Manager-Netzwerk: Der innere Zirkel der Wirtschaft

Manager-Netzwerk: Der innere Zirkel der Wirtschaft

, aktualisiert 05. November 2011, 07:56 Uhr
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Einer der ganz Mächtigen: Der Allianz Finanzexperte Paul Achleitner (r.) beaufsichtigt das Chemieunternehmen Bayer genauso wie den Autobauer Daimler. Hier mit Oliver Bäte (l.), Mitglied des Allianz-Vorstands und Michael Diekmann, Vorstandsvorsitzender der Allianz.

von Lenz JacobsenQuelle:Handelsblatt Online

Neue Studien belegen, wie stark sich Wirtschaftsmacht bei wenigen Managern und Unternehmern konzentriert. Der Kern des deutschen Manager-Netzwerks ist seit fast 20 Jahren stabil. Sie kontrollieren die mächtigsten Firmen.

KölnEssen, Leverkusen, Stuttgart – wenn die Aufsichtsräte und Vorstände von Deutschlands Topunternehmen tagen, ist der Ort jedes Mal ein anderer. Die Personen, die sich gegenüber sitzen, sind dagegen in vielen Fällen dieselben und dürften sich mittlerweile gut kennen: Die Manager Paul Achleitner, Ekkehard Schulz und Manfred Schneider etwa treffen nicht nur bei RWE zusammen, sondern auch bei den Sitzungen von Bayer.

Schulz ist zusätzlich an ein weiteres Aufsichtsrat-Gespann angebunden, weil er bei MAN mit Ferdinand Piëch zusammenarbeitet, der wiederum zusammen mit seinen Spezis Berthold Huber und Martin Winterkorn in den Gremien von Porsche, VW und Audi auftritt.

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Es ist nur ein Ausschnitt der Verflechtungen deutscher Spitzenmanager, aber er zeigt klar: „Um einige der größten Dax-Unternehmen herum gibt es einen sehr eng verknüpften Kern von Managern, dessen Dichte auch über die Jahre nicht abnimmt“, sagt Thomas Lux, Professor für internationale Finanzmärkte an der Universität Kiel.

Wie Lux wenden immer mehr Wissenschaftler Methoden der Netzwerkanalyse auf ökonomische Verflechtungen an. Ihre Ergebnisse zeigen in einzigartiger Weise, wie sehr wirtschaftliche Macht auf einen kleinen, stabilen Kern von Akteuren verteilt ist. Das Phänomen betrifft nicht nur Aufsichtsräte, sondern auch einzelne, mächtige Unternehmen: Forscher aus Zürich brachten kürzlich ans Licht, dass weniger als 150 Konzerne erhebliche Teile der Unternehmenswelt kontrollieren – und lieferten damit ein gefundenes Fressen für Verschwörungstheoretiker, die kleine Eliten als Strippenzieher globaler Entwicklungen vermuten.

Der Kieler Forscher Lux kommt in seiner aktuellen Studie gemeinsam mit seinen Kollegen Mishael Milakovic und Simone Alfarano zu dem Schluss, dass der Kern des deutschen Manager-Netzwerks seit fast 20 Jahren stabil sei – und die mächtigsten Unternehmen im Land kontrolliert.

„Das ist erstaunlich, weil es dem Gesamttrend widerspricht“, sagt der Ökonom. Denn insgesamt ist der Anteil von deutschen Aufsichtsratsvorsitzenden mit Mehrfachmandaten zwischen 1996 und 2006 von etwa 25 auf 15 Prozent zurückgegangen. In jüngerer Zeit setzt sich der Trend fort: Für 2008 fand Lux bei deutschen Großunternehmen noch 281 Manager mit mindestens zwei Posten, 2010 waren es nur noch 251. „Das Netzwerk wird insgesamt loser“, sagt Lux.


Ob sich Aufsichtsräte auskennen, scheint irrelevant zu sein

Für Dax-Größen wie die Deutschen Bank, die Allianz oder die Pharma-Riesen scheint das jedoch nicht zu gelten. In den Spitzenpositionen finden sich weiterhin reihenweise Manager mit mindestens vier Posten. Die Verflechtung ist unabhängig davon, wer auf den jeweiligen Posten sitzt: Unter den 20 bestvernetzten Managern haben neun zwischen 2008 und 2010 gewechselt, doch die Verpflechtungsstruktur ist beinahe identisch geblieben.

Wie sehr sich die Aufsichtsräte in der Branche eines Unternehmens auskennen, scheint für ihre Berufung irrelevant zu sein. „Die meisten der zentral positionierten Personen lassen sich eher als ’Generalisten’ charakterisieren.“ Der Allianz Finanzexperte Paul Achleitner etwa beaufsichtigt das Chemieunternehmen Bayer genauso wie den Autobauer Daimler. Die berüchtigte „Deutschland AG“, jener Kern von Konzernen, der jahrzehntelang die deutsche Wirtschaft dominierte – zumindest in den Aufsichtsräten scheint sie weiter zu existieren.

Wie weit die Machtkonzentration der Topkonzerne reicht, zeigen Forscher der Züricher Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH). Sie haben die Eigentumsverhältnisse bei über 40.000 internationalen Unternehmen untersucht – und stießen auf einen Kern von rund 1300 Firmen, die 80 Prozent des Gesamtnetzwerks der Unternehmen gewichtet nach Börsenwert kontrollieren können.

Damit nicht genug: Das Zentrum bilden 147 Akteure, die allein 40 Prozent aller erfassten Unternehmen kontrollieren. „Dass dieser Kern so klein und so klar zu erkennen ist, hat uns wirklich überrascht“, sagt James B. Glattfelder, einer der Autoren der Studie. „Normalerweise sind so starke Kerne viel größer, machen vielleicht 20 Prozent des Gesamtsystems aus, hier sind es deutlich weniger als ein Prozent.“ Und diese wenigen Unternehmen, angeführt von Banken und Versicherungen wie Barclays oder der amerikanischen Capital Group, kontrollieren sich zum Großteil auch noch untereinander.


Üben die Mächtigen ihre Macht gezielt aus?

„Die Konzentration ist viel größer als zum Beispiel bei der Wohlstandsverteilung oder den Arbeitseinkommen“, sagt Forscher Glattfelder. Die Ergebnisse sind stabil, egal ob man als Maßstab für die Kontrolle eines Unternehmens Mehrheitsbeteiligungen oder andere Mechanismen berücksichtigt.

Was bedeutet es für die Stabilität der Weltwirtschaft, wenn ein kleiner Kern so mächtig ist? Die Forscher sprechen vorsichtig von „systemischen Risiken“, davon, dass ein in guten Zeiten stabiles Netzwerk in schlechten Zeiten so „simultan in Not gerät“. Eine These, die die massiven Wechselwirkungen und Nachbeben der jüngsten Finanzkrise bestätigen.

Ob die mächtigen Unternehmen ihre Macht gezielt ausüben, beispielsweise um den Wettbewerb auszuhebeln, beantwortet die Studie nicht: „Das ist erst einmal eine grobe Landkarte, mehr nicht“, sagt James Glattfelder.

Doch Verschwörungstheorien erteilen Lux und seine Züricher Kollegen eine klare Absage: „Da müssen keine Strippenzieher am Werk sein“, sagt Glattfelder. In Netzwerken sei es typisch, dass die „Knoten“, also Unternehmen, die bereits lange dabei und wichtig sind, mit der Zeit noch wichtiger werden. „Was von weitem nach einer hochkomplexen Ordnung aussieht, kann sich von nahem als die Folge vieler simpler Aktionen und Verhaltensweisen entpuppen“, so Systemforscher Glattfelder.


Quelle:  Handelsblatt Online
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