Wegen Missbrauchsfällen: Gläubige flüchten in Scharen aus US-Kirchen

Wegen Missbrauchsfällen: Gläubige flüchten in Scharen aus US-Kirchen

, aktualisiert 20. November 2011, 17:13 Uhr
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Kirche in Chevy Chase, Maryland: Erstaunlich, für welche anderen Religionen sich Abtrünnige entscheiden.

von Olaf StorbeckQuelle:Handelsblatt Online

Der sexuelle Missbrauch von Kindern durch Priester hat die katholische Kirche in eine tiefe Krise gestürzt. In den USA profitieren andere Glaubensrichtungen davon massiv, wie eine Studie zeigt.

LondonSolch einen Skandal hat die katholische Kirche in ihrer fast 2000-jährigen Geschichte noch nicht erlebt: Systematisch und jahrelang haben Kirchenführer in vielen Ländern in den vergangenen Jahrzehnten den sexuellen Missbrauch von Kindern durch Priester gedeckt.

Geistliche, die sich an Kindern vergangen hatten, wurden weder angezeigt noch aus dem Kirchendienst entlassen, sondern häufig nur in andere Gemeinden versetzt, wo sie neue Opfer fanden. Rund vier Prozent aller amerikanischen Priester, die zwischen 1950 und 2000 tätig waren, sollen Kinder missbraucht haben.

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Die traumatisierten Opfer leiden oft noch Jahre später unter dem Missbrauch. Auch für die Religionslandschaft insgesamt hat der Skandal spürbare Folgen – zumindest in den Vereinigten Staaten haben sich die Gewichte zwischen den verschiedenen christlichen Kirchen dadurch deutlich verschoben. Zu diesem Ergebnis kommt der amerikanische Ökonom Daniel Hungerman in einer bemerkenswerten Studie.

Der Wissenschaftler, der an der katholischen University of Notre Dame im US-Bundesstaat Indiana forscht, liefert nicht nur handfeste empirische Belege dafür, dass zwei Millionen Gläubige wegen der Sexskandale aus der katholischen Kirche ausgetreten sind. Als erster Wissenschaftler kann er zudem zeigen: Andere Religionsgemeinschaften haben davon massiv profitiert.

Viele empörte Katholiken haben sich nicht etwa komplett von der Religion abgewandt, sondern haben sich anderen Glaubensrichtungen angeschlossen. Das macht sich in steigenden Mitgliederzahlen bemerkbar und hat auch finanzielle Folgen. Hungerman schätzt, dass die katholische Kirche in den USA zwischen 2002 und 2007 aufgrund des Skandals mindestens drei Milliarden US-Dollar weniger Spenden erhielt. Das Geld floss anderen Religionsgemeinschaften zu.


Ein klares Muster

Basis der Studie ist eine detaillierte Datenbank, in der jeder einzelne Missbrauchsvorwurf gegen einen katholischen Geistlichen in den USA verzeichnet ist. Um die Folgen des Skandals zu messen, nutzt Hungerman aus, dass manche Bundesstaaten stärker als andere von dem Problem betroffen waren und dass die Missbrauchsfälle nicht alle gleichzeitig, sondern erst nach und nach ans Licht kamen.

Der Forscher stößt auf ein klares Muster: Wenn in einer Region neue Vorfälle bekannt werden, nimmt die Zahl der Kirchenaustritte dort danach deutlich zu. „Die Hälfte der Katholiken, die wegen des Skandals die Kirche verlassen haben, hat sich anderen Religionsgemeinschaften zugewandt“, stellt der Forscher fest. Die Negativschlagzeilen über die katholische Kirche hat den anderen Glaubensgemeinschaften in den USA damit eine Million neuer Mitglieder in die Arme getrieben.

Erstaunlich ist, für welche anderen Religionen sich die Abtrünnigen entscheiden: Oft machen sie eine extreme Kehrtwende. Viele schließen sich Glaubensgemeinschaften an, die nur sehr wenig Überschneidungspunkte mit dem Katholizismus haben – vor allem den Baptisten, aber auch den Wiedertäufern und den Mormonen. Religionsrichtungen, die enger mit dem Katholizismus verwandt sind, bekommen dagegen kaum Zulauf.

Unter dem Strich zeigt die Studie: Zumindest in den USA stehen die verschiedenen Glaubensrichtungen in einem harten Wettbewerb – aus der nüchternen Sicht von Ökonomen gelten in der Religion damit die gleichen Gesetze wie auf jedem anderen Markt.

„Substitution and Stigma: Evidence on Religious Competition from the Catholic Sex-Abuse Scandal“, von Daniel Hungerman, NBER Working Paper Nr. 17589 (November 2011)
Kostenloser Download der Studie www.handelsblatt.com/link

Quelle:  Handelsblatt Online
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