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Verein für Socialpolitik: Fachkollegen entzaubern Sarrazin

von Olaf Storbeck Quelle: Handelsblatt Online

Anwesend war er nicht, präsent hingegen schon: Ex-Bundesbanker Thilo Sarrazin hat mit seinem umstrittenen Buch der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik Ende letzter Woche in Kiel eine ungeahnte Aktualität verliehen. Deutschlands Volkswirte diskutierten über die Ökonomie der Familie - und entkräfteten die Thesen des Ex-Bankers.

Gut gemeinte Politik kann unerwünschte Nebenwirkungen haben – dafür gibt es auch bei der klassischen Familienpolitik zahlreiche Beispiele. Quelle: Klaus Meinhardt
Gut gemeinte Politik kann unerwünschte Nebenwirkungen haben – dafür gibt es auch bei der klassischen Familienpolitik zahlreiche Beispiele. Quelle: Klaus Meinhardt

KIEL. Auf der wichtigsten Volkswirte-Konferenz im deutschsprachigen Raum diskutierten die Wissenschaftler über ähnliche Themen, wie sie Sarrazin bewegen - zum Beispiel über die niedrigen Geburtenraten in Deutschland und die Bildungsprobleme von Zuwanderern. "Im Grunde müssen wir Thilo Sarrazin dankbar sein", sagte der Mannheimer Ökonom Axel Börsch-Supan, der das Programm organisiert hatte. "Er hat familienökonomische Themen in den Vordergrund gebracht."

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An diesen Punkt allerdings enden die Sympathien für Sarrazin. Denn seine Argumente und Schlussfolgerungen, so zeigte sich in vielen Vorträgen, sind plump und falsch. "Seine Aussagen zur Vererbbarkeit von Intelligenz hinken mindestens eine Generation hinter dem Stand der Forschung hinterher", sagte Börsch-Supan. Heute wisse man: Das Erbgut habe zwar Einfluss auf die Intelligenz - viel wichtiger aber seien sozioökonomische Faktoren. Diese entschieden darüber, welche der genetischen Informationen sich ausprägen.

Genauso argumentierte die New Yorker Professorin Janet Currie, die sich intensiv mit der Kluft zwischen Schwarzen und Weißen in den Vereinigten Staaten beschäftigt hat. "Wenn es dauerhafte Unterschiede zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen gibt, bedeutet das noch lange nicht, dass diese genetische Ursachen haben", betonte die Professorin für Gesundheitsökonomie an der Columbia University.

Ein einfaches Beispiel sei die Körpergröße eines Menschen. Zwar gebe es in Familien einen klaren Zusammenhang zwischen der Größe der Eltern und der Kinder. Doch die unmittelbaren Erbanlagen spielten dabei aber nur eine geringe Rolle. Currie: "Nur rund fünf Prozent der Körpergröße lässt sich mit dem direkten Blick in das Erbgut erklären." Der Rest hänge von Umgebungsfaktoren ab, zum Beispiel Ernährung und Hygiene in der Kindheit und Jugend. "Es ist ein komplexes Zusammenspiel der genetischen Anlagen und der Einflüsse von außen, das die menschliche Entwicklung bestimmt."

Und die Würfel fallen früh: Schon der Beginn unserer Kindheit erweist sich als entscheidend dafür, wie wir durchs Leben gehen. So zeigen Langzeitstudien: Zwischen den Ergebnissen, die drei- bis sechsjährige Kinder in Mathematik-Tests haben, und ihren Einkommen im Alter von 24 bis 27 Jahren besteht ein sehr enger Zusammenhang. "Die Ungleichheit zwischen Kindern beginnt sogar noch viel früher als mit drei oder sechs Jahren", betonte Currie.

Schon unser Gesundheitszustand bei der Geburt habe großen Einfluss auf unseren späteren Werdegang. "Je höher das Geburtsgewicht, desto mehr Erfolg hat man später auf dem Arbeitsmarkt und desto höher ist das Einkommen", so Currie. Besonders schlechte Startchancen habe, wer bei seiner Geburt weniger als 2500 Gramm auf die Waage brachte. Und schon an dieser frühen Schwelle zeigen sich Unterschiede zwischen Bevölkerungsgruppen: Weiße Mütter mit College-Abschluss bringen mit weit geringerer Wahrscheinlichkeit ein Kind mit niedrigem Geburtsgewicht auf die Welt als schwarze Schulabbrecherinnen. "Soziale Ungleichheit", betont Currie, "besteht schon bei der Geburt."

Wie lässt sich dieses Phänomen erklären? Ein Faktor ist, dass Schwarze in den USA häufig in ärmeren Gegenden wohnen, wo es mehr Umweltverschmutzung gibt - darunter litten die ungeborenen Kinder im Mutterleib. Frappierend ist: Die Möglichkeiten des Staates, dies zu ändern, sind begrenzt. Denn wenn eine verschmutzte Gegend saniert wird und damit die Lebensqualität steigt, ändert sich dort die ethnische Mischung: Weiße Amerikaner ziehen verstärkt dort hin und verdrängen die Schwarzen. "Ein Teil der positiven Effekte wird dadurch wieder wettgemacht", sagte Currie.

Politik mit Nebenwirkungen

Gut gemeinte Politik kann unerwünschte Nebenwirkungen haben - dafür gibt es auch bei der klassischen Familienpolitik zahlreiche Beispiele. So haben sich zum Beispiel die Versuche, die Vereinbarkeit von Kind und Beruf für Frauen zu fördern, zum Teil als kontraproduktiv erwiesen, wie die Berliner Familienforscherin Katharina Spieß in Kiel betonte: "Mit der Einführung des Erziehungsurlaubs und der Elternzeit seit den 80er-Jahren hat sich die Rückkehrwahrscheinlichkeit von Müttern in den Arbeitsmarkt deutlich reduziert", sagte die Professorin der Freien Universität Berlin. Zudem hätten Frauen, die länger aus dem Berufsleben ausgestiegen seien, um sich um ihre Kinder zu kümmern, immer höhere Lohnabschläge hinnehmen müssen.

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