
Kann dieser Mann ein ernst zu nehmender Wissenschaftler sein? Seine Dankrede zur Verleihung des Nobelpreises 1999 beendete er musikalisch und schmetterte den Song „I did it my way“ ins Mikrofon. Heute hält er abseits der akademischen Zirkel sektiererische Konferenzen in einer italienischen Burg ab. Oder er tritt mit grauem, schulterlangem Haar in der US-Fernsehsendung „Late Show with David Lettermann“ auf und gibt dort platte Sprüche zum Besten, wie: „Deine Mutter ist zu dick. Wenn sie morgens Schuhe mit hohen Absätzen anzieht, sind die abends plattgelaufen.“
Keine Frage, Robert Mundell ist ein merkwürdiger Typ. Man weiß nie, woran man bei ihm ist. Der Kanadier zeigte schon mit 29 Jahren in einem formal ausgereiften und wissenschaftlich hoch angesehenen Papier, wann Währungsunionen funktionieren und wann nicht – und ist bis heute ein überzeugter Euro-Anhänger. Er wies mit seinen Modellen die positiven Wirkungen expansiver Geld- und Fiskalpolitik nach, entpuppte sich jedoch in der politischen Beratung als Freund von Ausgabenkürzungen und einer restriktiven Geldpolitik.

Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Bild: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SAGustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gege die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten.
Bild: Mises Institute, Auburn, Alabama, USADer österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt.
Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen.
Bild: dpaGary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen.
Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität.
Bild: dpaJeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien.
Bild: dpaDer Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft.
Bild: dpaAmartya Sen wurde 1933 in der Universitätsstadt Santiniketan, Indien, geboren. Er ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts). Der Ökonom erhielt 1998 den Wirtschaftsnobelpreis für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie und wirtschaftlichen Entwicklung. Er veröffentlichte im Laufe seiner Karriere mehr als Hundert Forschungsschriften und ist Inhaber rund 90 Ehrendoktortiteln, zum Beispiel von der Universität Toronto. Ein zentraler Gedanke in seinem Werk ist die Idee der Freiheit, er betrachtet diese als die Basis des menschlichen Daseins, die jedes seiner Themen, wie Entwicklung, Armut, Hunger, Markt und Moral, durchdringt. Seine Thesen als liberaler, linker Theoretiker sind nicht unumstritten, so wird beispielsweise sein Begriff von Freiheit und Markt weder von Marktdogmatikern noch von deren Gegnern geteilt.
Bild: dpaIn seiner Heimat ist die Arbeit von Friedrich List (1789 - 18 46) fast vergessen. Die letzte Neuauflage von Lists Hauptwerk liegt 80 Jahre zurück. Er ist der gedankliche Vater des Protektionismus. In Deutschland gilt sein Werk als überholt, doch es bietet theoretisches Rüstzeug, wie der Staat die Wirtschaftsentwicklung fördern kann - und wann er besser die Hände davon lassen sollte. In vielen Schwellenländern erfreut sich die Lehre von List daher großer Popularität.
Bild: dpaDer britische Ökonom David Ricardo (1772 – 1823) machte an der Londoner Börse gute Gewinne und konnte sich Dank seines eigenen Vermögens ganz den ökonomischen Studien widmen. Er machte sich mit dem „Kornmodell“ einen Namen, das auf dem Paper Essay on the Influence of a low Price of Corn on the Profits of Stock basiert, in dem er die freie Korneinfuhr empfiehlt. Nach ihm wurde auch die Ricardianische Äquivalenz benannt – ein Konzept, das sich mit der Wirkung von Steuersenkungen in der Gegenwart beschäftigt, die mit höheren Steuern in der Zukunft refinanziert werden sollen. Auf ihn geht auch die Theorie der komparativen Kostenvorteile zurück, ein Kernstück der Außenhandelstheorie und wesentliche Erkenntnis über die relativen Kostenvorteile internationaler Arbeitsteilung.
Bild: Julia Zimmermann für WirtschaftswocheIm Jahr 1987 erhielt der US-amerikanische Ökonom Robert Solow (*1924) den Wirtschafts-Nobelpreis für seine Forschungen zur neoklassischen Wachstumstheorie. Solow entwickelte das sogenannte Solow-Modell, das im Gegensatz zu Keynes Auffassung die Nachfrageentwicklung nicht als bestimmende Determinante des Wirtschaftswachstums ansieht. Sein Solow-Modell erklärt das langfristiges Wirtschaftswachstum in einer Volkswirtschaft nur durch technischen Fortschritt. Solow ist Emeritus-Professor am Massachusetts Institute of Technology.
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Doch trotz seiner Unberechenbarkeit und des exzentrischen Habitus prägte Mundell die moderne Wirtschaftswissenschaft wie kaum ein anderer. Er entwickelte die Theorie der optimalen Währungsräume und konzipierte in den USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics. Seine makroökonomischen Modelle finden sich heute in vielen VWL-Lehrbüchern. Für den US-Ökonomen Arthur Laffer ist Mundell der beste Ökonom des 20. Jahrhunderts und ebenso einflussreich wie John Maynard Keynes. „Der Unterschied ist nur, dass Mundell recht behalten hat“, sagt Laffer.
Frauenheld und später Vater
Robert Mundell wird am 24. Oktober 1932 in Latimer geboren, einem winzigen Ort in der kanadischen Provinz Ontario. „Ich glaube niemandem, der behauptet, dieses Kaff zu kennen. Es besteht aus einer Straßenkreuzung und einer Käsefabrik“, spottet er später über seine Heimat. Er besucht dort eine Dorfschule mit nur einem einzigen Klassenzimmer. Später behauptet er, nie in die erste Klasse gegangen zu sein. Stattdessen habe er sich aus dem Lernstoff der ersten acht Schuljahre stets das Interessanteste rauspicken dürfen.
Seine Familie zieht oft um; Roberts Vater ist Feldwebel in der kanadischen Armee. So wechselt der junge Mundell 1945 an eine Highschool in Kingston, ein Jahr später zieht die Familie in den Westen Kanadas, nach British Columbia, wo Mundell die Schule abschließt und sein Studium der Ökonomie und Slawistik beginnt. An der University of Washington in Seattle macht er seinen Abschluss in Wirtschaftswissenschaften. Sein Studienkollege Douglas North, der sechs Jahre vor Mundell den Ökonomiepreis erhielt, erinnert sich, Mundell sei ein aufgeblasener Frauenheld gewesen, der immer eine Menge Ärger am Hals gehabt habe. Er habe „in allem, was er tat, über die Stränge geschlagen“.
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