Wissenschaft: Warum Musikpiraterie kleinen Plattenlabels hilft

Wissenschaft: Warum Musikpiraterie kleinen Plattenlabels hilft

, aktualisiert 30. November 2011, 19:14 Uhr
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Ein Online-Ermittler sucht nach illegaler Musik.

von Olaf StorbeckQuelle:Handelsblatt Online

Musikpiraterie kostet die Plattenindustrie Milliarden. Viele fürchten, dass deshalb auch die Qualität von Neuerscheinungen leiden könnte. Eine US-Studie kommt jedoch zu verblüffenden Ergebnissen.

LondonDas Internet hat kaum eine Branche so sehr durcheinandergewirbelt wie die Musikindustrie: 1999 machten Plattenfirmen in Deutschland noch 2,6 Milliarden Euro Umsatz, zehn Jahre später waren es nur noch 1,6 Milliarden Euro. 70 Millionen Lieder kaufen die Deutschen derzeit jedes Jahr legal - zugleich erstellen sie rund 420 Millionen illegale Kopien.

Die Plattenindustrie geht hart gegen Musikpiraten vor. Das diene nicht nur dem Schutz der Umsätze und Gewinne, sondern sei letztlich auch im Interesse aller Musikliebhaber, argumentiert die Branche. Je weniger Geld Künstler und Plattenfirmen verdienten, desto geringer sei der Anreiz für sie, in neue Bands zu investieren und neue Alben auf den Markt zu bringen. Wer nicht bereit sei, für Musik zu bezahlen, werde früher oder später keine gute neue Musik mehr genießen können.

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Der amerikanische Ökonom Joel Waldfogel, Professor an der University of Minnesota, hat dieses Argument jetzt empirisch auf den Prüfstand gestellt - und zieht es nachhaltig in Zweifel. Waldfogel hat die Qualität der Popmusik wissenschaftlich untersucht. Er findet keinerlei Belege dafür, dass sich die Konsumenten seit dem Aufkommen von illegalen Tauschbörsen wie Napster und "Pirate Bay" mit schlechterer Musik zufriedengeben müssen: "Der kreative Output der Branche ist heute mindestens genauso hoch, wenn nicht höher, wie vor dem Aufkommen von Napster", lautet sein Fazit.

Um die Qualität von neuer Musik zu messen, hat Waldfogel eine Reihe von Indikatoren entwickelt. Er stützt sich dabei unter anderem darauf, wie gut Alben bei Musikjournalisten ankommen und wie häufig Songs im Radio gespielt werden. Unter anderem wertete der Ökonom knapp 60 verschiedene Ranglisten von Musikkritikern aus - zum Beispiel die Liste der 500 besten Platten aller Zeiten des Musikmagazins „The Rolling Stone“. Zudem nutzte er detaillierte Daten über die Playlists amerikanischer Radiosender und wertete aus, welche Songs aus welchen Jahren im Laufe der Zeit wie oft gespielt wurden.


Internet könnte Musikern sogar helfen

Als weiteren Indikator zog er Auszeichnungen wie die „Goldene Schallplatte“ heran. Waldfogels Grundüberlegung lautet: Wenn die Qualität neuer Musik durch Napster und Co gelitten hat, müssten Alben, die nach 1999 produziert wurden, bei diesen verschiedenen Qualitätsindikatoren schlechter abschneiden.

Dafür findet er aber keine Indizien. Alben, die nach 1999 auf den Markt gekommen ist, kommen bei den Experten im Schnitt genauso gut weg wie solche, die in der Vor-Napster-Ära produziert wurden. Im Radio und bei Auszeichnungen wie der „Goldenen Schallplatten“ schnitt neuere Musik sogar tendenziell besser ab. Sie gewann mehr Preise und wurde häufiger im Radio gespielt. Waldfogel interpretiert dies als Beleg dafür, dass die Qualität dieser Songs womöglich sogar höher war.

Wie lässt sich das Ergebnis erklären? Waldfogel vermutet, dass das Internet nicht nur den Vertrieb, sondern auch die Produktion von Musik vom Kopf auf die Füße gestellt hat. Für unbekannte Musiker und kleine Plattenfirmen sei es heute viel einfacher und billiger, Alben aufzunehmen und bekanntzumachen. Die führe dazu, dass das Angebot vielfältiger geworden sei. Ein Indiz dafür ist, dass die Quote erfolgreicher Platten, die von kleinen, unabhängigen Labels verlegt werden, seit 1999 deutlich gestiegen ist.

Sosehr das Internet das etablierte Geschäftsmodell der Plattenfirmen torpediert, um das Musikangebot brauchen sich Liebhaber keine Sorgen zu machen..

„Copyright Protection, Technological Change and the Quality of New Products", von J. Waldfogel, NBER Working Paper Nr. 17503 (2011)

Quelle:  Handelsblatt Online
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