Presseschau: Rätsel Papandreou

Presseschau: Rätsel Papandreou

, aktualisiert 02. November 2011, 08:36 Uhr
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Warum, ausgerechnet, jetzt? Diese Frage treibt viele um in Europa. Papandreous Pläne für eine Volksbefragung sind riskant - auch politisch.

Quelle:Handelsblatt Online

Der Referendum-Plan von Griechenlands Ministerpräsident Papandreou schlägt weltweit hohe Wellen. Kommentatoren erwarten ein Ende von Merkels „Heldenverehrung“ und einen Umsturzversuch in der griechischen Regierung.

Köln„Das war der verzweifelte Versuch, die Regierung in den kommenden Monaten über Wasser zu halten, in denen die Bailout-Bedingungen geklärt werden. Aber das ist ganz schlimm fehlgeschlagen“, zitiert die britische Financial Times einen älteren Vertreter der sozialistischen Partei. Das Blatt vermutet, dass der griechische Finanzminister Evangelos Venizelos eine „Palastrevolte“ anzetteln könnte. Der stellvertretende Premierminister mache keinen Hehl aus seinen Ambitionen, den „Top-Job“ zu übernehmen. Zwar habe sich Venizelos inmitten der politischen Turbulenzen in eine Athener Privatklinik zurückgezogen, um sein Magenleiden behandeln zu lassen. Dies habe ihn jedoch nicht davon abgehalten, vom Krankenbett aus Telefonate mit dem deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble und Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann zu führen, um diese auf dem Laufenden zu halten. Zum ersten Mal habe Venizelos außerdem die Autorität Papandreous in Frage gestellt, indem er erklärt habe, der Premier hätte die anderen Regierungschefs der Eurozone mit Briefen über seine Referendums-Pläne informieren müssen.

Die Börsen-Zeitung fordert, dass die Abstimmung nicht erst 2012 stattfindet, da eine „Hängepartie“ allen schaden würde, besonders dem Euro selbst. Rückblickend hält das Blatt die Ruhe nach den jüngsten Gipfel-Beschlüssen für „trügerisch“. „Denn durch den Brüsseler Beschluss vor knapp einer Woche hat sich erst einmal an der Lage in Griechenland nichts geändert“. Die politischen Turbulenzen in Athen legten nun offen, wie fragil die Lage dort ohnehin gewesen sei.

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Für die Financial Times Deutschland ist Papandreous Ankündigung ein „reiner Wahnsinn“, der allerdings nicht ins Desaster führen müsse. Papandreous Schritt sei damit zu erklären, dass die Schuldenkrise Griechenlands längst zur Demokratiekrise gewuchert sei. Zwar werde die Unsicherheit in Europa bis zum Referendum noch größer ausfallen als bisher, doch am Ende könnte die Euro-Rettung auf „viel sichereren Beinen“ stehen, sollte Papandreou das Volk mit seinen Argumenten überzeugen.

Das Wall Street Journal sieht vier mögliche Ergebnisse des Referendums: Neben einem „Nein“ der Griechen – und anschließendem Austritt aus der Euro-Zone – und, alternativ, der Rückendeckung Papandreou bestehe Option drei darin, dass viele Griechen die Abstimmung boykottierten und so zur Farce machten. Dies wäre ebenfalls gleichbedeutend mit dem Rücktritt Papandreous und Neuwahlen. Option Nummer vier: Mehrere Mitglieder der regierenden Pasok-Partei laufen zur Opposition über und zerstören die knappe Mehrheit im Parlament. Auch dann wären Neuwahlen die Folge.

Der griechische Premier riskiere, den Dominoeffekt auszulösen, den die EU-Staats- und Regierungschefs mit ihren Krisenbeschlüssen der vergangenen Woche zu bannen hofften, warnt die Zeit. Jetzt drohten andere Schuldenstaaten wie Italien und Spanien erneut unter massiven Druck zu geraten. Vor diesem Hintergrund sei es möglich, dass es im Januar gar kein Hilfspaket mehr geben werde, über das die Griechen abstimmen könnten: „Griechenlands Geldgeber könnten in Versuchung geraten, das Land, das sich nicht helfen lassen will, fallen zu lassen, um sich auf die Rettung der Währungsunion zu konzentrieren.“

Die Welt fordert die EU-Regierungschefs auf, bis zum Referendum einen „Plan B“ auszuarbeiten. Am Tag der Abstimmung müsse Europa in der Lage sein, das Land vom Rest der Währungsunion zu isolieren. „Athen muss dann raus aus dem Euro – nicht, weil das die ökonomischste Lösung ist, sondern weil es dem Wähler in den Geberländer kaum zu vermitteln wäre, dass ein Land Reformen ablehnt und trotzdem EU-Hilfen will.“

Papandreous Vorschlag habe der „kleinen Euro-Gipfel-Euphorie mitsamt der angeschlossenen Heldenverehrung Angela Merkels und Nicolas Sarkozys“ die Grundlagen entzogen, kommentiert Cicero rückblickend. Vorausschauend warnt der frühere Kulturstaatsminister Michael Naumann in seinem Kommentar vor einem „politischen und ökonomischen Herzinfarkt“ der EU, der weiterhin eine koordinierte Außenpolitik fehle. Schlussfolgerung: Das vergessene Projekt eines Kern-Europas müsse wiederbelebt werden.


Lloyds-Chef will aus gesundheitlichen Gründen zurücktreten


Antonio Horta-Osorio, erst seit Anfang des Jahres Chef der britischen Großbank Lloyds, will laut der britischen Financial Times aus gesundheitlichen Gründen zurücktreten. Das Blatt beruft sich auf nicht genannte Führungskräfte der Bank. Die Ärzte hätten dem früheren hochrangigen Santander-Manager dies nahegelegt, um Stress-Symptome zu lindern. Die Entscheidung werde beim heutigen Treffen des Board bekanntgegeben.

Wie lange Horta-Osorio pausieren werde, sei noch unklar – mindestens sechs Monate, habe die Quelle der FT erklärt, während eine andere Person in Aussicht gestellt habe, dass der Banken-Chef schon Ende des Jahres wieder am Schreibtisch sitzen werde. Nach Einschätzung der Financial Times ist das Chaos in der Führungsetage jetzt insofern perfekt, als auch Finanzenchef Tim Tookey im Sommer seinen Hut genommen habe.

Die russische Zeitung Vedomosti sieht den Londoner Gerichtsprozess des Ex-Oligarchen Boris Beresowski gegen seinen ehemaligen Ziehsohn Roman Abramowitsch als historisch an. Zwar hänge in Russland nicht viel von seinem Ausgang ab, immerhin kämen die dunklen Strukturen der russischen Geschäftswelt ans Licht und würden für die Geschichtsbücher festgehalten. In den 90-er Jahren seien die Milliardenvermögen nicht legal, sondern nach den informellen Regeln und Absprachen zwischen Politikern und Banditen angehäuft worden. Noch nie sei dies dokumentarisch festgehalten worden. Genau diese „Unternehmensethik“, die nun der ganzen Welt vor Augen geführt werde, sei der Grund für den fehlenden Respekt der Russen für die einheimischen Großuntenehmer. „Bei dem Wort Privatisierung denkt die Mehrheit noch immer an Betrug und Diebstahl“, erklärt das Blatt.

Die Business Times aus Singapur hinterfragt den am Wochenende vom Qantas-Vorstandsvorsitzenden Alan Joyce verfügten zweitägigen Flugstopp – der Höhepunkt der Tarifauseinandersetzungen werde für die australische Airline beachtliche Folgen haben. Die Maschinen seien zwar inzwischen wieder in der Luft, doch es zeichne sich ab, dass die Aktion dem Unternehmen geschadet habe. Neben den Millionen-Verlusten durch die 48-stündige Flugsperre leide das Image der Fluggesellschaft.

Der Vorfall habe außerdem der australischen Tourismusindustrie einen Schlag versetzt. Und mit seiner drastischen Maßnahme stehe der Qantas-CEO nun selbst in der Kritik, da er eine nationale Transport-Krise hervorgerufen und den Flugstopp zeitlich ungünstig angesetzt habe – einen Tag, nachdem die Aktionärsversammlung einer kräftigen Gehaltserhöhung für Joyce zugestimmt habe. Da wichtige politische Entscheidungsträger auf Flughäfen festsaßen, drohe Joyce am Ende ein „Kollateralschaden“.

Fundstück: Bernsteinzimmer im Hypo-Keller Der Zahlenpfusch bei der Hypo Real Estate ruft die Satiriker auf den Plan. So titelt das Magazin „Der Postillon“: „Legendäres Bernsteinzimmer in Keller von Hypo Real Estate aufgetaucht“. Das seit dem Zweiten Weltkrieg als verschollen geglaubte Bernsteinzimmer sei in der Bilanz zwar auf der Haben-Seite korrekt gebucht worden, fälschlicherweise jedoch auch auf der Soll-Seite. Auch „Titanic“ lässt sich die Steilvorlage nicht entgehen, und zwar mit Blick auf die Geburt des Menschen Nummer sieben Milliarden: „Bilanzfehler bei Weltbevölkerung: UNO entdeckt 55,5 Milliarden vergessene Menschen!“ Das Handelsblatt Online sammelt weitere Satire-Abwandlungen.

Zusammengestellt von ecolot.de

Quelle:  Handelsblatt Online
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