
ChemnitzMelanie Krause ist 28, aber ihr Stundenplan ist voll wie im ersten Semester: Mikroökonomik, Makroökonomik, Mathematik. Nach einem Jahr stehen harte Klausuren an, danach muss sie regelmäßig Forschungspapiere abgeben.
Formal ist Krause schon länger keine Studentin mehr - sie promoviert. Aber nicht, wie an deutschen Hochschulen früher üblich, einsam und auf sich selbst gestellt an einem Lehrstuhl. Krause besucht die Graduate School of Economics, Finance and Management (GSEFM), eine gemeinsame Initiative der Unis Frankfurt, Mainz und Darmstadt.
Im ersten Jahr erwartet den akademischen Nachwuchs dort ein straffes Unterrichtsprogramm, in dem die zentralen Inhalte des Studiums wiederholt und vertieft werden - so , wie es in den USA schon lange üblich ist. "Ich finde es gut, dass man in Deutschland auf demselben Niveau promovieren kann wie an amerikanischen Top-Universitäten", sagt Krause.
In den vergangenen Jahren haben alle führenden deutschen VWL-Fakultäten ihre Doktorandenausbildung umgebaut und Schnellstraßen zum Doktortitel entwickelt. Nachwuchswissenschaftler absolvieren einen festen Stundenplan mit forschungsnahen Kursen, schreiben regelmäßig Prüfungen und Aufsätze.
Der große Pionier bei solchen Doktorandenschulen war da die Uni Bonn. Viel früher als alle anderen Hochschulen hat sie ein strukturiertes Programm nach angelsächsischem Vorbild eingeführt. Die Bonn Graduate School of Economics ist zwar bei der letzten Runde der Exzellenzinitiative durchs Rost gefallen, gilt aber nach wie vor als eine der anspruchsvollsten und besten Adressen für VWL-Doktoranden im deutschsprachigen Raum.
Insgesamt sind die Angebote der Hochschulen sehr unübersichtlich. Das Handelsblatt bringt mit einer detaillierten Übersicht über die Programme der 25 forschungsstärksten Unis Licht in das Dunkel.
Vielfältige Umsetzung an den Hochschulen
Fast jede Hochschule hat ihr eigenes Modell entwickelt: Manche, wie Frankfurt, haben zumindest für das erste Jahr eine Vollzeitausbildung geschaffen. Andere, etwa die Göttinger Graduiertenschule Gesellschaftswissenschaften, bieten eher Fortbildungskurse für die traditionell Promovierenden an.
Einige Unis, etwa Bielefeld, bieten einen Doppeldoktor mit Partnerunis an, manche setzten auf Interdisziplinarität (Köln), andere arbeiten mit externen Forschungsinstituten zusammen (Bochum). Etliche nehmen auch Bachelor-Absolventen auf, die in einem Rutsch Master- und Doktortitel erwerben können (Bonn, HU Berlin).
Der zentrale Vorteil der strukturierten Programme ist, dass die Doktoranden nicht mehr vom Wohl und Wehe eines Professors abhängen, sondern deutlich besser betreut werden. "In einigen Programmen gibt es ganz klare Regeln darüber, wie regelmäßig sich die Professoren mit den Promovierenden austauschen müssen", sagt Kalle Hauss vom Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung (iFQ). Mitunter ist auch festgeschrieben, in welchen Fällen der Doktorand seinen Betreuer wechseln darf - bei der Lehrstuhlpromotion, wenn der Doktorvater zugleich Vorgesetzter ist, geht das nicht so einfach.
Zudem haben Doktoranden, die Graduiertenschulen besuchen, oft mehr Zeit, sich auf ihre Promotion zu konzentrieren - ihre Lehrverpflichtungen sind oft geringer als die von traditionellen Assistenten. Wirtschaftswissenschaftler profitieren besonders, zeigt eine Studie des iFQ: In strukturierten Programmen sind 75 Prozent der Doktoranden mit der Betreuung zufrieden oder sehr zufrieden, bei der klassischen Variante dagegen nur 65 Prozent.
Die Graduiertenschulen machen deutsche VWL-Fakultäten auch für ausländische Doktoranden interessanter. Unterrichtssprache ist fast überall Englisch, und die Plätze werden international ausgeschrieben. Die Graduate School in Frankfurt etwa vermeldet einen Ausländeranteil von 60 Prozent.
Vermischte Varianten
Allerdings: Längst nicht überall hat die verschulte Ausbildung die traditionelle vollständig abgelöst, häufig vermischen sich beide Varianten. Oft besuchen Doktoranden spezielle Kurse, arbeiten dazu aber parallel wie früher an einem Lehrstuhl. Ein Beispiel dafür ist die Uni Frankfurt: Dort gilt nur im ersten Jahr ein strammes Programm. Danach bekommen die Teilnehmer so wie früher eine Assistentenstelle - Melanie Krause etwa hält Übungen am Lehrstuhl für Internationale Makroökonomik.
Promovieren und gleichzeitig mit einem Bein im Berufsleben stehen - das ist auch das Prinzip des Programms der Universität Erlangen-Nürnberg und des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. Die Teilnehmer haben ihren Betreuer an der Uni und besuchen Kurse an der Hochschule wie im Institut, parallel arbeiten sie am IAB. Daniela Nordmeier, 28, untersucht seit 2009 Arbeitskräftewanderungen: "Die Nähe zur Forschungspraxis war für mich entscheidend."














