Wirtschaftswissenschaften: Angst essen Anlage auf

Wirtschaftswissenschaften: Angst essen Anlage auf

, aktualisiert 11. November 2011, 11:20 Uhr
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Zombie-Kostüme: Oft sind auch die Schreckgespenster der Finanzwelt harmloser als sie scheinen.

Quelle:Handelsblatt Online

Wenn sich Investoren von den Wirren der Finanzwelt verängstigen lassen, setzt oft ihr ökonomischer Verstand aus. Mit falschen Entscheidungen können sie dann Krisen verschärfen. Das belegen Studien mit Horrorfilmen.

KölnAktienmärkte und Horrorfilme haben gewisse Gemeinsamkeiten: Die weltweite Talfahrt an den Börsen ist seit Monaten eine ziemlich gruselige Angelegenheit für Anleger und Firmen und versetzt sie in Angst und Schrecken. Es verwundert daher kaum, dass sich Finanzmarktforscher mehr und mehr mit dem Gefühl der Angst beschäftigen – und in ihren Experimenten sogar Horrorfilme zeigen.

So hat ein Forscherteam aus Berkeley nun mit ungewöhnlicher Methode gezeigt, wie Angst die Märkte abstürzen lassen kann.

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Dafür luden Chan Jean Lee und Eduardo Andrade mehre Hundert Studenten in ihr Forschungslabor und setzten sie in Videokabinen. Ein Teil der Gruppe bekam Szenen aus Horrorfilmen wie „The Ring“ oder „Der Exorzist“ vorgespielt, während die andere Gruppe harmlose Dokumentationen anschaute. Anschließend mussten die Teilnehmer auf einem simulierten Finanzmarkt handeln. Die Horrorfilmkonsumenten sorgten dort für einen handfesten Crash.

Von den 15 Dollar, die die Probanden für die Teilnahme an dem Experiment erhalten hatten, mussten die Teilnehmer zehn Dollar in eine Art Indexfonds investieren. Der Wert des Fonds richtete sich nach der Entwicklung des Gesamtmarkts. Verkaufte ein Teilnehmer seinen Anteil, fiel der Index und riss den Wert aller anderen Anteile mit nach unten. Hielten hingegen alle Teilnehmer ihre Papiere, stieg deren Wert. Die horrorfilmgeschädigten Teilnehmer sorgten schnell für den ersten Kurssturz. Sie verkauften ihre Anteile deutlich früher als die Kollegen aus der Dokumentarfilmgruppe.

Waren die Horrorfilmzuschauer durch Blutfontänen und rollende Köpfe derart traumatisiert, dass sie die Aufregung an der simulierten Börse nicht lange aushielten? Die Erkenntnisse der Ökonomen sprechen für eine andere Erklärung. Die Forscher können zeigen, dass die durch die Filme verängstigten Anleger durchaus versuchten, die Marktentwicklung rational einzuschätzen. Doch die Bilder aus dem Horrorfilm machten sie misstrauisch.


„Soziale Projektion verleitet zu vorschnellen Verkäufen“

Die Horrorfilmzuschauer schätzten ihre Konkurrenten als ängstliche Anleger ein, die ihre Anteile schnell verkaufen würden. Psychologen nennen dieses Verhalten „soziale Projektion“. „Menschen glauben oft, dass ihre Mitmenschen ähnlich fühlen, denken und handeln wie sie selbst“, erklären Lee und Andrade in ihrer Studie. Heißt: Wer Angst hat, glaubt, dass sein Gegenüber auch Angst hat.

Wie stark der Einfluss der sozialen Projektion ist, zeigte sich bei der Variation des Experiments: Dabei wurde der Wert des Indexfonds nicht mehr durch die Aktionen der Teilnehmer, sondern durch einen Computer per Zufallsmechanismus bestimmt. Plötzlich hielten die verängstigten Teilnehmer aus der Horrorfilmgruppe ihre Anteile genauso lange wie die Dokumentarfilmkonsumenten. Der Computer stand schließlich nicht in dem Verdacht, besonders ängstlich zu sein.

„Soziale Projektion verleitet ängstliche Anleger zu vorschnellen Verkäufen“, sind sich die Ökonomen sicher. Gerade am Finanzmarkt, wo die Investoren stets versuchen, das Verhalten ihrer Konkurrenten vorauszusagen, spielt es eine große Rolle, wie sich die Händler gegenseitig einschätzen.

Doch Angst ist nicht die einzige Emotion, die die Finanzmärkte bewegt. Ein Forscherteam aus den USA und Norwegen fand heraus, dass die nationale Börse abstürzt, wenn das entsprechende Land ein wichtiges Spiel bei der Fußball-Weltmeisterschaft verliert. Für viele ist das wohl auch schlimmer als Bankenkrise und Axtmörder.

Studie: „Fear, Social Projection, and Financial Decision Making“ von Chan Jean Lee und Eduardo Andrade, Journal of Marketing Research (2011)

Kostenloser Download: www.handelsblatt.com/link

Quelle:  Handelsblatt Online
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