraus. „Ich habe geredet und geredet“, sagt er heute, „aber es herrschte eine große Euphorie, da hat jeder seine eigenen Zweifel unterdrückt.“

Nun sind die Finanzmärkte aus den Fugen geraten, die Schuldenkrisen in Europa und USA eskalieren, die Systeme wanken. Die Welt sucht nach Orientierung, streift Altes ab und bricht zu Neuem auf – auch in der Volkswirtschaftslehre. Lange hatte sie die strenge Rationalität und Effizienz von Menschen und Märkten propagiert, nun ist sie von der Realität überrollt worden.

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Es ist die Stunde der Behavioral Economics, der Verhaltensökonomie – und Shiller, 65, ist einer ihrer einflussreichsten Vordenker. Seit Jahrzehnten erforscht der VWL-Professor aus Yale das Feld, zahlreiche Studien und Bücher hat er veröffentlicht. Seine Werke „Animal Spirits“ und „Irrational Exuberance“, die das Verhalten von Menschen und Märkten jenseits strikter Rationalität untersuchen, sind zu Dauerbrennern in den Buchhandlungen geworden. Das Magazin „Foreign Policy“ zählt Shiller zu den 100 einflussreichsten Denkern weltweit, „for bringing economics down to earth“ – weil er die Volkswirtschaftslehre auf den Boden der Tatsachen gebracht habe. Die Leser des „Economist“ sehen den 65-Jährigen in einer Umfrage als einen von fünf Ökonomen, die die Wirtschaftswissenschaft in den nächsten zehn Jahren am stärksten beeinflussen werden. Shillers Erfolg ist nicht vom Himmel gefallen, sondern über Jahrzehnte erkämpft. Geboren 1946 in der damals noch prosperierenden Autostadt Detroit, war er schon als Jugendlicher ein eigensinniger Kopf und selbstbewusst bis zur Respektlosigkeit. „Schon mein Sonntagsschullehrer beschwerte sich bei meinen Eltern, ich hätte ein schlechtes Benehmen“, sagt er.

Neoklassische Theorien dominieren das Fach

Mit Geld- und Finanzthemen hatte er anfangs wenig am Hut, dennoch studierte er Volkswirtschaftslehre, zunächst an der Universität Michigan, dann am renommierten, keynesianisch orientierten Massachusetts Institute of Technology (MIT). Als er dort 1972 seine Promotion abschloss und als Dozent nach Minnesota und Pennsylvania wechselte, war die Verhaltensökonomie eine vom Mainstream weitgehend ignorierte Nische. 1982 wurde Shiller als VWL-Professor nach Yale berufen. Auch dort dominierte die neoklassische Theorie das Fach. Ihre Modelle bauen auf den Annahmen auf, dass Menschen stets rational handeln, ihre Entscheidungen auf der Grundlage klarer Präferenzen treffen, vollständig informiert sind – und in jeder Situation im Sinne der Nutzenmaximierung das Beste für sich herausholen wollen. Entsprechend effizient funktionieren die (Finanz-)Märkte: Güter- und Vermögenspreise spiegeln zu jedem Zeitpunkt alle verfügbaren Informationen wider und sind damit die korrekten, „wahren“ Preise (Effizienzmarkthypothese). Preise schwanken, wenn neue Informationen verarbeitet werden, doch dank des schnellen Ausgleichs von Angebot und Nachfrage finden sie wieder zum Gleichgewicht zurück. Extrem starke Preisausschläge oder -blasen sind in dieser Modellwelt ausgeschlossen.

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