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Wissenschaft: Eiserne Gesetze der Ökonomik gibt es nicht

von Thomas Straubhaar

Unter dem Titel "Volkswirtschafts-Leere" wurde die Ökonomik in der WirtschaftsWoche schwer kritisiert. Ihre mathematischen Methoden und ihr Anspruch, allgemeingültige Gesetze aufzustellen, sei falsch, eine Annäherung an die Geisteswissenschaften notwendig. Jetzt antwortet der Chef des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts (HWWI) – und treibt die Debatte weiter.

Thomas Straubhaar Quelle: dapd
Der Ökonom Thomas Straubhaar ist Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts (HWWI) Quelle: dapd

Die Ökonomik ist in die Kritik geraten. Die Abfolge unterschiedlicher Krisen seit 2008 hat alte Weisheiten brutal zerstört. Intellektuelle Glasperlenspiele haben sich als völlig nutzlos erwiesen. Der feste Glaube des ökonomischen Mainstreams an die Effizienz von Finanzmärkten hat Heerscharen von Studierenden in die Irre geführt. Das hat Krisen teilweise provoziert, teilweise beschleunigt. Nun ist es Zeit, Bilanz zu ziehen. Welche Grundsätze der Ökonomik gilt es zu revidieren? Welche Einsichten halten dem Sturm der Krisen stand? Gibt es überhaupt so etwas wie eiserne Gesetze der Ökonomik?

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Individuelle Prozesse

Die Mikroökonomik, also die Analyse, was einzelne Menschen (de-)motiviert, (nicht) zu handeln, vermag ohne Zweifel einige allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten menschlichen Tuns aufzudecken und einen Beitrag zum Verständnis individueller Entscheidungsprozesse und Verhaltensweisen zu leisten. Vor allem im Zusammenspiel mit interdisziplinären Ansätzen der Verhaltens- und Entscheidungstheorien, ergänzt um Psychologie, Philosophie, Soziologie, Anthropologie sowie Neurologie und Biologie ergeben sich relativ genaue Einsichten in menschliches Tun oder Lassen. Die Politik aber kann sich nicht am Einzelfall orientieren, sondern muss sich an gesamtgesellschaftlichen Kriterien ausrichten. In der Makroökonomik und damit in der Wirtschaftspolitik geht es ums große Ganze, nicht um das Schicksal Einzelner. Und wenn aus dem individuellen Verhalten einzelner Menschen makroökonomische Gesetzmäßigkeiten abgeleitet werden (sollen), wird es für die Ökonomik schwer, allgemeingültige Prinzipien aufzudecken, was eine Gesellschaft insgesamt zusammenhält.

Prof. Dr. Walter Krämer, leitet das Institut für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der TU Dortmund und hat den Protestbrief initiiert. Seine Begründung: "Viele wissen gar nicht, auf was wir uns da einlassen. In zehn oder 15 Jahren müssen wir unser Rentensystem plündern, um irgendwelche maroden Banken zu retten - oder was noch schlimmer wäre, die Notenpresse anwerfen."

Bild: Pressebild

Individuelles menschliches Verhalten lässt sich eben nicht zu einer gesellschaftlichen Einheitsgröße aggregieren. Unschärfen, Schwankungen, Abweichungen von der Norm, Fehler und spontane (Re-)Aktionen sind zufällig auftretende Störfaktoren. Ebenso spielen Stimmungen und Gewohnheiten eine wichtige Rolle. Teils bewusst, teils unbewusst, folgt das Handeln sozialen Regeln, Gesetzen, Bräuchen und moralischen Werten – weshalb es unsinnig ist, aus mikroökonomischen Konzepten makroökonomische Gesetzmäßigkeiten ableiten zu wollen. Was Einzelne als gut oder schlecht, als Nutzen oder Schaden bewerten, lässt sich nicht zu einer gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrtsfunktion zusammenfassen. An dieser Stelle treten immer auch politik-, sozial- und rechtswissenschaftliche Erwägungen in die Sphäre der Ökonomik. Deswegen führt der Versuch, die Makroökonomie mikroökonomisch zu fundieren, in die Irre.

Unmöglich wird es für die Ökonomik, Grundgesetze zu formulieren, wenn es um Werturteile geht. Auch wenn es banal ist, so bleibt es doch richtig: Es gibt keine allgemeingültigen ökonomischen Wahrheiten. Folglich kann es auch keine absoluten Bewertungen geben, welche Einsichten richtig oder falsch sind und welche Politik besser oder schlechter sei. Es gibt lediglich subjektive Wahrnehmungen und Einschätzungen. Deshalb stößt auch der für die Ökonomik zentrale Begriff der Rationalität an Grenzen. Was für A rational ist, muss für B noch lange nicht vernünftig sein. Deshalb gibt es auch keine allgemeingültige Erkenntnis, was eine Gesellschaft insgesamt treibt. Auf die großen Lebensfragen von individuellem Glück und Zufriedenheit, Gerechtigkeit, Verteilung und sozialer Ordnung finden sich von Gesellschaft zu Gesellschaft und von Periode zu Periode andere rationale und damit richtige Antworten.

4 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 10.09.2012, 10:27 Uhrmathias

    DAs schreibe ich hier schon seit zwei Jahren

    Man kann nicht etwas erlernen, wenn man 1 und 1 nicht zusammenzählen
    kann.
    Wer nichts kann wird "Wirt" = Ökonom

    Das Ausbildungssystem kommt der Regiestrierkasse gleich.:
    Den Leuten wird beigebracht, wie damit umzugehen, und das man alles
    da reintippen muss.
    Das Finanzamt hat den Generalschlüssel. DÜMMER GEHTS NIMMER
    Prof. Dr.Dr.

  • 10.09.2012, 09:44 UhrBlickensdoerfer

    "Ökonomik kann helfen, zu verstehen, nicht aber festzulegen, was die richtigen Antworten auf komplexe Zukunftsprobleme sein können."

    Die sich als "Wirtschaftswissenschaftler" verstehen(wollen), müssen sich also damit wissenschaftlich auseinandersetzen, ob und wofür sie von wem gebraucht werden. Denn: Wer braucht eine Hilfe für das Verstehen der Gegenwart, wenn er daraus für seine Zukunft Nichts oder nur Beliebiges folgern kann? Denn: Wer die Gegenwart nicht wissenschaftlich versteht, kann nicht Folgern. Aber Zukunft ist Folge der Gegenwart, ob das als "Gesetz" bezeichnet wird oder nicht.
    Wissenschaftliches Verstehen kommt also nicht in mannigfachen Beschreibungen und Schilderungen mannigfacher Erscheinungen und deren scheinbaren Zusammenhänge zum Ausdruck. Für diese Beschreibungen und Schilderungen braucht es keine Wissenschaft.

  • 09.09.2012, 17:48 UhrWegweiser

    Man versucht, sein eigenes wissenschaftlichen Ansehen zu retten. Die bisherigen Denkansätze wurden als veraltete Nationalökonomie verspottet, die guten alten kaufmännischen Gepflogenheiten, der ehrbare Kaufmann also, wurde durch den Manager mit einer absoluten Kapitalmehrungsoptimierungsmaxime ausgetauscht.

    Die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, verbunden mit dem guten alten Wöhe, reichen eigentlich aus. Was aber für die Anwendung von Micro- und Macroökonomie notwendig und zwingend ist, ist das Vorhandensein eines umfangreichen Gesamtwissens. Dieses muss geisteswissenschaftliche, aber auch umfassende naturwissenschaftliche Kenntnisse umfassen. Und dies fehlt den meisten BWLern und VWLern. Als Nebenfächer sollten diese im Studium hinzugewählt werden können. Aber auch sonst sollte man sich mit diesen umfassenden wissenschaftlichen Themen immer beschäftigen, von der Philosophie bis zur Kernphysik. Das Internet bietet heute dafür ein wirklich gutes Angebot. Dies gilt es zu nutzen, wenn man will.

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