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"Ökonomie neu denken": Volkswirtschaftslehre scheitert im Praxistest

von Johannes Pennekamp Quelle: Handelsblatt Online

Die Ökonomie-Ausbildung ist zu theoretisch und speziell, bemängeln Kritiker. Auf der Konferenz „Ökonomie neu denken“ diskutierten Experten darüber, was sich in den Hörsälen verändern muss.  

Ein Hörsaal der Ruhr-Universität in Bochum. Quelle: dpa
Ein Hörsaal der Ruhr-Universität in Bochum. Quelle: dpa

FrankfurtWenn Justus Haucap in Düsseldorf vor seinen Erstsemester-Studenten steht, dann beschleicht ihn hin und wieder ein ungutes Gefühl. „Bei manchen Themen habe ich schon Bauchschmerzen, das muss ich zugeben“, sagte der Wettbewerbsforscher. Einige Inhalte, die auf dem Lehrplan stehen, seien sehr speziell und würden später fast nie mehr gebraucht. „Da müsste man schon entrümpeln“, so Haucap.

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Die Bauchschmerzen des Volkswirts sind nur ein Symptom einer Krankheit, unter der die Disziplin seit längerem leidet: Die ökonomische Ausbildung in den Hörsälen ist zu speziell und theoretisch – darüber waren sich die Wissenschaftler und Praktiker einig, die am Dienstag bei der vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und dem Handelsblatt veranstalteten Konferenz „Ökonomie neu denken“ in Frankfurt über die Zukunft von Lehre und Forschung an den Hochschulen diskutierten.

Anstatt ein Bewusstsein für das große Ganze zu schaffen, zwinge gerade die Ausbildung in den ersten Semestern die Studenten zu einem Tunnelblick. „Interessierte Studenten müssen sich diese Dinge selbst erschließen“, bemängelte Linda Kleemann, Nachwuchsforscherin am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Die Bologna-Reform mit der Umstellung auf das eher verschulte Bachelor- und Mastersystem habe diese Fehlentwicklung noch verschärft.

Wozu diese Praxisferne führt, machte Thomas Hueck, verantwortlicher Volkswirt beim Großunternehmen Robert Bosch, deutlich. VWL-Absolventen seien zwar in der Lage, mit komplexen, mathematischen Modellen zu hantieren, an dem gesunden Menschenverstand, die Instrumente im richtigen Zusammenhang anzuwenden, mangele es jedoch häufig. „Solche Fähigkeiten darf die Uni den Studenten nicht austreiben“, mahnte Hueck. Der Amerikaner Robert Johnson, der das Institute for New Economic Thinking leitet, drückte diesen Missstand so aus: „Es gibt sehr viele gute Wirtschaftsstudenten, die aber sehr wenig von der Wirtschaft wissen.“

Aber welche Auswege gibt es? Wie können Wirtschaftsstudenten fit für die Praxis gemacht werden? Wettbewerbsforscher Haucap setzt in seinen Vorlesungen in erster Linie auf möglichst viele realitätsnahe Beispiele: „Die Studenten interessieren sich sehr für die Anwendung und können sich die Dinge auf diese Weise auch besser merken“, ist Haucap sicher. Die Lehre von theoretischem Ballast zu befreien, sei dagegen nicht so leicht, wie es auf den ersten Blick scheine, warnten die Akademiker: Weil die Lehrpläne verschiedener Universitäten miteinander kompatibel sein müssten, um Studenten beispielsweise nach dem Bachelor den Wechsel der Hochschule zu ermöglichen, könne eine einzelne Uni nicht einfach aus ihrer Sicht unnötige Inhalte streichen.

Der Wirtschaftsethiker Andreas Suchanek (Handelshochschule Leipzig) und Marketingprofessor Thomás Bayón (German Graduate School of Management and Law) forderten, mehr darauf zu achten, Studenten für die gesellschaftlichen Folgen ihres Handelns zu sensibilisieren. „Ein Ökonom muss auch moralisch begründen können, was er tut“, sagte Suchanek. Die Krise habe zwar den Druck erhöht, ethische Themen im Hörsaal aufzugreifen, der große Durchbruch für sei für die Wirtschaftsethik jedoch ausgeblieben, bedauerte Bayón: „Ich bin mir sicher, das solche Themen fest in der Persönlichkeit verankert sein müssen und langfristig zu einer besseren Unternehmensführung beitragen“, sagte der Ökonom.

Um die Ausbildung der angehenden Wirtschaftswissenschaftler nachhaltig zu verbessern, waren sich die Experten einig, müsse sich der Stellenwert der Lehre an den Universitäten deutlich erhöhen. Während Publikationen in Fachzeitschriften Ruhm und Anerkennung versprechen, würden gute Lehrveranstaltungen kaum honoriert.

 

1 KommentarAlle Kommentare lesen
  • 24.01.2012, 19:23 UhrAnonymer Benutzer: Wegweiser

    Theorie und Praxis? Realitäten und Wirklichkeiten?

    Zunächst einmal muss jeder, der die Betriebswirtschaft verinnerlicht hat, auch die wichtigsten Analysenmethoden, Modelle und Theoreme der VWL beherrschen. Ein fundiertes Grundwissen ist also bei beiden Zweigen unabdingbar. Weiterhin muss man bei beiden auch ein gewisses Maß an juristischen Grundlagen zugrunde legen. Dann kommen Menschen, Kunden, Mitarbeiter, also auch sehr viel Pyschologie notwendig und nicht zuletzt sind geschichtliche Zusammenhänge und auch politische Geschichte zu beachten. Dies alles gehört unbedingt zusammen und bedingt auch einander. Und dies kommt bei der Ausbildung einfach zu kurz. Medienkompetenz, Grundlagen der Technik und Naturwissenschaft und auch gewisse soziale Fähigkeiten sollten später hinzukommen wie auch etwas Erfahrung. Dies alles zusammen bildet ein gewisses Fundament, um Entwicklungen, Problemstellungen und auch Lösungsansätze besser verstehen und deuten zu können.

    Dies alles zu integrieren, kostet viel Zeit, finanzielle Mittel, Mühe und auch viel gegenseitiges Verständnis. In unserer heutigen Leistungsgesellschaft ein schwieriges Unterfangen.

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