Zoff im Ökonomen-Lager: Ist die VWL verbohrt?

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Zoff im Ökonomen-Lager: Ist die VWL verbohrt?

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von Bert Losse

Linksorientierte Volkswirte werfen dem altehrwürdigen Verein für Socialpolitik wissenschaftliche Ausgrenzung vor. Zum Jahreskongress der Ökonomenvereinigung organisieren die Kritiker nun eine Konkurrenzveranstaltung.

Das Programm steht, die Räume sind gebucht und die Studien geschrieben: Von diesem Sonntag an treffen sich an der Universität Münster rund 800 Ökonomen zur Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik (VfS).

Es ist die wichtigste Zusammenkunft von Wirtschaftswissenschaftlern im deutschsprachigen Raum. Auf rund 160 Sitzungen werden bis einschließlich Mittwoch 500 neue Studien und Arbeitspapiere vorgestellt, von der Wachstums- und Arbeitsmarkttheorie bis hin zur Umwelt- und Gesundheitsökonomie.

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Ob es dabei aber nur harmonisch zugeht, ist eine andere Frage. Der 1873 gegründete VfS, mit rund 3800 Mitgliedern eine der renommiertesten Ökonomenvereinigungen Europas, muss sich des Vorwurfs erwehren, er grenze wissenschaftskritische Querdenker aus und vertrete einseitig eine neoklassische Mainstream-Ökonomie.

Deutschsprachige Ökonomen und Soziologen des 20. Jahrhunderts

  • Friedrich A. v. Hayek (1899-1992)

    Der österreichische Ökonom und Sozialphilosoph gehörte zwar nicht zur Freiburger Schule, hat Erhard aber dennoch stark beeinflusst. In einem waren sie sich weitgehend einig: Das Wort "sozial" ist in Verbindung mit "Markwirtschaft" unsinnig, weil der Markt an sich Sozialität herstellt. Die Ökonomen Röpke, Eucken und Müller-Armack sahen das ganz anders.

  • Walter Eucken (1891-1050)

    Der Nestor des Ordoliberalismus sorgte mit seinen "Grundlagen der Nationalökonomie" 1939 dafür, dass Erhard nach dem Zweiten Weltkrieg ein theoretisches Konzept vorlag. Wegweisende Gedanken, vor allem über den Zusammenhang von Macht und (Un-)Freiheit.

  • Alfred Müller-Armack (1901-1978)

    Als Mitglied der NSDAP erhoffte sich der Ökonom und Kultursoziologe einen starken Staat mit stabiler Wirtschaftspolitik. 1946 entwickelte das CDU-Mitglied in "Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft" den Begriff der "sozialen Marktwirtschaft". Später wirkte er als Leiter der Grundsatzabteilung im Bundeswirtschaftsministerium von Ludwig Erhard.

  • Wilhelm Röpke (1899-1966)

    Der wortmächtigste unter den geistigen Vätern der sozialen Marktwirtschaft war bereits mit 24 Jahren Professor. Der Ökonom und Sozialphilosoph lehnte den Nationalsozialismus als "Massenaufstand gegen die Vernunft" ab und verfasste nach dem Krieg eine Reihe von glänzenden Büchern, in denen er unter anderem den Markt als Kulturform konturierte und ein frühes Lob der Ökologie sang.

  • Kurt Schumacher (1895-1952)

    SPD-Chef von 1946 bis 1952, wollte "aus Deutschland noch ein sozialistisches Land auf wirtschaftlichem Gebiet" machen. Im Godesberger Programm der SPD (1959), das Karl Schiller maßgeblich mitgestaltete, hieß es: "Wettbewerb soweit wie möglich, Planung soweit wie nötig." Erst 1963 war die SPD so weit, dass der spätere Wirtschaftsminister jede Art von Planung ablehnte.

  • Helmut Schelsky (1912-1984)

    Helmut Schelsky hat den Erfolg der sozialen Marktwirtschaft bereits 1953 auf den soziologischen Begriff gebracht. Erhard hat ihn vier Jahre später mit "Wohlstand für alle" ins Volksdeutsche übersetzt. Gemeint ist die Herausbildung einer breiten Mittelschicht mit gut bezahlten Angestellten.

„Ökonomen, die den Marktmechanismus und das herrschende positivistische Wissenschaftsverständnis hinterfragen, sind auf der Tagung nicht erwünscht“, behauptet Lisa Großmann. Sie ist eine von vier Vorsitzenden des Netzwerks Plurale Ökonomik (NPÖ), in dem sich knapp 30 deutsche Hochschulgruppen organisiert haben.

Während Netzwerkvertreter 2014 noch eine eigene Sitzung organisieren durften, seien sie 2015 ausgeschlossen worden, so Großmann. Es gibt zwar auch auf der diesjährigen Tagung eine Session zur „pluralen Ökonomik“, die aber wird von Dennis Snower organisiert, dem Präsidenten des Instituts für Weltwirtschaft. Großmann: „Das hat die plurale Szene vor den Kopf gestoßen.“

Die Reaktion: Die Heterodoxen, wie sie in der Ökonomenszene heißen, werden nun 500 Meter vom Tagungsort entfernt im Fürstenberghaus eine Konkurrenzveranstaltung abhalten. Mit im Boot sind mehr als ein Dutzend Institute, Hochschulen und Vereinigungen, darunter die Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht, die Cusanus-Hochschule, die World Economics Association und das bei der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung angesiedelte Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung.

Auch illustre Gruppen wie die Initiative Ökosozialismus wollen ihr Weltbild darlegen. Das NPÖ hat in einem „Aufruf an alle heterodoxen ÖkonomInnen und Vereinigungen“ gebeten, wissenschaftliche Papiere einzureichen, etwa zu „Keynesianismus, Euro-Krise, Verteilungsfragen, Postwachstum und Feminismus“.

Die heterodoxe Szene lehnt die neoklassische Lehre mit ihren Gleichgewichts-, Effizienz- und Maximierungsannahmen überwiegend ab. Hier sammeln sich linke Ökonomen, die mit Kapitalismus, Markt- und Wachstumsorientierung grundsätzliche Probleme haben, aber auch Libertäre und junge Wissenschaftler, denen die VWL zu mathematisch, zu geschichtsvergessen und zu wenig interdisziplinär erscheint.

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