Die Heimtücke, mit der die Staatsgewalt in Malaysia gegen die oppositionellen Reformer um Anwar Ibrahim vorgeht, stürzt das Land noch tiefer ins politische Chaos. Malaysias Status als Stabilitätsanker in der Region ist bedroht, und die Aussichten auf einen friedlichen Regimewechsel haben sich stark verschlechtert.
Seit Monaten treibt Anwar eine verunsicherte Regierung vor sich her. Viele sahen ihn bereits als nächsten Premier und verknüpften damit Hoffnungen auf überfälligen politischen und wirtschaftlichen Wandel. Nun wirft die Polizei ihm eine homosexuelle Beziehung zu einem Mitarbeiter vor. In dem mehrheitlich moslemischen Land kann dies mit 20 Jahren Gefängnis geahndet werden.
Der Vorwurf ist schon deshalb so absurd wie abstoßend, weil Ex-Premier Mahathir Mohamed Anwar bereits vor zehn Jahren mit exakt demselben Vorwand einkerkern ließ. Der Autokrat fürchtete die Massenwirkung seines zum Rivalen gewordenen Stellvertreters. Ein Graus war ihm auch dessen Vision eines liberaleren Malaysias, in dem Menschenrechte und Marktwirtschaft Hand in Hand gehen.
Zur Demonstration seiner Ohnmacht prügelte die Polizei Anwar 1998 blutig. Der Volkszorn entlud sich nur kurz. Massenproteste wurden niedergeknüppelt, "Reformasi"-Rufe erstickten in Tränengaswolken. Anwar wurde in einem Schauprozess zu langer Haft verurteilt. Der Freispruch kam erst nach Mahathirs Rücktritt 2004.
Es ist bezeichnend, dass der herrschenden Clique kein anderer Vorwand zur Ausschaltung ihres gefährlichsten Gegners einfiel. Anwars zweite Verhaftung wegen Homosexualität demaskiert Malaysias autoritäres System als verknöchert, ideenlos, unmenschlich und unfähig, die Nation ins 21. Jahrhundert zu führen. Aber das angeschlagene Regime zeigt Überlebenswillen. Sein Sturz scheint heute unwahrscheinlicher als noch vor wenigen Wochen.
Mit dem Freispruch hatte Mahathir-Nachfolger Abdullah Badawi Versöhnungswillen gezeigt. Aber gegen die Sklerose des politischen Systems ist der glücklos agierende Premier machtlos. Als Folge behindern Kumpelkapitalismus, Korruption und ein schwaches Rechtssystem weiterhin Malaysias exportabhängige Wirtschaft. Auslandsinvestitionen, einst ein reißender Strom, kommen nur noch tröpfchenweise ins Land.
Im zweiten Anlauf wollte Anwar diese Verkrustungen nun sprengen und zugleich seinen Lebenstraum erfüllen, Premier werden. Nach seiner Haftentlassung zimmerte der intellektuell und rhetorisch brillante Volkstribun kleine Oppositionsgruppen zu einer schlagkräftigen Allianz zusammen. Bei Wahlen im März feierte er ein triumphales Comeback, das die politischen Grundfesten der Nation ins Wanken brachte: Die Regierung gewann nur mit einer dünnen Mehrheit und verlor die Kontrolle über fünf wichtige Bundesstaaten.
Seitdem zeigt Malaysias lähmen-der Status quo Risse. Die Regierung zerfleischt sich in Selbstzweifeln und internen Grabenkämpfen. Selbst die streng kontrollierten Medien hängen ihre Fähnchen in den Wind: Sie räumen der Opposition mehr Platz ein als früher und thematisieren Malaysias Übel offener. Sogar das größte Tabu wird angesprochen: die institutionalisierte Vorzugsbehandlung ethnischer Malaien gegenüber der chinesischen und indischen Minderheit. Dies gilt als größter Hemmschuh für eine wirtschaftliche Erneuerung des Landes.
Die Aufbruchsstimmung könnte nun wieder kippen. Anwar droht ein neues Prozess-Marathon, das seine Kräfte auf Jahre bindet und ihn politisch schwächt. Seine Ankündigung, die Regierung dank Überläufern bis zum Herbst zu Fall zu bringen, hat an Glaubwürdigkeit verloren, seit er mit einem Fuß im Gefängnis steht. Denn ohne ihren strategischen Kopf würde die Oppositionsallianz schnell zerbrechen. Nur Anwars Charisma und Glaubwürdigkeit schweißen eine sozialistische Chinesen-Partei und konservative Islamisten zusammen.
Anwar hat Schwächen: Er wird von einem egomanischen Willen zur Macht getrieben. Wenn es politisch opportun ist, wechselt er Positionen. Doch er tut Malaysia gut. Eliminiert die Staatsmacht den talentiertesten Politiker des Landes ein zweites Mal unter fragwürdigem Vorwand, wird der merklich gestiegene Druck zu Reformen schnell wieder verpuffen.












