Studie zur Krise: Wenn Bankenrettung zum Zwang wird

Studie zur Krise: Wenn Bankenrettung zum Zwang wird

, aktualisiert 07. November 2011, 12:17 Uhr
Bild vergrößern

Teilnehmer einer Demo gegen die Macht der Banken halten in Berlin vor dem Reichstag ein Transparent mit der Aufschrift "Too big to fail!".

von Olaf StorbeckQuelle:Handelsblatt Online

Der ewige Fluch des "Too big to fail": Wissenschaftler warnen, dass die Politik Großbanken überhaupt nicht pleitegehen lassen kann - weil die Folgeschäden für den Rest der Wirtschaft einfach zu groß wären.

LondonMoody's machte im Oktober den Anfang, Fitch folgte nur fünf Tage später. Beide Ratingagenturen senkten den Daumen für britische Banken. Die Herabstufung begründeten sie nahezu identisch: Mit den Geschäftszahlen der Geldinstitute habe der Schritt nichts zu tun, entscheidend seien ausschließlich politische Faktoren. Die britische Regierung sei in der nächsten Krise nicht mehr ohne weiteres bereit, strauchelnde Geldinstitute aufzufangen. "Der politische Wille, die impliziten staatlichen Garantien für Banken zurückzufahren, nimmt zu", hieß es bei Fitch.

Aber wäre die Behauptung einer Regierung, Problembanken im Fall der Fälle wirklich pleitegehen zu lassen, überhaupt glaubwürdig? Ein amerikanisch-asiatisches Forschertrio stellt das in einer neuen Studie nachhaltig in Frage.

Anzeige

Die Ökonomen kommen in ihrer Ende Oktober veröffentlichten Arbeit zu dem Schluss: Wenn es zum Schwur kommt, sind alle Beteuerungen hart zu bleiben, schnell vergessen - weil die Folgeschäden für den Rest der Wirtschaft zu groß wären. Volkswirte nennen dieses Phänomen "too big to fail".

Das Forscherteam um Todd Gormley von der Wharton School der University of Pennsylvania konzentriert sich in ihrer Fallstudie auf Korea während der Asienkrise. Die Ökonomen kommen zu dem Schluss: Obwohl die Regierung in Seoul zu Beginn der Krise Rettungsaktionen für einzelne Unternehmen kategorisch ausgeschlossen hatte, blieb ihr später keine andere Wahl. Den Akteuren auf dem Finanzmarkt war dieses Dilemma von Anfang an klar, und sie nutzten es gnadenlos aus. "Die Versprechen von Regierungen, systemwichtige Firmen nicht zu retten, sind nicht glaubwürdig", lautet das Fazit der Studie. Das Ergebnis ist ein Beispiel für das grundlegende Problem der "zeitlichen Inkonsistenz". Regierungen sind oft nicht in der Lage, unwiderrufliche Entscheidungen zu fällen. Unter anderem für diese Erkenntnis haben Finn Kydland und Ed Prescott 2004 den Ökonomie-Nobelpreis erhalten.
Derzeit sind 29 Geldinstitute so groß, dass sie das Weltfinanzsystem ins Wanken bringen können. Das Financial Stability Board hat am vergangenen Freitag in Cannes die mit Spannung erwartete Liste dieser Banken veröffentlicht. Unter anderem gehören die Deutsche Bank und die Commerzbank dazu.


Welle von Fusionen und Übernahmen

Die unausgesprochenen Staatsgarantien für diese Banken sind viel Geld wert. Sie können sich günstiger refinanzieren, weil die Finanzmärkte die Regierungshilfen einkalkulieren. Das kommt einer Subvention gleich. Diese liegt in den USA pro Großbank und Jahr im Durchschnitt bei 4,7 Milliarden Dollar, schätzen Ökonomen der University of California, Los Angeles.
Der implizite Rettungsschirm für Großbanken war offenbar ein zentraler Grund für eine Welle von Fusionen und Übernahmen. Die US-Ökonomen Elijah Brewer und Julapa Jagtiani stellten fest: Wenn Geldinstitute durch eine Übernahme die "too big to fail"-Schwelle überschreiten, zahlen sie höhere Aufschläge für den Konkurrenten.
Das Forschertrio um Todd Gormley zeigt, dass "too big to fail" nicht nur bei Banken, sondern auch in anderen Branchen existiert. In Korea gerieten in der Asienkrise zunächst die Banken und später auch die weit verzweigten Industriekonglomerate in Schieflage - die sogenannten "Jaebeols" wie Hyundai, Samsung und Daewoo. Die Regierung in Seoul hatte beim Ausbruch der Krise ausgeschlossen, einzelnen Unternehmen aus der Patsche zu helfen. Dies wurde Ende 1997 in einer Vereinbarung mit dem Internationalen Währungsfonds schriftlich festgehalten. Als einige Jahre später Daewoo und Hyundai in Schieflage gerieten, sprang der Staat dennoch in die Bresche.

Den Wissenschaftlern gelingt der Nachweis, dass viele Koreaner genau darauf spekuliert haben und ganz bewusst "Jaebeol"-Anleihen gekauft haben, um in den Genuss der Staatsgarantien für diese Konzerne zu kommen. Gemessen an fundamentalen Faktoren wie der Profitabilität standen diese Unternehmen schon vor der Krise schlechter da als andere.

Vor allem Banken, für die "too big to fail" gilt, sind aus volkswirtschaftlicher Perspektive ein Sicherheitsrisiko. Geldinstitute, die wissen, dass sie für ihre Verluste im Zweifel nicht selbst geradestehen müssen, gehen riskantere Geschäfte ein - und machen Krisen wahrscheinlicher, zeigt ein Forscherteam der Londoner Ökonomie-Denkfabrik NIESR: Großbanken haben vor der Krise besonders viele fragwürdige Kredite angehäuft, die später häufiger platzten.

Politische Absichtserklärungen, "too big to fail" zu ignorieren, sind nicht viel wert, zeigt das Beispiel Koreas. Die Studie stützt damit die Position von Ökonomen wie Martin Hellwig, die fordern, der Staat solle Großbanken an eine kürzere Leine legen. Konkret sprechen sie sich für drastisch höhere Eigenkapitalauflagen aus. Einige Volkswirte wie Nouriel Roubini sind noch radikaler. Sie fordern ihre Zerschlagung.

Quelle:  Handelsblatt Online
Anzeige
Deutsche Unternehmerbörse - www.dub.de
DAS PORTAL FÜR FIRMENVERKÄUFE
– Provisionsfrei, unabhängig, neutral –
Angebote Gesuche




.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%