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Zukunft des Kapitalismus: In jeder Krise steckt eine Chance

von Christian Deysson

In Krisenzeiten gibt es seit jeher herausragende Unternehmer, die neue Wege entdecken, um unorthodoxe Ideen zu verwirklichen. Auch diesmal wird es Krisengewinner geben.

Ryanair-Chef Michael O'Leary Quelle: AP
Ryanair-Chef Michael O'Leary will die Thermik der Krise nutzen: Je heftiger der Sturm ins Gesicht bläst, desto leichter steigt der Flieger in die Höhe Quelle: AP

Kaum zu glauben: Menschen gibt es, die bekommen in diesen Tagen einen erwartungsvollen Glanz in die Augen, wenn sie von der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise sprechen. Nehmen wir zum Beispiel den Iren Michael O’Leary. „Ich liebe diese Rezession“, schwärmt der querdenkerische Chef der Billigfluggesellschaft Ryanair, als drehte er gerade eine Runde auf der Achterbahn, „das Beste, was wir uns für diesen Winter wünschen können, ist eine gute, tiefe Rezession.“

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Wie bitte? Ja geht’s denn noch etwas unverfrorener? Und doch: Was sich wie blanker Zynismus des notorisch hemdsärmeligen Ryanair-Oberen anhört, folgt einer inneren Logik. Der Chef-Billigflieger wendet einfach ein Grundgesetz der Aerodynamik auf sein Geschäft an: Gegenwind erzeugt Auftrieb. Je kräftiger einem der Sturm ins Gesicht bläst, das lernt jeder Hobbypilot, desto leichter steigt das Flugzeug in die Höhe. Wirtschaftskrise – das bedeutet für O’Leary fallende Spritpreise und potenziell sinkende Löhne. Doch der Chefmanager erwartet noch mehr Wirkung: Er geht davon aus, dass etliche Airlines in die Knie gehen, auf Flugrouten sowie auf Optionen für neues Fluggerät verzichten werden.

In allen diesen Fällen gedenkt der Draufgänger schnell entschlossen zuzupacken und beherzt all das aufzugreifen, was nervös gewordene Manager in der Krisenangst fallen lassen. „Wo immer in diesen Tagen jemand das Handtuch wirft, werden wir expandieren“, verspricht O’Leary und prognostiziert, Krise hin oder her, für seine Fluggesellschaft ein jährliches Wachstum von 20 Prozent. Für den Ryanair-Chef steckt die Krise also voller Chancen. Der Ire, der Ryanair von einer defizitären Regionalfluggesellschaft zu Europas größter Low-Cost-Airline ausbaute, zählt zu jener einmaligen Unternehmergattung, die im rauen Klima der Rezession und der Krisenzeiten offenbar besonders gut prosperiert. Auf sie trifft zu, was der Poet unter den Zoologen, Alfred Edmund Brehm, in seinem berühmten Tierleben über die Sturmvögel schrieb: „Am liebsten fliegen sie gegen den Wind und, als die Fröhlichsten unter den Fröhlichen, leben sie über den von heulenden Stürmen aufgerührten Wellen.“

In der Wirtschaftsgeschichte tauchten immer wieder solche Sturmvögel auf, die den ökonomischen Krisen positive Seiten abgewannen und die mit Risikobereitschaft, Ideenreichtum, gesunden Nerven und einem gesunden Appetit auf Geld just in denjenigen Situationen ihr Vermögen machten, in denen andere alles verloren. Der Schotte John Law (1671 bis 1729), der gern als Erfinder des Papiergeldes bezeichnet wird, war einer von ihnen. Die Wirtschaftskrise, die nach dem Tod des Sonnenkönigs Ludwig XIV. über das Königreich Frankreich hereinbrach, war der Katalysator für seine große Idee: Kostspielige Kriege, die Vertreibung der calvinistischen Kaufmannschaft, öffentliche Verschwendung, staatliche Misswirtschaft und die rapide dahinschmelzenden Goldreserven hatten das finanziell und wirtschaftlich ausgelaugte Königreich an den Rand des Staatsbankrotts geführt. Die Zeit war reif für den Krisenunternehmer John Law. Seine Formel hieß Kredit, sein Vehikel war das Papiergeld, und seine revolutionäre Idee legte den Grundstein zu einer gänzlich neuen Wirtschaftsform – das moderne Bankwesen.

Die Zentrale der Deutschen Quelle: dpa
Die Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt Quelle: dpa

In persönlichen Audienzen legte der Finanztheoretiker aus Edinburgh dem finanziell gebeutelten französischen Regenten Philipp von Orléans dar, dass die öffentliche Geldnot nicht das Ende der Welt sei: Wenn die Gold- und Silbermünzen knapp wurden, so Law, mussten eben Scheine her, die sich ohnehin mit geringeren Kosten herstellen und leichter transportieren ließen als das Münzgeld. Sofern der Wert dieser Banknoten garantiert und seine Ausgabe staatlich überwacht werde, könne das Papiergeld seine Aufgabe sogar besser erfüllen und Frankreichs Wirtschaft nachhaltiger ankurbeln als das Münzgeld. Schon ein halbes Jahr nach dem Tod Ludwigs XIV. durfte Law seine Bank in Paris eröffnen und in staatlichem Auftrag Banknoten drucken und ausgeben. Im ganzen Land liefen die Noten frei um, überall wurden sie gern genommen und entlasteten so den allzu engen Geldmarkt. Ein Stoßseufzer ging durchs Königreich: Mais oui! Endlich wieder genügend Geld!

Im Fahrwasser dieses Erfolgs gründete Law etliche Handelsgesellschaften, die einen florierenden Handel mit Frankreichs Kolonialgebieten in Nordamerika, Westindien und Afrika betrieben und später das französische Tabakmonopol, die Generalpacht der Steuern, das staatliche Münzregal und sogar die Finanzverwaltung des französischen Staates übertragen bekamen. Dass Laws Finanzimperium nach weniger als fünf Jahren in sich zusammenstürzte, weil eine spekulativ bedingte Papiergeld-Inflation Frankreich in die nächste Wirtschaftskrise stürzte, schmälert nichts an der Bedeutung des Mannes. Enteignet, aus Frankreich verbannt und mittellos, starb der Erfinder des Papiergeldes und erste globale Unternehmer im Exil in Venedig.

9 KommentareAlle Kommentare lesen
  • 23.12.2008, 19:48 UhrAnonymer Benutzer: omx00

    Das jahrelange Chancen-Gefasel von all den Profi-Optimisten ala Horx und Wachstumsgurus aller Art hat genau dazu geführt, dass man selbst als positiv denkender, besonnener Mensch nicht einmal im Ansatz auf mögliche Risiken hinweisen durfte.

    Es geht künftig darum, die Augen in beide Richtungen offen zu halten und weder den ewigen Chancenpredigern, noch den permanent super ängstlichen Risikopropheten das Wort zu überlassen.

    Wenn wie hier über die Chancen der Krise gesprochen wird, wirkt das für mich leider nur wie das Pfeifen Dunklen im Wald. Was noch an Chancen und Risiken auf uns lauert, werden wir so oder so sehen - ich bin gespannt! Es kann in beide Richtungen weiter gehen.

  • 19.12.2008, 00:28 UhrAnonymer Benutzer: Andre Wolf

    Krise hat in der fernöstlichen Sprache das gleiche Zeichen wie Chance. Also sind wir doch auch mal etwas froh darüber, das es jetzt einen Scherbenhaufen gibt, den jeder sieht und weiss. Jetzt können wir endlich zusammenkehren und neu beginnen. Vorher hat sich das niemand getraut und darauf vertraut, das dieses instabile und krankende System irgendwie noch hält und niemand die Fehler bemerkt. Leittragende sind auch diejenigen, die durch reine Arbeit nicht zum Erfolg kommen und dankbar waren, wenn sie ein Risikogeschäft angeboten bekommen haben. Nur wurde das Risiko durch Agenturen zu Ungunsten dieser Anleger bewertet. Solten die Medien nicht auch etwas mehr Optimismus verbreiten und nicht nur noch mehr Arbeitslose und sinkende Wachstumsprognosen. Aber wenigstens die volle Wahrheit, z.b. warum Automobilhersteller viele Jahre auf Halde produziert haben. Einem jeden wird Kontinuerlichkeit und Vorraussicht erklärt.

  • 16.12.2008, 00:25 UhrAnonymer Benutzer: GPS-DIXKEN

    Wachstumszwang die Ursache allen Übels !
    Der Wachstumszwang unserer Wirtschaft resultiert aus unserem Finanzsystem, genauer aus dem Zinsmechanismus. Die Lösung ist - Wachstumszwang als Ursache allen Übels aus dem System eliminieren - dabei wäre keine sozialistische Revolution notwendig, es bedarf lediglich einer kleinen Korrektur: Einführung eines Weitergabe-zwanges für Geld, um einen kontinuierlichen Geldumlauf auch bei Vorliegen gesättigter Märkte zu garantieren. Dies könnte eine Geldumlaufsicherungsgebühr, also eine Art „Parkgebühr“ auf gehortetes Geld sein. Die Gebühr soll die Geldbesitzer dazu bewegen, ihr Geld entweder zu konsumieren oder auch ohne Zinsforderungen bei den banken anzulegen (oder direkt zu investieren), um der sonst fälligen Umlaufsicherungsgebühr auszuweichen. Auf diese Weise würden dem Kapitalmarkt verstärkt Gelder zufließen, das Angebot an Krediten von Seiten der banken würde steigen, und der Kreditzins würde ganz von selbst nach den Gesetzen von Angebot und Nachfrage entsprechend zunehmender Marktsättigung sinken und sich langfristig im Durchschnitt immer mehr in Richtung Null bewegen, ohne den Wert von Null zu erreichen.
    Die Auswirkung der umlaufgesicherten Währung:
    • das Preisniveau ist steuerbar, d.h. inflation und Deflation gehören der Vergangenheit an
    • der Wachstumszwang entfällt, was auch die Umwelt schützt
    • die Umverteilung von Arm zu Reich ist gestoppt
    • die Steuern sinken, ebenso das komplette Preisniveau, womit die Masse der bevölkerung erheblich an Kaufkraft gewinnt
    • die Lohnnebenkosten sinken, ebenso die Zahl der Arbeitslosen, was wiederum Grundvoraussetzung für das Funktionieren der Sozialsysteme ist
    • viele Fördermittel des Staates können zurück-gefahren werden
    • Reiche werden ohne Arbeitsleistung nicht mehr reicher

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