Wirtschaftswissenschaft: Der Moralökonom

Wirtschaftswissenschaft: Der Moralökonom

Bild vergrößern

Mitte Februar ehrte US-Präsident Barack Obama Sen im Weißen Haus mit der renommierten US-Humanistenmedaille „für seine Erkenntnisse über die Ursachen von Armut, Hunger und Ungerechtigkeit“.

von Elke Pickartz

Freiheit, Armut, Gerechtigkeit – der Ökonomienobelpreisträger Amartya Sen widmet sich den großen moralischen Fragen der Gesellschaft. Mit seinem Versuch, Marktwirtschaft und Ethik zu vereinen, erntet er viel Anerkennung – aber auch manche Kritik.

Seinen Spitznamen hört er überhaupt nicht gerne: „Mutter Theresa der Ökonomen“ nennen ihn die Medien bisweilen spöttisch. Das sei ein schlechter Vergleich, findet Amartya Sen, denn er würdige die Arbeit der verstorbenen Ordensschwester und Friedensnobelpreisträgerin herab, die im indischen Kalkutta über Jahrzehnte Sterbende von den Straßen auflas und versorgte. Anders als sie habe er nie etwas geopfert.

Das mag stimmen, und doch hat Sen mit Mutter Theresa eines gemeinsam – zeit seines Lebens hat sich der Ökonom mit Armut, Hunger und Unterentwicklung auseinandergesetzt und so „den Armen der Welt eine Stimme gegeben“, wie eine indische Zeitung einmal schrieb. Das macht ihn für viele zu einem Ausnahmeökonomen.

Anzeige

Sein US-Kollege Robert Solow nennt Sen das „Gewissen unseres Fachs“. Mitte Februar ehrte US-Präsident Barack Obama den 78-jährigen Harvard-Professor im Weißen Haus mit der renommierten US-Humanistenmedaille „für seine Erkenntnisse über die Ursachen von Armut, Hunger und Ungerechtigkeit“. „Ökonomen haben wir nicht oft hier“, bemerkte Obama scherzhaft, und Sen lächelte nur.

In Sen jedoch alleine einen moralisierenden Gutmenschen zu sehen wird ihm nicht gerecht. Er eckt mit seinen Überzeugungen an, und das mit Vergnügen. Den Konservativen ist seine Moralphilosophie ein Ärgernis, die Linken düpiert er mit Warnungen vor Anti-Markt-Dogmatismus. Gerne lässt der gebürtige Inder öffentlich fallen, dass er Mitbegründer der Vereinigung feministischer Volkswirtinnen ist: „Darin sehe ich keinen Widerspruch, das ist eine Sache von großer Wichtigkeit.“

Sen provoziert gerne in alle Richtungen, wenn es um seine Überzeugungen geht. Und die sind vielschichtig: Er gilt als links und liberal, er hält die Freiheit des Marktes hoch und verweist zugleich auf ihre Grenzen. Er befürwortet Globalisierung und Freihandel, will jedoch zugleich die globalen Finanzmärkte eindämmen – Sen lässt sich in keine Schublade stecken. Sein Credo: „Wir haben alle viele Identitäten.“

90 Ehrendoktortitel

Seit 1957 hat Sen mehrere Hundert Forschungspapiere und gut zwei Dutzend Bücher veröffentlicht. Wer auf Werk und Wirken des gebürtigen Inders blickt, stößt in seinem Lebenslauf auf eine Armada von Auszeichnungen: Sen hat rund 90 Ehrendoktortitel von Universitäten aus Toronto über Syrakus bis Tokio. Auch die (früher) für marktliberale Positionen bekannte Universität Kiel hat ihm 1997 die Ehrendoktorwürde verliehen. Hinzu kommen gut zwei Dutzend Preise, darunter 1998 der Nobelgedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften und 2007 der Kölner Meister-Eckhart-Preis, eine der renommiertesten philosophischen Auszeichnungen Europas.

Sens Universitätskarriere begann in Kalkutta, es folgten Stationen in Cambridge, an der London School of Economics und in Oxford. 1988 wechselt Sen an die US-Ostküstenuniversität Harvard, wo er heute einen Lehrstuhl für Ökonomie und Philosophie innehat. „Ich bin auf einem Universitätscampus geboren, und es scheint, als hätte ich mein ganzes Leben auf irgendeinem Campus verbracht“, sagt er. „Tatsächlich hatte ich nie einen ernsthaften Job außerhalb der Universität.“

Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%