Amerika steuert auf die schwerste Wirtschaftskrise seit der großen Depression zu. Wer das für Schwarzmalerei hält, sollte einmal genauer nach Detroit schauen. Dort verbrennt der einst weltweit dominierende Autokonzern General Motors (GM), der mit Opel eine bedeutende deutsche Tochter hat, im Augenblick 40 Millionen Dollar pro Tag. Die Höfe seiner Händler laufen über vor unverkauften Autos, und die Kostensenkungsprogramme kommen den einbrechenden Umsätzen längst nicht mehr hinterher. Seit 2005 hat GM 68 Milliarden Dollar verloren - eine Wertvernichtung, die dem jährlichen Bruttosozialprodukt Kroatiens entspricht.
Die US-Autokonzerne leiden dabei nicht nur unter dem hohen Ölpreis und ihrer verfehlten Modellpolitik. Sie ächzen auch unter Soziallasten. Amerika braucht neben sparsameren Autos mindestens ebenso dringend eine Reparatur der Sozialsysteme, damit seine Konzerne wieder atmen können. Die einstigen Juwelen der klassischen US-Industrie übernahmen großzügig Krankenversicherungen und Betriebsrenten, als ihr Personal noch jung und ihr Heimatmarkt vor dem globalen Wettbewerb geschützt war. Heute kommen auf einen aktiven GM-Arbeiter mehr als drei Rentner, und allein Japans Autokonzerne halten in den USA 40 Prozent Marktanteil. Detroit fehlt jede Luft zum Atmen, weil zu viele Sozialleistungen bis heute direkt an den Unternehmen hängen.
Der amerikanische Staat hat sich lange zurückgehalten mit Sozialleistungen, jetzt fallen ihm die Probleme vor die Füße. Nach dem neuerlichen Quartalsverlust von 15,5 Milliarden Dollar rechnen die Kreditmärkte mehrheitlich mit einem GM-Konkurs in den nächsten Jahren. Als Beispiel könnte die US-Flugindustrie dienen, die ihre Verpflichtungen gegenüber Mitarbeitern vor Jahren in zahlreichen Gläubigerschutzverfahren über Bord warf. Die Autogiganten samt ihrer todkranken Zulieferer haben größere Belegschaften als die Airlines. Die US-Regierung kann sie kaum im Stich lassen, nachdem bereits die Finanzbranche des Landes mit Milliardenbeträgen aus dem Staatssäckel gestützt wurde. Verschärft wird die Misere durch gravierende Managementfehler bei GM, Ford und Chrysler. Der jüngste Offenbarungseid: Kleinere und
sparsamere Autos, die Ford Europe und Opel seit vielen Jahren produzieren, sollen jetzt auch auf den US-Markt geworfen werden. Good morning, America! Dass sich GM-Konzernchef Rick Wagoner trotz horrender Verluste seit acht Jahren im Amt hält, ist nur mit der Ratlosigkeit im Board und bei den Aktionären zu erklären.
Die jüngsten katastrophalen Ergebnisse der US-Autoindustrie sind zudem eine Warnung, dass die Schuldenkrise, die ihren Ausgang bei den Banken nahm, auch bei den Konsumenten eine verheerende Wirkung entfaltet. Sie kaufen keine spritfressenden Geländewagen mehr, weil die Benzinrechnung zu teuer und eine Finanzierung unerschwinglich geworden ist. Millionen von Amerikanern verlieren ihr Eigenheim, weil sie ihr Leben auf Pump überstrapaziert haben. Selbst bei kleineren Ausgaben streikt der Verbraucher, ablesbar an den Massenschließungen der Kaffeehauskette Starbucks. Das zeigt: Die Krise greift immer weiter um sich. Sie wird lang, schmerzlich - und für die Autobauer mit Sicherheit zur Depression.








