
DüsseldorfAngekettete Menschen, Massenproteste, Wasserwerfer: Im Stuttgarter Schlossgarten konnte man 2011 monatelang beobachten, wie Menschen reagieren, wenn sie sich übergangen fühlen. Aus friedlichen Schwaben machte das Gefühl, die Politik habe über ihren Kopf hinweg entschieden, aggressive Wutbürger. Erst nach einer Volksabstimmung, bei der die Bahnhofsgegner den Kürzeren zogen, beruhigte sich die Lage in der Landeshauptstadt wieder.
Die wilden Proteste gegen Stuttgart 21 und ihr rasches Abflauen nach der Volksbefragung - für Ökonomen, die untersuchen, was Menschen glücklich macht, ist all dass nicht überraschend. In einer Reihe von Studien haben sie festgestellt: Menschen sind zufriedener, wenn sie nicht vor vollendete Tatsachen gestellt werden, sondern mitentscheiden dürfen und zwischen Alternativen auswählen können.
Eindrucksvoll vor Augen führt das eine aufwendige Feldstudie in dem asiatischen Inselstaat Indonesien. In 640 Dörfern testete ein Forscherteam aus Weltbank-Ökonomen und Wissenschaftlern amerikanischer Elite-Universitäten verschiedene Verteilmechanismen für Sozialhilfe.
In manchen Dörfern legten die Forscher selbst fest, wer Sozialtransfers bekam - sie orientierten sich an den offiziellen Einkommensstatistiken und zahlten die Hilfe an Menschen, die laut der Daten am bedürftigsten waren. In über 200 zufällig ausgewählten Dörfern dagegen versammelten sich die Bürger und stimmten gemeinsam darüber ab, an wen das Geld gezahlt wird.
Die Forscher stellten fest: "Die Menschen sind viel zufriedener mit dem Ergebnis, wenn sie selbst entscheiden dürfen." Bei der bürgernahen Methode war die Akzeptanz des Sozialprogramms deutlich größer; und es gab später 60 Prozent weniger Beschwerden.
Das hat große Auswirkungen auf das Zusammenleben
Damit, dass die Betroffenen vor Ort selbst besser wissen, wer das Geld am nötigsten hat, lässt sich dieses Ergebnis nicht erklären: Selbst in Dörfern, in denen die Bürger das Geld fast genauso verteilten, wie es die Forscher getan hätten, waren die Menschen mit dem Hilfsprogramm später deutlich zufriedener.
"Das ist ein Hinweis darauf, dass nicht die Aufteilung für das ansteigende Glücksniveau verantwortlich ist", sagt Rema Hanna, Forscherin an der Harvard Kennedy School. "Offenbar zählt die Tatsache, dass die Menschen das Recht hatten, mitzuentscheiden."
All das hat Folgen für das Zusammenleben. Denn Mitbestimmung macht nicht nur zufriedener, Menschen verhalten sich auch kooperativer, wenn sie in Entscheidungen eingebunden sind, belegen Experimente im Labor.
Ein Forscherteam um den Experimentalökonomen Matthias Sutter (Universität Innsbruck) ließ Probanden in einem strategischen Spiel entscheiden, wie viel Geld sie für Dinge zu zahlen bereit sind, die auch anderen zugutekommen - sogenannte öffentliche Güter. Manche Teilnehmer konnten selbst entscheiden, welche Regeln dabei gelten. Im Vergleich zu Probanden, denen die Regeln vorgesetzt wurden, waren sie bereit, deutlich mehr Geld herzugeben. Forscher Sutter spricht von einem "Mitbestimmungsbonus".
Schweizer Ökonomen sind sogar überzeugt, dass Beteiligungsrechte ein ganzes Volk glücklicher machen können: Die Spitzenplatzierungen der Schweiz, die in Glücksrankings vor Deutschland und den USA liegt, führen Bruno Frey (Universität Zürich), und Alois Stutzer (Universität Basel) auch auf die politischen Strukturen zurück: "Je stärker die Gemeindeautonomie ausgeprägt ist, desto zufriedener sind die Einwohner", stellen sie fest.
Aber handelt es sich dabei wirklich um einen kausalen Zusammenhang? Frey und Stutzer vergleichen dafür die Lebenszufriedenheit von Schweizer Staatsbürgern und Ausländern, die in der Schweiz leben. Letztere dürfen nicht an den Volksabstimmungen mitmachen, sind aber von den Ergebnissen genauso betroffen.
Wähler wollen ernst genommen werden
Die Lebenszufriedenheit, die die stimmberechtigten Schweizer aus dem politischen Prozess ziehen, ist dreimal so groß wie die der zugewanderten Bürger, stellen die Forscher fest. Verantwortlich dafür sei das Gefühl der Wähler, ernst genommen zu werden und an einem fairen politischen Prozess teilzuhaben, vermuten sie.
Diese Erkenntnisse sind ein wichtiges Puzzlestück bei der Suche danach, wie politische Strukturen das Glück der Menschen beeinflussen. Sie legen nahe, dass politische Rechte mehr wert sein können als viel Geld. Darauf deuten auch die Ergebnisse eines Forscherteams um den Politologen Ronald Inglehart (University of Michigan) hin.
Die Wissenschaftler untersuchten mit einem riesigen internationalen Datensatz das Zusammenspiel der Glücksfaktoren Einkommen und Entscheidungsfreiheit. Sie stellten fest: Die Bürger eines Landes werden immer dann glücklicher, wenn ihre Entfaltungsmöglichkeiten steigen - und dass das Einkommen dabei meist nur ein Faktor unter vielen ist.
Während finanzielle Verbesserungen in armen Ländern eine große Rolle spielten, erweist sich in wohlhabenden Ländern eine funktionierende Demokratie und gesellschaftliche Toleranz als wichtiger. Für reichere Länder beinhaltet die Studie eine gute und eine schlechte Nachricht: Ab einem bestimmten Sättigungspunkt steigert Geld das Glück kaum noch merklich - doch die richtigen politischen Entscheidungen können das Zufriedenheitsniveau trotzdem anheben.
Davon geht auch der Schweizer Forscher Alois Stutzer aus: Den Deutschen und anderen Westeuropäern rät der Ökonom deshalb, die direkte Demokratie zu stärken: "Wenn die Menschen besser in die politische Gestaltung ihrer Umgebung eingebunden werden, kann das ihr Glück steigern."














