
DÜSSELDORF. Die sogenannten Bric-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China erbringen einen erheblichen Teil der globalen Wirtschaftskraft, von ihnen soll der Aufschwung ausgehen - und sie sollen bei der Neuordnung der Finanzordnung ein Wort mitreden. Das ist das Ziel der russischen Regierung, die ab heute in Jekaterinburg den ersten politischen Gipfel der Schwergewichte abhält. Mit dieser Lagerbildung will Moskau den USA und dem Dollar Paroli bieten. Die Begeisterung der Partner ist gering: China, Indien und Brasilien wollen die Kooperation auf eine stärkere wirtschaftliche Zusammenarbeit beschränken.
Um Ernst genommen zu werden brauche Russland Partner - und da seien die aufsteigenden Bric-Mächte die besten Kandidaten, sagt Hans-Henning Schröder von der Stiftung für Wissenschaft und Politik (SWP). Den Führungsanspruch unterstrich Russland gestern beim Gipfel der Schanghai-Gruppe, zu der neben China und einigen zentralasiatischen Staaten auch Iran gehört. Wirtschaftspolitisch spielen die Bric-Staaten eine weit größere Rolle. Schon schlägt Russlands Präsident Dmitrij Medwejew regionale Reservewährungen und eine supranationale Leitwährung vor. Zwar nimmt das nicht einmal sein Finanzminister Alexej Kudrin ernst, doch wollen die vier Staatschefs ihre Positionen für den G8-Gipfel im nächsten Monat und den G20-Gipfel im September abstimmen. Brasilien, China und Russland hatten angekündigt, IWF-Anleihen für 70 Mrd. Dollar zu kaufen. Indien könnte folgen.
Angesichts der globalen Machtverschiebungen wäre es ein Fehler, die Bric-Staaten und die Schanghai-Gruppe zu unterschätzen, warnt Alexander Rahr von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik: "Eines Tages wird der Westen aufwachen und feststellen, dass er eine historische Weichenstellung verschlafen hat." Dennoch sind die Bric-Länder weit von einen Bündnis entfernt, viel zu unterschiedlich sind Ausgangslage und Interessen. Das Leitmotiv für ihre Zusammenarbeit finde sich weniger in der Frontstellung gegenüber den USA als in ihrem Interesse an China, sagt Vanessa Rossi von der Londoner Denkfabrik Chatham House. Tatsächlich sind die Beziehungen zwischen Russland, Brasilien und Indien gering - alle drei Länder bestreiten aber einen großen Teil ihres Außenhandels mit China. Peking und Moskau experimentieren damit, den Energiehandel in Rubel abzuwickeln. Auch Brasilien und China wollen den Handel auf nationale Währungen umstellen.
Für China stünden die Reformierung des Weltfinanzsektors sowie Fragen der Lebensmittelsicherheit im Vordergrund, sagte Vize-Außenminister He Yafei . "Es ist ein klares Signal, dass die führenden Schwellenländer zu dem Zeitpunkt ihre Positionen koordinieren als die Welt daran geht, ihr globales Handels- und Kontrollsystem zu überdenken", sagt Zhou Dunren von der Fudan Universität in Schanghai. Mit Äußerungen zur Vormacht der USA hält sich Chinas Führung zurück. Zwar hat auch Peking mehr Mitsprache und seine Sorge über einen Dollarabsturz geäußert, doch seit dem Besuch von US-Finanzminister Timothy Geithner scheinen die G2 (USA und China) ihre Positionen abzustimmen. "Es ist überhaupt nicht im Interesse Chinas, US-Dollars zu verkaufen", betont Zhou.
Auch Indien will verhindern, dass der Gipfel zum Forum für US-Kritik wird, sagte Staatssekretär Shiv Shankar Menon. Aber eine engere Zusammenarbeit berge gewaltige Chancen. Indiens Industrie, obwohl in Sorge über die Konkurrenz der Chinesen, unterstützt diesen Kurs. "Wir müssen den Handel mit China und die Investitionen ausbauen", sagte der Generalsekretär des Industrieverbands CII, Chandrajit Banerjee.
Brasilien hält sich bedeckt. Außenminister Celso Amorim spricht vage von einer "vorgesehenen Koordinierung angesichts der Krise und darüber hinaus". Auch zur Entdollarisierung des Handels äußert er sich ausweichend: "Die Abhängigkeit vom Dollar zu reduzieren ist sinnvoll, aber um das zu erreichen, gibt es mehrere Möglichkeiten." Klarer äußert sich José Botagogo Gonçalves, Präsident des Instituts für internationale Beziehungen: "Brasiliens Interesse ist, über die Agrarpolitik und die Ernährungssicherheit zu diskutieren - nicht eine Ent-Dollarisierung."
Bric - Emerging Markets auf dem Weg aus der Krise
Brasilien
Ein solides Bankensystem, hohe Devisenreserven, ein intakter Binnenmarkt sowie der große finanz- und fiskalpolitische Spielraum von Regierung und Zentralbank haben Brasilien vor einer tiefen Krise bewahrt. Nach einer nur leichten Rezession hat das Land das Gröbste bereits hinter sich, alle Sektoren wachsen wieder. Dazu trug auch bei, dass die Regierung die bereits vor der Krise laufenden Infrastrukturprogramme kräftig aufgestockt hat.
Russland
Als Rohstoffmacht leidet Russland doppelt unter der Krise: Die Regierung in Moskau muss nicht nur auf die gewohnten hohen Einkünfte aus dem Öl- und Gasexport verzichten, sondern gleichzeitig die rapide schrumpfende Industrieproduktion auffangen. Um soziale Unruhen zu verhindern, greift der Kreml tief in die Reserven. Für das laufende Jahr wird mit einer tiefen Rezession gerechnet, eine grundlegende Besserung ist derzeit noch nicht absehbar.
Indien
Nachdem das Wachstum erheblich zurückgegangen war, sieht die Regierung das Land inzwischen auf Erholungskurs. Grund für die Trendwende ist die starke Inlandsnachfrage gepaart mit einer relativ geringen Exportabhängigkeit von nur knapp über 20 Prozent. Ein ehrgeiziges Programm zum Ausbau der Infrastruktur und neue Wohlfahrtsprogramme für das ärmste Drittel der Bevölkerung sollen der Wirtschaft zusätzlichen Schwung verleihen.
China
bekommt die Krise vor allem mit Einbrüchen beim Export zu spüren. Dennoch wird die viertgrößte Wirtschaftsnation als die große Hoffnung der Welt gesehen, denn das Land könnte sich zuerst von den Rückschlägen erholen. Doch schon warnen Experten, dass die Erholung nicht von Dauer sein wird. China steht zudem vor der Herausforderung, die Wirtschaft qualitativ umzubauen - weg von der Massenproduktion im Export, hin zu Service und High Tech.












