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Russland: Modernisierung mit deutscher Hilfe

von Florian Willershausen Quelle: Handelsblatt Online

Im Tross der Kanzlerin besiegelt die deutsche Wirtschaft in Russland Milliardenaufträge. Der Kreml lockt Investoren - und kritisiert Marktbarrieren. Deutschland legt sich ins Zeug, um die Stellung als Russlands wichtigster Handelspartner nicht zu gefährden.

Auch Siemens-Chef Peter Löscher (links) reiste mit Merkel nach Russland. Er schloss dort einen Vertrag mit den Russischen Eisenbahnen (RZD) ab und trat mit RZD-Chef Wladimir Jakunin auf. Quelle: dpa
Auch Siemens-Chef Peter Löscher (links) reiste mit Merkel nach Russland. Er schloss dort einen Vertrag mit den Russischen Eisenbahnen (RZD) ab und trat mit RZD-Chef Wladimir Jakunin auf. Quelle: dpa

JEKATERINBURG. Das halbe Kabinett, mehr als 300 Delegierte in drei Regierungsmaschinen und ein paar Privatfliegern: Kanzlerin Angela Merkel und ihr Tross waren nicht zu übersehen, als sie gestern in Blaulichtkolonnen durch das russische Jekaterinburg eskortiert wurden.

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Mit ihrem demonstrativen Auftritt am Ural trat die deutsche Regierungschefin Kritik entgegen, sie vernachlässige die Russlandpolitik. Hatte es doch zuvor Warnungen gegeben, Deutschland drohe seine angestammte Rolle als wichtigster Handelspartner des Wachstumslandes im Osten allmählich an China, die USA oder Frankreich zu verlieren.

Missverhältnis im Handel

Der Aufmarsch bei den zwölften deutsch-russischen Konsultationen hat sich gelohnt: Die mitgereisten deutschen Firmenchefs, darunter Peter Löscher (Siemens), Thomas Enders (Airbus), Eckhard Cordes (Metro) und Martin Blessing (Commerzbank), signierten Milliardenverträge.

"Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind so intensiv wie seit langem nicht mehr", sagte die Kanzlerin. Mit Russlands Präsident Dmitrij Medwedjew sprach sie über Sicherheitspolitik, Visafreiheit und - genau ein Jahr nach der weiter unaufgeklärten Ermordung der Aktivistin Natalja Estemirowa - auch über Menschenrechtsfragen.

Der Kreml-Chef wies den Deutschen eine privilegierte Rolle bei der Modernisierung der Wirtschaft zu: Die Bundesrepublik sei ein Schlüsselland für Russland, erklärte Medwedjew, deutsche Investitionen seien nach wie vor hoch willkommen. Gleichzeitig beklagte er aber ein Missverhältnis in den Handelsbeziehungen beider Länder: "Wir würden gern aktiver am deutschen Markt vertreten sein."

Dass die Chemie zwischen Merkel und Medwedjew stimmt, demonstrierten Kreml und Kanzleramt nicht zuletzt mit der öffentlichkeitswirksam zelebrierten Unterzeichnung diverser Verträge. Großer Gewinner ist dabei vor allem Siemens. So wird der Münchener Elektrokonzern im Auftrag der russischen Staatsbahn RZD 240 Regionalzüge im Wert von 2,2 Mrd. Euro bauen. Außerdem soll Siemens Rangierbahnhöfe modernisieren und Windturbinen installieren.

Siemens ist der große Gewinner

Auch von Projekten der russisch-deutschen Energieagentur (Rudea) dürfte der Konzern profitieren. Dabei geht es um die Modernisierung von Werken, den Bau einer großen energieeffizienten Wohnsiedlung und die Modernisierung von Straßenbeleuchtung und Mobilfunknetzen. Stephan Kohler, Chef der Deutschen Energie-Agentur (Dena) bezifferte den Gesamtwert der Projekte auf knapp eine Mrd. Euro.

Mit den in Jekaterinburg unterzeichneten Großaufträgen habe das Russlandgeschäft seines Konzerns eine "völlig neue Qualität", betonte Löscher. Dass sich Siemens verstärkt in Asien engagiere, bedeute eben nicht, dass man Russland vernachlässige, hatte Löscher schon vor der Abreise gesagt. Im Merkel-Tross kann er nun zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, denn von Jekaterinburg reiste die Kanzlerin samt Delegation direkt nach China weiter.

Dass die Regierungschefin beide Wachstumsmärkte in einem Aufwasch besucht, passt aber nicht allen Mitreisenden. "Intern wird bei vielen Unternehmen diskutiert, ob sie verstärkt in Russland oder China investieren", sagte einer der Top-Manager. Letztlich wird sich am Volumen der Aufträge ablesen lassen, weshalb die Wirtschaftsvertreter wirklich mitgefahren sind - wegen Russland oder wegen China.

Verträge in Milliardenhöhe

Siemens Die Münchener haben von den Russischen Eisenbahnen (RZD) einen Auftrag für die Lieferung und den Betrieb von 240 Regionalzügen im Wert von 2,2 Mrd. Euro erhalten. Zudem unterzeichnete der Konzern eine Absichtserklärung zur Modernisierung mehrerer Bahnhöfe im Wert von 600 Mio. Euro. Mit den russischen Windenergiefirmen Rostechnologii und RusHydro hat Siemens ein Partnerschaftsabkommen im Volumen von einer Mrd. Euro besiegelt.

KfW Die staatliche Förderbank und die russische Vnesheconombank haben vereinbart, mit 100 Mio. Euro den Aufbau mittelständischer Unternehmen in Russland zu fördern.

Airbus Der Flugzeughersteller plant, elf A330-Maschinen für 2,2 Mrd. Euro an Russland zu liefern.

Gazprombank Die Tochter des russischen Gaskonzerns Gazprom übernimmt 30 Prozent der Gesellschaftsanteile an der deutsch-russischen Energieagentur Rudea. Die Bank, die Anteile an rund 500 russischen Unternehmen hält, will dabei verstärkt Projekte für mehr Energieeffizienz finanzieren - etwa ein landesweites Programm zur Modernisierung der Straßenbeleuchtung in Russland, von dem auch deutsche Firmen profitieren könnten.

Zudem soll ein "Kompetenzzentrum für energieeffizientes Bauen" entstehen. Dieses soll beim Bau eines neuen Stadtteils - wahrscheinlich in Jekaterinburg - für rund 120 000 Menschen beraten. Projektpartner sind die Rudea, der russische Baukonzern Renova, aber auch deutsche Firmen wie Siemens, BASF und Vissmann.

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