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Wirtschaftswissenschaften: Neue Ökonomen braucht das Land

von Dorit Heß und Olaf Storbeck Quelle: Handelsblatt Online

Den ökonomischen Think Tanks in Deutschland steht ein Generationswechsel ins Haus. Mit der Berufung des renommierten Oxford-Professors Clemens Fuest konnte das ZEW in Mannheim einen ersten Coup landen.

Der 43-jährige Steuerexperte Clemens Fuest lehrt derzeit an der Universität Oxford. Er gilt als unideologischer und pragmatischer Vertreter seiner Zunft. Quelle: Olaf Storbeck
Der 43-jährige Steuerexperte Clemens Fuest lehrt derzeit an der Universität Oxford. Er gilt als unideologischer und pragmatischer Vertreter seiner Zunft. Quelle: Olaf Storbeck

Frankfurt/LondonAuf die gediegenen „high table dinners“ in jahrhundertealten, klosterähnlichen Gemäuern wird Clemens Fuest demnächst verzichten müssen. Bei Kaminfeuer und Kerzenschein treffen sich in Oxford regelmäßig die Professoren zum Abendessen – oft noch im Talar und quer über alle Fachgrenzen hinweg. Der Philosoph speist neben dem Literaturwissenschaftler und dem Ökonomen. Eine Tradition, die bis ins Mittelalter zurückgeht.

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Noch ein Jahr lang kann der deutsche Finanzwissenschaftler das englische College-Leben genießen – dann kehrt der Professor aus Oxford nach Deutschland zurück. Im März 2013 wird Fuest, 43, neuer Präsident des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) – einer der führenden ökonomischen Denkfabriken der Republik. Er wird Nachfolger des Wirtschaftsweisen Wolfgang Franz, 68, der nach dann fast 16 Jahren an der Spitze des ZEW in den Ruhestand geht.

Mit der Personalie Fuest geht der Umbruch der Wirtschaftsforschungsinstitute in die nächste Runde. Großbaustellen gibt es derzeit noch an zwei weiteren Häusern: Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin sucht einen neuen Chef, und das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) kämpft ums Überleben. Das Münchener Ifo-Institut dagegen hat den Generationswechsel verschoben. Es ist zwar noch nicht offiziell, aber die Weichen sind gestellt: Hans-Werner Sinn wird seinen Vertrag um drei Jahre verlängern. Statt 2013 endet seine Amtszeit als Ifo-Chef dann am 31. März 2016, kurz nach Sinns 68. Geburtstag.

Im harten Wettbewerb um die wenigen Professoren, die als Institutschef infrage kommen, hat das ZEW einen echten Coup gelandet. Das Institut holt sich einen der international profiliertesten und forschungsstärksten Ökonomen. Fuest, laut Handelsblatt-Ranking unter den hundert forschungsstärksten deutschsprachigen Volkswirten, verkörpert eine neue Forschergeneration: Eine, die pragmatisch und unideologisch arbeitet, größten Wert auf die saubere Analyse von Daten legt und ihre Ergebnisse in den besten Fachzeitschriften der Welt veröffentlicht. Die Uni Oxford hatte den Experten für Steuern und Staatsfinanzen daher 2008 mit äußerst lukrativen Konditionen aus Köln abgeworben. „Man hat mir ein Angebot gemacht, das ich nicht ablehnen konnte“, hatte er damals dem Handelsblatt gesagt.

Dass Fuest jetzt dennoch in seine Heimat zurückkehrt, zeigt auch, welch große Fortschritte Teile der deutschen Volkswirtschaftslehre in den vergangenen Jahren gemacht haben. Etliche Hochschulen und Institute sind heute attraktive Arbeitgeber für international erfolgreiche Forscher. So steht auch die private Berliner Business School ESMT nach Informationen des Handelsblatts kurz vor der Verpflichtung eines hochkarätigen Forschers aus dem Ausland. Frei geworden ist der Chefposten, weil Bundeskanzlerin Merkel den bisherigen ESMT-Chef, Lars-Hendrik Röller, als Berater ins Kanzleramt holte.


Vor 15 Jahren galten die deutschen Institute noch als verkrustet

Vor zehn, 15 Jahren hatten vor allem die Forschungsinstitute größte Mühe, neues Führungspersonal zu bekommen. Die Häuser galten als verkrustete Institutionen, die wissenschaftlich den Anschluss verloren hatten und sich mit sich selbst beschäftigten. Die Stellen waren so unattraktiv, dass renommierte Ökonomen die Chefposten reihenweise ablehnten. Besonders schlimm war die Krise beim Kieler Institut für Weltwirtschaft – mehr als zwei Jahre suchte das Traditionshaus ab 2002 einen Nachfolger für Horst Siebert, der in den Ruhestand gegangen war.

Seit den späten 90er-Jahren nehmen die Geldgeber aus Bund und Ländern die Institute genauer unter die Lupe: Regelmäßig wird die Arbeit von unabhängigen, externen Gutachtern evaluiert – das setzte eine immense Modernisierung unter den Instituten in Gang. Ihren Anfang nahm die Entwicklung 1999 in München, wo Sinn das Ifo-Institut komplett umkrempelte. Aus einem Sanierungsfall, der kurz vor der Schließung stand, wurde ein international gut vernetztes, wissenschaftlich führendes Forschungszentrum. Das Essener RWI und das Kieler IfW gelten auch als erfolgreiche Turn-around-Fälle.

Vor allem kleinere Institute haben es im Wettbewerb um hochkarätige Ökonomen und knappe Forschungsmittel dagegen schwer. So verlor das Hamburger HWWA nach einer schlechten Evaluierung 2004 die öffentliche Förderung und musste zumachen. Das  Nachfolge-Institut HWWI ist privat finanziert und deutlich kleiner.

Dem IWH in Halle droht ein ähnliches Schicksal. Eine Vorentscheidung darüber, ob das einzige ostdeutsche Wirtschaftsforschungsinstitut noch eine Chance bekommt, fällen Bund und Länder im Februar, endgültig entscheiden sie im April. Bei der letzten Evaluierung ist das Institut schlecht weggekommen, auf Druck der Geldgeber legte der bisherige Leiter, Ulrich Blum, Ende 2011 sein Amt nieder. Sollte das IWH grünes Licht bekommen, braucht daher auch dieses Haus einen neuen Chef. „Das IWH muss einen Generationswechsel vollziehen“, sagte die Wissenschaftsministerin von Sachsen-Anhalt, Birgitta Wolff, dem Handelsblatt. „Wir suchen einen forschungsstarken, international erfahrenen Ökonomen, um das Institut wieder relevanter zu machen.“

Beim DIW – nach langen internen Querelen schied Klaus Zimmermann 2011 als Präsident aus – hat die Chefsuche unter Federführung des Kuratoriumsvorsitzenden Bert Rürup bereits begonnen, die Bewerbungsfrist endet morgen. Wie viele Bewerbungen schon eingegangen sind, verrät Rürup nicht. Klar sei so viel: „Die neue Spitze muss für moderne, forschungsbasierte Politikberatung stehen“, sagte er dem Handelsblatt. Das DIW brauche eine Leitung mit makroökonomischer Ausrichtung, die nicht nur selbst international anerkannte Forschung erbringe, sondern auch Erfahrungen im Forschungsmanagement habe.

Mit der Personalie Fuest hat die Konkurrenz in Mannheim vorgelegt. Der Druck in Berlin ist groß – erst recht, weil im April die nächste Evaluierung durch externe Gutachter ansteht.

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