Mikrokredite: Kleines Geld, große Wirkung

Mikrokredite: Kleines Geld, große Wirkung

, aktualisiert 27. November 2011, 16:36 Uhr
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Visionär: Muhammad Yunus hat die Mikrokredite erfunden - und dafür den Friedensnobelpreis erhalten.

Quelle:Handelsblatt Online

Eine Selbstmordserie in Indien hat Mikrokredite in Verruf gebracht - zu Unrecht, stellen Ökonomen in Studien fest. Klein-Darlehen für Unternehmer in Entwicklungsländern sind ein gutes Instrument im Kampf gegen die Armut.

Es war im Herbst 2010, als die Wunderwaffe plötzlich gefährlich erschien. SKS, die größte indische Mikrokreditbank, hatte gerade an der Börse 347 Millionen Dollar eingesammelt, als eine Serie von Selbstmorden unter ihren Kunden Schlagzeilen machte. In der Region Andhra Pradesh haben sich 17 Frauen, die sich bei dem Institut Geld geliehen hatten, das Leben genommen. Zwar war keine der Frauen mit ihren Rückzahlungen im Verzug, doch die Suizidserie stieß eine weltweite Debatte über das Für und Wider von Mikrokrediten an.

Plötzlich sahen Mikrokreditbanken wie skrupellose Kredithaie aus, die ihre Kunden in den Tod trieben. Dabei war die Idee, Kleindarlehen an die Ärmsten der Armen zu vergeben, zuvor lange gefeiert worden. 2006 hatte der bangladeschische Ökonom Muhammad Yunus den Friedensnobelpreis dafür erhalten.

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Zu Recht. Dies haben Wirtschaftswissenschaftler in aufwendigen Feldstudien festgestellt. Dabei haben sie die Effekte von Mikrokrediten systematisch gemessen. Auf Wunder stießen die Ökonomen in ihrer Forschung vor Ort zwar nicht - aber auf viele Erfolgsgeschichten.

Einfache Bankdienstleistungen, so das Ergebnis der Forscher, können die Lebensbedingungen von Menschen in Entwicklungsländern deutlich verbessern. Allerdings sind Mikrokredite dabei längst nicht das einzige Instrument. Oft wirken andere Bankangebote besser.

Hyderabad als Testlabor

So verwandelte ein Forscherteam um den indischen Ökonomen Abhijit Banerjee vom Massachusetts Institute of Technology die indische Großstadt Hyderabad in ein Labor für Mikrokredite - gemeinsam mit der Spandana-Bank, einem auf Mikrokredite spezialisierten Geldinstitut. Die Forscher wählten per Zufallsmechanismus 52 der 104 Stadtteile Hyderabads aus. In jedem eröffnete die Bank eine Filiale.

Die neuen Bankniederlassungen führten schnell dazu, dass die Menschen dort mehr Mikrokredite aufnahmen. Die Ökonomen beobachteten, wie die Kleinstkredite das Leben der Bewohner veränderten, und stellten fest: In den Stadtteilen mit Spandana-Filiale wurden mehr Unternehmen gegründet, zudem veränderten die Bewohner ihre Konsumgewohnheiten: Die Nachfrage nach Investitionsgütern stieg, die nach Alkohol und Tabak sank.

Allerdings: Dass die Mikrokredite Menschen in Hyderabad kurzfristig aus der Armut befreiten, konnten die Ökonomen nicht feststellen. Im Schnitt stieg der Konsum der Bewohner der mit Darlehen versorgten Stadtteile nicht messbar. Auch Auswirkungen auf den Gesundheitszustand der Bewohner oder ihr Bildungsniveau ließen sich nicht feststellen. Möglicherweise liegt das daran, dass der Untersuchungszeitraum der Studie zu kurz war. Die Forscher vermuten, dass sich solche Verbesserungen erst im Laufe der Zeit einstellen - wenn sich die Investitionen in Form höherer Gewinne auszahlen.

Was genau machen die Unternehmer, die einen Mikrokredit aufnehmen, mit dem Geld? Das haben die Ökonomen Dean Karlan (Yale University) und Jonathan Zinman (Dartmouth College) am Beispiel von Kleinunternehmern im philippinischen Manila untersucht. Die Forscher waren von Managemententscheidungen ziemlich überrascht. Denn die Mikrokreditkunden nutzen ihre Darlehen häufig nicht für Expansion, sondern um ihr Unternehmen zu verkleinern. Nach einem Mikrokredit sinkt oft die Zahl der Angestellten. Diese Verschlankungskur tut den Firmen gut: Der Gewinn steigt im Schnitt um zehn Prozent.

Die Forscher vermuten, dass die Kleinunternehmer unproduktive Arbeiter entließen. Durch die Kredite wurden sie unabhängiger von Familienmitgliedern und Freunden, die oft als Geldgeber fungieren und dafür einen Job einfordern.

Zudem gehen in Familien, die einen Mikrokredit aufgenommen hatten, die Kinder häufiger zur Schule und müssen seltener im Betrieb mitarbeiten. "Unsere Ergebnisse legen nahe, dass Mikrokredite auch für Investitionen in die Ausbildung von Kindern genutzt werden", lautet das Fazit der Forscher.

Der Zugang zu Mikrokrediten sollte daher ausgebaut werden, empfehlen die Ökonomen. Allerdings sollten die bisherigen Kreditmodelle reformiert werden.

Bislang werden Mikrokredite oft an Gruppen von Unternehmen vergeben: Kleinunternehmer müssen sich in einer Art Haftungsgemeinschaft zusammenschließen, in der jeder für den anderen einsteht, falls dieser seinen Kredit nicht zurückzahlen kann. So sinken die Kosten für die Mikrokreditbanken, die sich eine aufwendige Prüfung der Kreditkunden sparen können.

Yale-Forscher Dean Karlan hält diese Haftungsgemeinschaften für unnötig. In einer Feldstudie auf den Philippinen stellte er zusammen mit dem Weltbank-Ökonomen Xavier Giné fest: Bei einer Abkehr vom Gruppenmodell sinkt die Rückzahlungsrate nicht - aber die Nachfrage nach Mikrokrediten stieg. Die Haftungsgemeinschaft schreckt potenzielle Interessenten ab. "Durch Einzelmikrokredite kann die Reichweite der Kredite erhöht werden", schreibt Karlan.

Allerdings sind Mikrokredite bei weitem nicht die einzigen Finanzprodukte, die im Kampf gegen die Armut helfen. Ein einfaches Bankkonto - bislang für die Ärmsten der Armen oft eine Utopie - hilft oft mehr als so mancher Mikrokredit. Das stellte zum Beispiel eine Studie von Pascaline Dupas (Stanford University) und Jonathan Robinson (University of California, Santa Cruz) bei einer Untersuchung in Kenia fest.

Kredite sind nicht alles

Mehrere Hundert zufällig ausgewählte Händler bekamen von den Ökonomen die Möglichkeit, bei einer Dorfbank ein Konto zu eröffnen. Die Konditionen waren nicht sonderlich attraktiv: Die Bank verlangte eine Kontoführungsgebühr, zahlte aber keine Zinsen. Trotzdem machten zahlreiche Händler von dem Angebot Gebrauch.

Nach der Kontoeröffnung verteilten die Forscher an die Versuchsteilnehmer Tagebücher, in denen diese ihre Geschäftstätigkeit genau protokollieren sollten. Die Analyse der Daten zeigte: Vor allem weibliche Unternehmer profitierten deutlich - sie investierten 45 Prozent mehr Geld in ihre Geschäfte als Konkurrenten ohne Bankkonto. Das zahlte sich schnell aus: Unternehmerinnen mit Bankkonto konnten schon nach fünf Monaten mehr Geld für Konsumgüter ausgeben.

Dass die Effekte so deutlich waren, überraschte die Forscher. Denn wegen der Kontoführungsgebühren und der Null-Zinsen wurde auf dem Bankkonto ja Geld vernichtet. Doch im Vergleich zu den Alternativen, die Sparer in Entwicklungsländern haben, ist selbst ein Konto mit so unvorteilhaften Konditionen attraktiv. Die Forscher glauben, dass Frauen mit einem Bankkonto das Geld besser vor Verwandten und Ehemännern schützen können. "Es ist schwieriger, Forderungen aus dem Umfeld zu widerstehen, wenn das Geld zu Hause liegt", schreiben sie.

Don Johnston (Harvard Kennedy School) und Jonathan Morduch (New York University) kommen zu ähnlichen Ergebnissen.

In einer groß angelegten Haushaltsbefragung in Indonesien stellten die Ökonomen fest: Viele der Befragten wollen keine Schulden machen und schrecken daher vor Mikrokrediten zurück. Sparkonten sind gleichzeitig sehr gefragt - und werden, wenn vorhanden, rege genutzt. "Das Anbieten von einfachen Bankdienstleistungen verspricht große Wirkungen bei geringen Kosten", erklären die Forscher Pascaline Dupas und Jonathan Robinson. Das klingt dann schon fast wieder nach Wunderwaffe.

Quelle:  Handelsblatt Online
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